Föhr

Verschickungskinder im Norden: Was passierte auf Föhr und Amrum?

Bastian Fröhlig
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Von Bastian Fröhlig
| 07.03.2022 16:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Die Berliner Kinderheilstätte Schöneberg wurde 1882 gegründet. Träger das das Bezirksamt Schöneberg von Berlin. Foto: Archiv: Verschickungsheime.de
Die Berliner Kinderheilstätte Schöneberg wurde 1882 gegründet. Träger das das Bezirksamt Schöneberg von Berlin. Foto: Archiv: Verschickungsheime.de
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Betroffene arbeiten die Geschichte der Verschickungskinder auf Föhr und Amrum auf. Vor allem das Schloss am Meer und das Hamburger Kinderheim stehen im Fokus.

Das eigene Erbrochene essen, Schläge, Gewalt, Festbinden der Haare am Stuhl und Zwangsfütterung – die Berichte von Verschickungskindern sind teils dramatisch. Gut zwei Jahre ist es her, dass der erste Kongress der Verschickungskinder auf Sylt stattgefunden hat. Seitdem ist es ruhig geworden – zumindest in der Öffentlichkeit.

Das hängt zum einen an Corona, aber auch an der Vielzahl von Meldungen, die der Verein bekommen hat. „Wir beschäftigen uns quasi nur damit, die Massen von Fällen zu bearbeiten“, berichtet Anja Röhl, Initiatorin des Vereins, Autorin zweiter Bücher über die Verschickung und Sonderpädagogin. „Ich habe recht viele Akten gesichtet, es aber noch nicht geschafft, mich ausführlich mit Föhr zu beschäftigen“, sagt sie. Rund 10.000 Betroffene sollen sich bei ihr gemeldet haben. „Allein in der letzten Woche habe ich 600 E-Mails von Betroffenen erhalten“, sagt sie.

In vielen Verschickungsheimen herrschte über lange Zeit ein strenger, vereinzelt noch von der NS-Ideologie geprägter Umgang mit den Kindern. Dazu gehörten Erprügeln von Gehorsam, strenge Sauberkeitsforderungen, körperlicher Zwang und das Diktat der Uhr. Zur Verschleierung der Umstände mussten viele Kinder vorgegebene Texte von einer Tafel auf Postkarten abschreiben, die dann an die Eltern nach Hause geschickt wurden.

Daran erinnert sich auch der Hamburger Peter Krausse, er ist Heimortkoordinator für Föhr und Amrum. Ehrenamtlich. Als Achtjähriger wurde er ins Schloss am Meer gesendet. „Ich habe mich von Anfang an nicht wohlgefühlt. Ich habe es schon als Achtjähriger als entwürdigend empfunden.“ Er erinnert sich, dass er gezwungen wurde, eine Karte an seine Eltern zu schreiben. Er weigerte sich, aber das half nichts. „Irgendwie ist es mir gelungen, eine frankierte Postkarte zu finden“, erinnert er sich.

Er schrieb seinen Eltern, dass es katastrophal sei. „Ich habe am Briefkasten gegenüber, der dort heute noch steht, nur neuer, gestanden, die Klappe mit der einen Hand aufgehalten und mit der anderen die Postkarte in die Luft gehalten. Die Kinder haben sich am Fenster die Nasen plattgedrückt", sagt Krausse. Als zwei Erzieherinnen kamen, die damals Tanten genannt wurden, habe er „genüsslich die Karte eingeworfen“.

Es habe keine Folgen gehabt, aber eine Reaktion seiner Eltern blieb aus. „Meine Mutter meinte: ,Du hast übertrieben‘“, sagt Krausse. Durch das Netzwerk hat sich eine Frau bei ihm gemeldet, die zwei Jahre nach ihm vor Ort war. Sie soll auch eine Karte versendet haben. „Am nächsten Tag wurde sie zur Heimleitung gerufen und bekam die Postkarte präsentiert. Scheinbar hatte man einen Deal gemacht, den Postkasten zu kontrollieren. Damals kannte ja Jeder Jeden.“

Rund 30 Verschickungsheime gab es auf der Insel. „Bei mir haben sich 70 Personen vernetzt. 28 wissen nicht mehr, in welchem Heim. Das ist plakativ und betrifft das ganze Bundesgebiet“, erläutert Krausse. Er selbst wurde im Alter von vier Jahren versendet – ins Schloss am Mehr in Wyk, betrieben von der Barmer Ersatzkasse.

„Es sind zwei Heime von 30 auf Föhr, die besonders auffallen“, erläutert Röhl. Das seine sei das Schloss am Meer, das andere das Hamburger Kinderheim. „Wir haben die meisten Meldungen zu diesen beiden Heimen auf Föhr. Ich habe den Eindruck, man muss da aber noch weiter recherchieren“, sagt Krausse. Die Ballin-Stiftung, hat eine Studie beauftragt, die sich mit der Verschickung ins Hamburger Kinderheim in der Zeit von 1945 bis 1980 beschäftigt. Diese soll 2023 veröffentlicht werden.

„Durch Corona ist die Aufarbeitung ins Stocken geraten. Ich habe immer geplant, nach Föhr zu fahren und auch vor Ort zu recherchieren“, sagt Krausse im Gespräch mit shz.de. Er stehe in Kontakt mit Bürgermeister Uli Hess (CDU), Inselführern, Erziehern, dem Friesen-Museum und anderen Einrichtungen vor Ort.

„Ich habe vor, wieder nach Föhr zu kommen und Einsicht in das Melderegister zu nehmen“, sagt Krausse. Es geht ihm unter anderem um Heimleitungen der 1950er und 1960er Jahre und deren NS-Vergangenheit. „Wir haben die kompletten Namen von Heimleitungen und Erziehern und wollen uns damit auseinandersetzen“, erläutert er. „Ich habe den Eindruck, das ist aber noch eine These, die ich durch Recherche vor Ort vertiefen muss, da wir so viele negative Berichte haben, dass die Heimleitung eine wichtige Rolle gespielt hat.“ Für ihn ist klar: „Da ist Fingerspitzengefühl gefragt, da es viele Heime auf Föhr gab und dort viele Menschen beschäftigt waren.“

Röhl ist da deutlicher in ihren Worten: „Die ganzen Inseln bestehen aus Leuten, die in den Heimen tätig waren und ihren Nachkommen. Was dort passiert, wussten alle. Sämtliche Kurorte haben das eigentlich gewusst.“ Röhl berichtet von Gesprächen vor Ort, Befragungen und Anfeindungen durch Föhrer. Sie will die Vergangenheit aber nicht ruhen lassen: „Wir haben erst die ersten Millimeter erarbeitet. Wir brauchen Promoventen, die sich eine Insel vornehmen. Wir brauchen einen Forscher pro Kurort, weil es sonst nicht zu leisten ist“, ist die Autorin überzeugt.

Konservative Schätzungen gehen von drei Millionen verschickten Kindern aus, andere Sprechen von acht bis zwölf Millionen zwischen der Nachkriegszeit bis in die 1990er Jahre. Bund und Länder haben mittlerweile Gelder zur Verfügung gestellt, um die Ereignisse aufzuarbeiten. Röhl kritisiert aber die Vergabe der Forschungsaufträge: „Wir werden nicht an die Forschungsaufträge rangelassen. Sie werden so zugeschnitten, dass sie auf unsere Forscher nicht passen.“ 14 Professoren gehören dem Verein an. Wer das ist, wird nicht kommuniziert. „So kann man sie schwerer ausschließen“, sagt sie.

Röhl berichtet, dass ihr gesagt wurde, Betroffene dürften die Forschungsarbeit nicht leisten. Sie kann das nicht verstehen und poltert: „Man will keine Betroffenen. Dürfen jüdische Menschen dann auch nicht den Holocaust erforschen? Wir haben das Thema aufgeworfen und aus der Versenkung geholt. Wir haben 10.000 Fragebögen gesammelt und werden den Schatz irgendwann auswerten. Das wird jede Forschung mit 20 Fragebögen in den Schatten stellen.“ Mittelfristig will sie eine Stiftung einrichten, um Gelder für die Forschung einzuwerben.

So lange machen sich die Ehrenamtlichen wie Krausse auf Spurensuche. „In den 1950er und 1960er Jahren haben die Verschickungskinder den größten Anteil an Übernachtungen auf Föhr ausgemacht“, berichtet er. Daher will er auch mit der Wyker Dampfschiffs-Reederei Föhr-Amrum (W.D.R.) sprechen. „Die W.D.R. hat daran sicherlich damals richtig gut verdient.“ Ums Geld geht es ihm und den meisten Betroffenen nicht.

„Wir fordern keine Entschädigungen. Wir fühlen uns nicht traumatisiert, ich fühle mich auch nicht traumatisiert. Wenn es Betroffene gibt, die noch heute darunter leiden, bedürfen sie professioneller psychologischer Betreuung. Die Kosten müssten übernommen werden“, erläutert der Hamburger. „Die meisten, die verschickt wurden, haben Interesse zu erfahren, wann sie wohin verschickt wurden, ob es noch Berichte gibt, denn die meisten waren noch im Vorschulalter, vier, fünf Jahre alt. Aus heutiger pädagogischer Sicht würde man das nicht mehr machen. Man entzieht einem Kind nicht vier, sechs Wochen oder länger die Mutter.“

Krausse sieht in der Aufarbeitung der Verschickungsheime eine Chance: „Ich denke, dass es dem Ruf der Insel förderlich sein kann, seine Geschichte ehrlich aufzubereiten.“ Er stellt dabei klar: „Wenn man ehrlich ist, die Geschichte der Verschickung aufzuarbeiten, muss man auch zeigen, dass es Kinder gab, die es positiv empfunden haben. Wir wollen ja nicht nur negatives berichten.“

Krausse steht im ständigen Austausch mit Betroffenen. Er plant, wenn es die Corona-Zeit zulässt, nicht nur einen Besuch auf Föhr und Amrum, wo es nach seinen Angaben drei Verschickungsheime gab, sondern auch eine Exkursion mit Betroffenen. „Viele wollen an den Ort zurückkehren, an den sie keine gute Erinnerung haben“, betont Krausse.

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