Hamburg

Putin und Schröder: Warum jetzt alle überrascht tun und gar nichts ändern

Thomas Schmoll
|
Von Thomas Schmoll
| 09.03.2022 14:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Gerhard Schröder distanziert sich nicht vom russischen Präsidenten Wladimir Putin. Dieses Foto stammt aus dem Jahr 2018. Foto: dpa/TASS
Gerhard Schröder distanziert sich nicht vom russischen Präsidenten Wladimir Putin. Dieses Foto stammt aus dem Jahr 2018. Foto: dpa/TASS
Artikel teilen:

Seit Jahren ist bekannt, wie aggressiv Wladimir Putin gegen alles vorgeht, was ihm im Weg steht. Erst nach Beginn des Krieges in der Ukraine distanzieren sich Fußballclubs, Städte und Prominente von Putin und seinem Spießgesellen Gerhard Schröder. Wie ernst ist das gemeint?

Gut 15 Jahre und einen brutalen Angriffskrieg hat es gedauert, bis der Fußball-Klub Schalke 04 gemerkt hat, dass das Geld seines Sponsors Gazprom stinkt. Vereinschef Bernd Schröder erklärte zur Trennung von dem russischen Konzern als Geldgeber, dass der Schaden für Schalke wegen der russischen Invasion in der Ukraine „zu groß“ geworden sei. Das Ende der Geschäftsbeziehung nannte er „alternativlos“.

Eingefädelt hatte den Deal Altkanzler Gerhard Schröder. Schon damals warnten Kenner der russischen Wirtschaft unter Verweis auf die monströse Schattenseite von Gazprom vor einem Vertrag mit dem Unternehmen. Jürgen Roth veröffentlichte 2017 ein Buch über „die neuen Paten“.

Er meint damit Politiker wie Wladimir Putin, die dafür sorgen, dass „die Grenze zwischen den klassischen Aktivitäten des Staates und denen des organisierten Verbrechens verschwimmt.“ Sein Fazit: „Mafia-Staaten entstehen.“

Roth gab dem Fußball-Magazin „11 Freunde“ Ende 2006 ein Interview, in dem er sagte:

Zu den damals in Medien genannten, maximal 125 Millionen Euro für die kommenden sechs Jahre Sponsorengeld erklärte er: „Für Gazprom sind das Peanuts.“ Um seine Aussage zu untermauern, berichtet er von einem Verdacht gegen einen Gazprom-Repräsentanten, der „mit zweistelligen US-Dollar-Milliardenbeträgen auf dem schwarzen Finanzmarkt jongliert“.

Es war nicht der einzige Hinweis auf mutmaßliche oder tatsächliche Machenschaften von Gazprom. Auch die Nähe des Staatskonzerns zu Putin, der damals schon in Georgien Krieg geführt hatte, war bekannt. Interessiert hat es niemanden. Oder man hat es relativiert, verniedlicht oder beiseitegeschoben.

Das gilt auch für Künstler wie den russischen Dirigenten Vasily Gergiev und seine Landsfrau, die Sopranistin Anna Netrebko. Beider Ansichten und ihre Nähe zum Kreml sind seit Jahren bekannt. Gergiev ist bekennender Putin-Freund, er und Netrebko machten für den Herrscher im Kreml Wahlkampf.

Trotzdem merkte die Stadt München erst nach den ersten Bomben auf Wohnhäuser in der Ukraine, dass Gergiev glühender Putin-Anhänger ist und feuerte ihn als Chefdirigenten der Philharmoniker in der bayerischen Landeshauptstadt.

„Ich habe mich wie viele andere in ihm getäuscht“, erklärte Clemens Tönnies, Ex-Aufsichtsratschef von Schalke 04 über Putin. Es ist einer der unzähligen Versuche, individuelles Versagen durch Kollektivierung in einer großen anonymen Masse verschwinden zu lassen. „Wir haben uns alle getäuscht“, sagen jetzt alle, die sich gerne täuschen ließen, weil ihnen Geld von Putin nicht genug stank.

Der Machthaber in Moskau steht für Auftragsmorde, Opposition plattmachen, Hetze, Krim-Annexion, Wahlbeeinflussung im Westen, Unterstützung von Ländern wie Syrien und Venezuela, diverse Kriege – woher sollten all das Borussia Dortmund, die Stadt Hannover, die Universität Göttingen und all die anderen wissen, die sich nun von Gerhard Schröder abwenden und ihm Mandate und Ehrentitel wegnehmen wollen? Sie hätten ab und an auf die Aussagen des inhaftierten Kremlgegners Alexej Nawalny schauen oder Zeitung lesen sollen.

Die „Welt“ schrieb im Januar 2021 über die „Fake-Umweltstiftung“ von Manuela Schwesig, die einzig und allein dafür bestimmt war, Nord Stream 2 zu verwirklichen. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern „macht sich damit zur Helfershelferin russischer Einflussnahme“. Das hat die Bundes-SPD ignoriert, um die Harmonie zwischen Schröder und Schwesig nicht zu stören.

Im September war schließlich eine Wahl zum Schweriner Landtag, die Pipeline versprach Arbeitsplätze. Wie viele andere, die sich für Zusammenarbeit mit Russland engagiert hätten, sei auch sie „tief enttäuscht und entsetzt“, sagte Schwesig nun. Hätte sie die „Welt“ gelesen, hätte sie sich die Tränen sparen können.

„Gerhard Schröder ist in der SPD komplett isoliert“, stellte Parteichef Lars Klingbeil neulich fest. Das große Entsetzen in der Partei über das Verhalten ihres einst starken Kanzlers ist ehrlich und aufrichtig. Aber „komplett isoliert“ ist was anderes. Die niedersächsische SPD-Landtagsabgeordnete Doris Schröder-Köpf, die Ex-Frau des 77-Jährigen, schrieb an ihre Parteigenossen in Hannover:

Es gibt keinen einzigen ernst zu nehmenden Menschen, der das je getan hat. Schröder-Köpfs Ex-Gatte hat weder zum Massenmord an Juden oder wem immer noch zu einem Krieg aufgerufen. Der Altkanzler hat bisher nicht mal eine Straftat begangen. Dreck am Stecken hat er trotzdem.

Die Messlatte Schröder-Köpfs ist noch perfider als der Satz „Wir haben uns alle getäuscht“. Selbst Putin kommt im Vergleich mit Hitler nicht ganz so schlecht weg, weil er keine Gaskammern betreibt. So wirkt das eklige Verhalten Schröders irgendwie erträglich und gerade noch akzeptabel.

Es ist merkwürdig, warum so wenige Putinversteher zugeben, dass sie jahrelang falsch lagen und einem blutrünstigen, skrupellosen Diktator geholfen haben, der drauf und dran ist, ein ganzes Land auszuradieren. Die es doch tun, etwa Schwesig oder Sahra Wagenknecht, müssen wissen: Es reicht keinesfalls, die bittere Erkenntnis, dass Putin über Leichen geht, öffentlich zuzugeben. Nötig ist eine tiefe Entschuldigung mindestens vor den Ukrainern und Demut – am besten vor der ganzen Welt.

Ähnliche Artikel