Osnabrück
Krieg in Ukraine: Fratzscher warnt vor noch höherer Inflation und Rezession
Die Verbraucher müssen sich infolge des Kriegs in der Ukraine auf schwere Belastungen einstellen, so Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Im Interview spricht er über galoppierende Inflation und einen schweren Rückschlag für die Konjunktur in Deutschland.
Frage: Herr Fratzscher, wegen des Kriegs in der Ukraine schnellen die ohnehin schon hohen Energiepreise weiter in die Höhe. Was kommt da an den Zapfsäulen, beim Kauf von Heizöl und bei den Gasrechnungen auf die Verbraucher zu?
Antwort: Wahrscheinlich wird es im laufenden Jahr Inflationsraten von deutlich über fünf Prozent geben. Im Fall einer Eskalation des Kriegs und immer neuer Sanktionen kann es sogar Richtung zehn Prozent gehen. Wir hatten ohnehin schon einen starken Energiepreisanstieg Ende letzten Jahres und Anfang diesen Jahres. Die Teuerung dürfte sich in den kommenden Wochen und Monaten noch einmal verstärken, da noch nicht alle Preissteigerungen und höheren Kosten an die Konsumentinnen und Konsumenten weitergegeben worden sind. Die Lage ist unsicher. Aber eines ist sicher: Wenn es zu einem Stopp der Gas- und Öllieferungen von Russland nach Europa käme, dann würde sich die Lage noch einmal dramatisch verschärfen.
Frage: Welche weiteren Faktoren spielen bei der Inflation eine Rolle?
Antwort: Man darf nicht nur auf die Energiepreise schauen. Wir könnten auch wieder sehr große Probleme bei den Lieferketten bekommen, beispielsweise bei Halbleitern, denn Russland exportiert auch wichtige Rohstoffe wie seltene Erden. Das gleiche gilt für Nahrungsmittel. Russland ist einer der großen Exporteure von Weizen und von Düngemitteln. Wir müssen uns deshalb darauf einstellen, dass die Nahrungsmittelpreise noch einmal deutlich steigen könnten. Es kann sehr, sehr hart werden für die Verbraucherinnen und Verbraucher in den kommenden Monaten.
Frage: Sollte die Bundesregierung jetzt die Steuern auf Energie senken oder erlassen, um die Verbraucher zu entlasten?
Antwort: Die Politik wird nicht alle Preissteigerungen abfedern können. Aber sie muss zielgenau helfen. Vor allem für Menschen mit geringen und mittleren Einkommen ist die Lage schwierig, wenn sie plötzlich doppelt oder dreifach soviel für Energie und ein Vielfaches für Lebensmittel zahlen müssen. Wünschenswert wären Hilfen für Menschen mit mittleren oder niedrigen Einkommen, sagen wir mal unter 50.000 Euro im Jahr. Sie sollten komplett entschädigt werden durch direkte Transfers. Sie sollten ein Energiegeld bekommen. Das wäre das Zielgenaueste.
Frage: Ist das jetzt der Zeitpunkt für ein Eingreifen der EZB? Muss die Europäische Zentralbank jetzt die Zinsen anheben, um die Inflation zu dämpfen?
Antwort: Wer jetzt eine Zinsanhebung durch die EZB fordert, der versteht nicht wirklich, wie Geldpolitik funktioniert und was eine Zentralbank kann und was sie nicht kann. Weder die EZB noch eine andere Notenbank kann Herrn Putin stoppen. Wenn die EZB jetzt die Zinsen erhöhen würde, würde das nichts an den höheren Energie- und Lebensmittelpreisen ändern und es würde auch die Lieferketten nicht absichern. Stattdessen würde der Schaden noch vergrößert, weil höhere Zinsen die Wirtschaft schwächen.
Frage: Welche konjunkturellen Folgen werden der Krieg und die damit verbundene ökonomische Krise haben?
Antwort: Ich erwarte, dass die deutsche Wirtschaft jetzt wieder in eine Rezession abgleitet. Die Entwicklung der Wirtschaftsleistung war schon im vierten Quartal des vergangenen Jahres negativ. Auch im ersten Quartal des laufenden Jahres und im zweiten Quartal dürfte die deutsche Wirtschaft schrumpfen. In einer solchen Situation Zinsen zu erhöhen, würde bedeuten, dass die Arbeitslosigkeit steigt. Die Menschen würden doppelt gestraft. Sie würden nicht nur mehr Geld im Supermarkt und an der Zapfsäule zahlen müssen, sondern würden auch weniger Einkommen haben.
Frage: Und was raten Sie ?
Antwort: Die EZB darf jetzt nicht die Zinsen senken, sondern muss dafür sorgen, dass es zu keiner Finanzkrise kommt. Sie muss dafür sorgen, dass der Geldmarkt weiter funktioniert, dass Unternehmen weiterhin an Kredite kommen können, um investieren und Jobs sichern zu können. Ich erwarte von der EZB, dass sie die geldpolitische Normalisierung, so wünschenswert sie auch ist, noch einmal verschiebt. Denn jetzt geht es darum, erst einmal die Wirtschaft zu stabilisieren.
Frage: Wegen der schweren Spannungen mit Russland will die EU so schnell wie möglich unabhängig von russischem Gas werden. Für wie realistisch halten Sie es, dass die Gasimporteaus Russland binnen Jahresfrist um zwei Drittel reduziert werden können
Antwort: Auf zwei Drittel der russischen Gasimporte zu verzichten, ist ein realistisches Ziel. Es wäre sogar – unter Schmerzen – möglich, komplett auf russisches Gas zu verzichten. Die Frage ist, wie man diese Wende vollzieht. Das Wichtigste ist, die Nachfrage zu reduzieren und nicht primär zu versuchen, die Lücke zu schließen. Es wird viel über Flüssiggas gesprochen. Aber wir wissen, dass das globale Angebot hier kurz- und mittelfristig sehr fix ist. Auch darf man nicht vergessen: Wenn man stärker auf LNG setzt, dann nimmt man anderen, häufig sehr armen Ländern diese Rohstoffe weg. Deshalb ist es so wichtig, eher über die Nachfrage zu gehen. Wir müssen viel mehr Geld investieren und in energetische Gebäudesanierung, Fernwärme und Geothermie fördern, Verkehr von der Straße auf den öffentlichen Nahverkehr verlagern.
Frage: Und was ist mit der Kernkraft?
Antwort: Man könnte auch Kernkraftwerke länger laufen lassen. Ich halte das aber für eine sehr kostspielige und schlechte Option. Pragmatischer ist es, vorerst weiter auf Kohlekraft zu setzen. Das ist im Augenblick der gangbarste Weg, natürlich nicht aus der Klimaschutzperspektive, aber aus einer kurzfristigen Stabilitätsperspektive. Und natürlich müssen wir die erneuerbaren Energien deutlich schneller ausbauen als bislang geplant.
Frage: Russland wird mit immer mehr Sanktionen überzogen. Die USA erlassen ein Importverbot für Rohöl aus Russland. Wie bewerten Sie das?
Antwort: Die Amerikaner sind in einer deutlich leichteren Situation als wir Europäer, weil sie ihre eigenen Gas- und Ölquellen haben. Auch geht es im Energiehandel zwischen Russland und den USA um deutlich geringere Mengen. Deshalb wird das Russland auch nicht so hart treffen. Man sollte die Wirkung der US-Sanktionen nicht überschätzen.
Frage: Kann man Russland überhaupt ökonomisch in die Knie zwingen? Und welchen Preis hätte das?
Antwort: Ich glaube, wir verkennen, dass eine Spirale von Sanktionen Deutschland und Europa wirtschaftlich sehr hart treffen würde. Gerade weil Russland als Lieferant von Öl und Gas, aber auch von seltenen Erden und anderen Rohstoffen häufig am längeren Hebel sitzt. Deshalb halte ich einen kompletten Stopp von Gasimporten für den falschen Weg. Wir sind sehr viel verletzlicher als wir das denken, auch wirtschaftlich gesehen. Ich denke, man wird Russland durch Sanktionen nicht so schnell in die Knie zwingen können.
Frage: Welche wirtschaftlichen Perspektiven sehen Sie für die Ukraine? Wie kann ein so stark vom Krieg zerstörtes Land eine neue Chance bekommen?
Antwort: Die Summe für den Wiederaufbau wird astronomisch sein. Und natürlich steht Europa in der Pflicht, dabei Hilfe zu leisten. Dass Städte, die jetzt zerstört werden, in den kommenden Jahren überhaupt wieder bewohnbar sein werden, lässt sich sehr bezweifeln. Wir werden uns darauf einrichten müssen, dass Hunderttausende oder sogar Millionen von Ukrainern nie wieder in ihr Land zurückkehren können.
Frage: Ziehen wir den Kreis noch weiter. Welche Schäden wird es außerhalb des Kriegsgebiets geben?
Antwort: Man sollte die Dinge nicht nur durch die nationale oder die europäische Brille betrachten. Der Kollateralschaden des Kriegs für die Entwicklungs- und Schwellenländer könnte fürchterlich sein, etwa für ein Land wie Ägypten, das allein ein Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Weizenimporte ausgibt. Wenn dann die Preise explodieren oder wichtige Lieferanten wie die Ukraine ausfallen, dann hat das extreme Folgen, etwa in Form von Armut und Hunger.