Surfen im Netz
Cookies: Zum Annehmen gedrängt
Viele nerven sie: Cookies. Beim Surfen im Netz sammeln die kleinen Dateien Angaben über die Nutzer. Man kann ablehnen – aber dabei machen manche Seitenbetreiber es einem schwer.
Emden - Es war eine immense Zahl, die Sebastian Freitag, Chef der Emder Werbeagentur Von der See, vor Kurzem zum Handeln bewegte: Mehr als eine Milliarde Euro an Geldstrafen haben europäische Gerichte von Ende Januar 2021 bis Mitte Januar 2022 wegen Verstößen gegen die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verhängt – fast sieben Mal so viel wie ein Jahr zuvor (160 Millionen Euro).
Dies liegt vor allem an einer Handvoll riesiger Einzelstrafen, vor allem gegen Amazon (746 Millionen Euro) und Whatsapp (225 Millionen Euro). Doch auch insgesamt wuchs die Zahl der Meldungen an Behörden mit Blick auf mögliche Verstöße um acht Prozent.
„Unnötig und teuer in die Nesseln setzen“
Freitag hatte in Berichten davon gelesen – und sich zudem intensiv damit befasst, dass seit Dezember ein neues Gesetz in Deutschland greift, das etwa den Einsatz von sogenannten Cookie-Bannern etwas genauer regelt und bei rechtswidriger Gestaltung auch Strafen von bis zu 300.000 Euro vorsieht: Das Telekommunikation-Telemarketing-Datenschutz-Gesetz, kurz TTDSG. „Als ich mich dann auch einfach mal aus privatem Interesse im Internet bei ostfriesischen Firmen umgesehen habe, habe ich schon viele gesehen, die nach meinem Rechtsverständnis mindestens in einer Grauzone angesiedelt sind, wenn nicht sogar rechtswidrig“, sagt der Emder.
Nicht immer verrieten die Seiten, welche Cookies überhaupt im Einsatz sind. „Viele machen das Ablehnen deutlich schwieriger als das Annehmen. Oft erfordert das viele zusätzliche Klicks“, sagt Freitag. Genau das habe ihn veranlasst, einen Beitrag bei Facebook zu verfassen, „um darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, da zu reagieren – damit Nutzer die faire Wahl haben, damit aber auch die Firmen nicht möglicherweise viel Geld bezahlen müssen, weil sie abgemahnt werden“, sagt er. „Wenn man Seitenbetreiber dann darauf anspricht, hört man oft, ,Ach, da passiert schon nichts, wer soll sich da schon beschweren.‘ Aber ich glaube, dass viele kleine und mittelständische Firmen sich so unnötig und teuer in die Nesseln setzen können.“
Verbraucherschützer haben bereits abgemahnt
In rund 100 Fällen haben die Verbraucherzentralen in Deutschland das im vergangenen Jahr getan. Rund 1000 Seiten nahmen sie zusammen mit dem Verbraucherservice Bayern und dem Bund der Versicherten unter die Lupe, in etwa jede zehnte setzte die EU-weiten Datenschutzvorgaben in den Bannern ihnen zufolge „klar rechtswidrig“ um. „Teils verlangten die Seiten eine Einwilligung durchs Surfen, teils war der Haken schon gesetzt – manchmal war auch gar kein Banner vorhanden, obwohl Daten gespeichert wurden.“
Und dann gibt es die große Grauzone. „Die Banner wirkten auf den ersten Blick zwar zulässig, versuchten aber durch Tricks, die Entscheidung zu lenken“, sagt Jennifer Häußer, Sprecherin der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, die in die Abmahnungen involviert war. Dark Patterns, zu Deutsch „dunkle Muster“, nennen Fachleute diese gezielten Versuche, das Nutzerverhalten zu lenken.
Häufig wird bei Bannern der „Alle Cookies akzeptieren“-Button optisch deutlich hervorgehoben. Alle weiteren Optionen sind hingegen oft kleiner, versteckt oder unter Begriffen wie „Weitere Informationen“ versteckt.
„Daher wird häufig der optisch hervorgehobene Button mit ‚Alle Cookies akzeptieren‘ angeklickt“, sagt Häußer. „Gern ist der Button zum Akzeptieren aller Cookies auch noch Grün, was psychologisch zum einen Vorwärtskommen, aber auch einwandfrei bedeutet. Genau darauf setzen die Betreiber.“
Sie verweist auch auf eine Entscheidung des Landgerichts Rostock, wonach deutlich hervorgehobene Akzeptieren-Knöpfe keine rechtlich wirksame Einwillgung bedeuten. „Wir können auch Verbraucher nur ermuntern, kritische Banner zu melden. Denn oft ändern Betreiber ihre Praxis erst, wenn man ihnen auf die Finger klopft.“
Cookies sind kleine Dateien, in denen Internetseiten grob erfassen, mit wem sie es zu tun haben und die sie als Gedächtnisstützen nutzen. Über Cookies können Seiten sich merken, aus welchem Land Nutzer stammen oder über welche Links und anderen Homepages Besucher zu ihnen gekommen sind. Cookies sind etwa auch unverzichtbar im Onlinehandel. Wenn man etwa beim Internet-Einkauf einen Gemüse-Spiralschneider, Rasenmäher oder die neueste Playstation in den Warenkorb legt, wüsste die besuchte Internetseite sonst schon vor dem Bezahlvorgang nicht mehr, was man haben wollte, weil sie es sich nicht merken könnte. Es gibt aber auch weit komplexere Cookies. Dateien, die sich wie Privatdetektive an die Fersen der Netznutzer heften – oder wie ein Peilsender, wie er in Kinofilmen gern von Spionen unter Autos gepappt wird – und sie auf ihren weiteren Wegen durch die Weiten des Internets verfolgen. Und sie petzen nach Hause, was die Nutzer da so getan haben: Welche Produkte sie sich angesehen oder vielleicht sogar bestellt haben, welche Suchbegriffe sie eingegeben haben, von wo nach wo sie sich bewegt haben, wo sie Kaufvorgänge begonnen, wo sie vielleicht aber auch abgebrochen haben. So erstellen sie klammheimlich Bewegungs- und Nutzungsprofile, die auch wie beim berühmt-berüchtigten „Facebook-Pixel“ weit über die ursprünglich besuchte Seite hinaus weisen. Und die sind gerade für Marketingfirmen und alle, die im Netz Dinge verkaufen und Zielgruppen kennenlernen wollen von größtem Interesse. Dies gilt insbesondere dann, wenn sie sogar Kundenprofile erstellen können, in denen auch Alter, Konsumverhalten, geschätztes Einkommen und weitere Dinge mitspielen. Fast jeder, der sich durchs Netz bewegt, kennt Erlebnisse, dass er gerade noch vielleicht auf Bitte seiner Nachbarin ein Guglhupf-Rezept gegoogelt hat – und wenig später bekommt er ganz woanders Werbung für Backformen angezeigt. Nun sagt die Datenschutz-Grundverordnung klar, dass Nutzer europaweit das Recht haben, zu erfahren, welche Daten über sie gesammelt werden und was sie von sich preisgeben möchten. Genau deswegen haben sich Cookie-Zustimmungsbanner ja etabliert. Doch die müssen Nutzern eigentlich über technisch notwendige Cookies hinaus die freie Wahl lassen. Genau das passiert bislang nur selten.
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