Georgsmarienhütte
GMH-Chef: Hier gibt es viele Macher - wenn man sie lässt
Die Stahlindustrie in Deutschland hat einen enormen Anteil an den CO2-Emissionen der Industrie. Ein Gespräch mit Alexander Becker, Vorsitzender der Geschäftsführung der GMH Gruppe, über seinen Weg zum Unternehmen, Elektrostahl, der Entwicklung der Gruppe und den Weg zu einem „grünen“ Produkt.
Frage: Herr Becker, Sie waren zuletzt bei ThyssenKrupp, davor bei Continental. Kommt Ihnen dagegen die GMH Gruppe nicht recht klein vor?
Antwort: Nach 20 Jahren Dax-Konzern hatte ich Lust auf etwas Anderes. Die GMH Gruppe ist ein mittelständisches Unternehmen, in dem ich wieder richtig schnell Entscheidungen treffen kann. Das tut gut und macht Spaß. Wir haben nicht nur hier am Standort Georgsmarienhütte einiges vor.
Frage: Was nimmt man von Dax-Konzernen für die Arbeit im Familienunternehmen mit?
Antwort: Was ich bei Conti verinnerlicht habe, ist die Einstellung: Wir brauchen eine gute Technologie und das wettbewerbsfähigste Kostenniveau. ThyssenKrupp hat einen starken Fokus auf Arbeitssicherheit, da können sich viele eine Scheibe abschneiden. Außerdem konnte ich trotz des großen Konzerns eigenständig agieren. Das alles zusammengenommen ist auch für ein Familienunternehmen wie die GMH Gruppe wichtig. Denn der Wettbewerb in der Branche ist härter geworden in den letzten Jahren. Da muss man insbesondere seine Technologie und die Kosten im Griff haben.
Frage: Herausforderungen im Stahlmarkt gibt es nicht erst seit der Pandemie: Überkapazitäten, Dumpingpreise aus China und dann das Coronavirus. Wie ist die Lage der Branche aktuell?
Antwort: Auch wenn sich die Stahlindustrie im vergangenen Jahr etwas erholt hat, bleibt der Wettbewerb hart. Und jetzt haben wir mit Preiserhöhungen zu kämpfen, die die Stahlindustrie in dieser Dimension noch nicht gesehen hat. Das betrifft in erster Linie Strom und Erdgas, aber auch viele andere Elemente wie Aluminium und Magnesium und ganz simpel der Sprit für Dienstfahrzeuge. Mitte des Jahres wird eine Lohnkostensteigerung hinzukommen, dann stehen Tarifgespräche an. Das macht den Standort Deutschland nicht attraktiver.
Frage: Halten Sie die Produktion denn zurzeit an allen Standorten trotz hoher Kosten aufrecht?
Antwort: Ja, unsere Schmieden, Gussbetriebe und Stahlwerke produzieren in gewohntem Umfang. Auch, wenn der Druck zurzeit unglaublich groß ist. Nicht nur die Energiekosten treffen uns, wir müssen auch selbst Stahl zukaufen, weil wir nicht alles selbst fertigen. Die Preise sind enorm gestiegen. Fairer Weise muss man aber auch sagen, dass sich die meisten Kunden an den Preiserhöhungen beteiligen – sie aber ihrerseits an ihre Kunden weitergeben. Da fragt man sich schon, wo die Inflation enden soll. Das erinnert ein bisschen an die Situation 2007/8
Frage: Sie haben den Chefsessel der GMH Gruppe im Jahr zwei der Corona-Pandemie übernommen. Was war Ihr erster Eindruck?
Antwort: Als ich noch von außen auf die GMH Gruppe geschaut habe, hatte sie zwar qualitativ einen guten Ruf, aber sie machte einen etwas altbackenen Eindruck und war teuer. Als ich hier angefangen habe, war ich positiv überrascht.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Hier gibt es viele Macher – wenn man sie lässt. Es ist ein bisschen zur deutschen Mentalität geworden, viel zu diskutieren um bloß keine Fehler zu machen. Doch wer nur verwaltet, fällt zurück. Da habe ich also angesetzt und so haben wir in der kurzen Zeit schon viel Gutes auf den Weg gebracht. Beispielsweise werden wir einen Hammer, ein Schmiedeaggregat, von unserem Standort in Berlin nach Hagen transferieren, um zukünftig noch effizienter zu produzieren. Wir haben kurzfristig große Restrukturierungsprojekte auf den Weg gebracht, zum Beispiel in Wildau und Essen. Und auch für unsere Schmiede in Gröditz haben wir ein Zukunftskonzept aufgesetzt und werden 45 Millionen Euro investieren.
Frage: Gerade für die Gießereien war es in den vergangenen Jahren wirtschaftlich schwierig. Sehen Sie für sie ebenso wie die Schmiedestandorte in Deutschland eine Zukunft?
Antwort: Das ist schwer zu sagen. Die Personal- und Energiekosten sind hoch und die Unterstützung der Politik anders als in vielen Nachbarländern gering. Das macht es schwerer, im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Und es werden einem immer mehr Steine in den Weg gelegt. Insbesondere unsere Gießereien trifft die CO2-Steuer zum Beispiel hart.
Frage: Welche Auswirkungen hat das?
Antwort: So wie sich die CO2-Steuer im Moment entwickelt, werden wir einen Standort im Harz im Jahr 2025 – also in drei Jahren – leider schließen müssen. Um der CO2-Steuer zu begegnen, müssen wir einen Elektroofen bauen. Wir sind bereit, Geld in die Hand zu nehmen und umzurüsten. Aber zusätzlich müsste der Energieversorger auch eine Stromleitung legen. Die Kosten dafür liegen bei 14 Millionen Euro. Stand heute müssten wir diese Summe selbst stemmen, eine Förderung gibt es nicht. Das ist als Familienunternehmen utopisch. Die Politik drängt Mittelständler zur Transformation, stellt jedoch die Infrastruktur dafür nicht bereit. Das betrifft nicht nur uns, sondern viele andere auch. Wir haben die Hoffnung, dass die neue Bundesregierung hier fördert.
Frage: Könnte die Stahlindustrie in Deutschland sonst ein ähnliches Schicksal ereilen wie den Bergbau?
Antwort: Ich mache mir im Moment schon große Sorgen, ganz auszuschließen ist das nicht. Denn zurzeit spricht mehr gegen Deutschland als Produktionsstandort als dafür. Hier liegt jedoch als GMH Gruppe unser Schwerpunkt, wir haben nur einen ganz kleinen Produktionsstandort in den USA und zwei Standorte in Österreich. Da ist es hart, im internationale Wettbewerb zu bestehen. Wir haben Kunden, die bereits beschlossen haben, aus Deutschland wegzugehen. Eine leichte Desindustrialisierung hat also begonnen. Damit würde sich jedoch auch der Wohlstand von Deutschland in andere Länder verschieben.
Frage: Was bereitet Ihnen die größte Sorge?
Antwort: Meine größte Sorge ist, dass die Strominfrastruktur künftig auch ohne Atom- und Kohlestrom stabil bleibt. Ich bin ein Freund der Erneuerbaren, mehr noch als vor ein paar Jahren. Wenn wir es aber nicht schaffen, die Erneuerbaren deutlich auszubauen, rennen wir unnötig in eine Stromlücke. Ich habe oft in Ländern gelebt, wo Stromausfälle ganz normal sind. Das wäre für uns als Unternehmen fatal.
Frage: Wir haben das Thema CO2-Steuer schon kurz angeschnitten – wie grün ist der Stahl aktuell, den die drei Standorte der GMH Gruppe produzieren?
Antwort: Im Vergleich zur Konkurrenz, die auf der Hochofenroute fertigt, sehr grün. Statt 1,8 Tonnen CO2 pro Tonne produziertem Stahl liegt der Ausstoß bei uns in den Elektrostahlwerken bei 0,4 Tonnen. Diese erste Transformation haben wir also schon hinter uns und sie hat mehr als 1000 Arbeitsplätze gesichert. Unser Ziel ist es natürlich, den Ausstoß weiter zu senken. Das steht und fällt jedoch vor allem mit dem zur Verfügung stehenden Strommix.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Der größte Hebel in der Elektrostahlproduktion ist Grünstrom. Mit Ökostrom könnten wir mehr als die Hälfte des CO2 – 480.000 Tonnen – einsparen. Koks beziehungsweise Kohle durch biogene Kohle zu ersetzen würde den Ausstoß um weitere 110.000 Tonnen reduzieren. Durch die Substitution von Erdgas durch Wasserstoff würden rund 210.000 Tonnen CO2 wegfallen.
Frage: Manch ein Konkurrent setzt auf Wasserstoffproduktion am eigenen Standort. Wie sehen die Pläne der GMH Gruppe für ihre Stahlwerke aus?
Antwort: An einem Standort überlegen wir konkret, einen Elektrolyseur zu kaufen und so erste Erfahrungen mit Wasserstoff zu sammeln. Allerdings: Alleine um das Werk in Georgsmarienhütte von Erdgas auf Wasserstoff umzustellen, bräuchten wir 20.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr. Wo die Menge hierherkommen soll, dazu fehlt mir noch die Fantasie – und um den Wasserstoff selbst zu produzieren bräuchten wir wiederum grünen Strom. Insofern beschäftigt uns das Thema Strom zurzeit intensiver als Wasserstoff.
Frage: In den vergangenen Jahren hat der Ausbau der Erneuerbaren in Deutschland allerdings stagniert. Welche Pläne haben Sie als Unternehmen?
Antwort: Wir als Unternehmen, als Industrie müssen daran mitarbeiten, dass Erneuerbare ausgebaut werden. Wir wollen investieren und selbst einen Windpark bauen beziehungsweise uns beteiligen. Am liebsten standortnah hier in der Region für unser Stahlwerk. Allerdings ist es sehr schwer Flächen zu finden, die Stand heute für Windenergie tauglich sind. Auch Photovoltaik auf Hallendächern ist geplant. Unser Strombedarf in der Gruppe liegt bei rund einer Terrawattstunde pro Jahr. Zum Vergleich: Ganz Deutschland verbraucht rund 507 Terrawattstunden, die Stadt Osnabrück liegt bei 0,85. Insofern ist der Strommix für uns ein Schlüssel zur Klimaneutralität.
Frage: Wie stark wird grüner Stahl derzeit nachgefragt?
Antwort: Die Kunden haben Stand heute Lust auf grünen Stahl, wollen aber noch nicht mehr dafür zahlen. Ich glaube aber, dass sich das ändern wird. Zumal der Druck von Investoren größer wird. Allerdings: Unsere Kunden müssen weltweit wettbewerbsfähig sein. Das heißt, wenn sie in Deutschland oder Europa mehr für Stahl zahlen und es die Kunden in den USA und Asien nicht interessiert, rechnet es sich nicht. Da haben wir noch etwas Arbeit vor uns.
Frage: Arbeit haben Ihre Vorgänger – gerade im Stahlwerk Georgsmarienhütte – auch in die Diversifizierung der Geschäftsfelder gesteckt, um unabhängiger vom Automobil zu werden. Wie weit ist man da?
Antwort: Wir haben heute gruppenweit nur noch einen Automobilanteil von 33 Prozent. Allerdings: Hier am Standort in Georgsmarienhütte sind es rund 70 Prozent. Wir arbeiten mit Hochdruck dran zu diversifizieren und sind auf einem guten Weg. Dafür werden wir am Standort auch investieren. Wir wollen die Kapazität erhöhen, eine neue Schällinie kaufen, das Portfolio erweitern. Wir wollen unter anderem mehr Teile für die Windenergie herstellen, da die Transformation hin zu mehr Elektromobilität uns viel Volumen wegnimmt. Dafür brauchen wir neue Anlagen. Ob wir die Volumen von heute halten können, wird sich zeigen. Aber mehr als 20 Prozent weniger sollten es nicht werden.
Frage: Die Auslastung war gerade in Hochzeiten der Pandemie ein Problem. Wie ist die Lage aktuell?
Antwort: Ende vergangenen Jahres hatten wir aufgrund der Chipkrise noch Kurzarbeit. Zurzeit ist die Auslastung in Georgsmarienhütte ok, aber sie bleibt eine Herausforderung. Wir haben auch angefangen, mehr in-house-Geschäfte zu machen und produzieren unter anderem für unser Werk in Troisdorf. Dort werden Hubmastprofile für Gabelstapler gefertigt. Sagen wir mal so: Wir sind zufrieden, auch wenn es natürlich mehr sein könnte. Dass Volkswagen in Wolfsburg plant, die Nachtschichten rauszunehmen, ist allerdings keine gute Nachricht.
Frage: Ist die Gruppe in der Pandemie noch einmal geschrumpft?
Antwort: Ja, wir haben uns von drei Gießereien in der Corona-Zeit trennen müssen. Zwei wurden geschlossen und eine verkauft. Grundsätzlich muss sich jeder Standort dauerhaft selbst tragen können. Der Großteil der Unternehmen innerhalb der Gruppe ist auf einem sehr guten Weg, aber wir haben noch einige wenige Standorte, die aktuell ihre Kapitalkosten nicht tragen. An zwei Standorten steht auch ein Arbeitsplatzabbau zur Diskussion. Wir sind bereit, Unternehmen eine Anlaufhilfe zu geben, aber die sollte nicht länger als zwei Jahre andauern. Langfristig wollen wir wieder wachsen.
Frage: Wo sehen Sie die GMH Gruppe in den nächsten Jahren?
Antwort: Wir werden uns internationaler aufstellen müssen. Wir wollen natürlich alle unsere deutschen Standorte halten, das ist klar. Aber wir sind im Moment sehr abhängig von den Entscheidungen der Bundesregierung. Wir haben unser Büro in Shanghai eröffnet und wollen auch in China zulegen. Schon heute machen wir knapp 10 Prozent unseres Umsatzes außerhalb Europas in den USA und China. Dort wollen wir weiter wachsen, in einem ersten Schritt über Exporte, gerne perspektivisch aber auch mit eigenen Produktionen. Wir müssen uns breiter aufstellen.
Frage: Was heißt das für die deutschen Standorte?
Antwort: Unser Ziel muss es sein, die Standorte hier weiterhin voll auszulasten und gleichzeitig international mehr Marktanteile dazu zu gewinnen. Unser Schwerpunkt wird in Deutschland bleiben, aber wir wollen vom internationalen Wachstum, insbesondere in den USA und China, deutlich mehr profitieren als das heute der Fall ist.