Wendepunkt
Kein Tee und Kuchen mehr im Alten Zollhaus
Aus der Traum vom eigenen Café an der Jümme: Uschi und Thorsten Dorloff eröffnen das Alte Zollhaus in Stickhausen nicht wieder. Der Entschluss wurde kurzfristig gefasst.
Stickhausen - Im Ofen in der Ecke lodert ein Feuer. Auf dem Tisch steht eine Kanne Tee. Es ist kuschelig warm im Hinterzimmer im Alten Zollhaus in Stickhausen. Hier sitzen Uschi und Thorsten Dorloff gerne, blicken hinaus in den Garten und auf die Jümme, die vor ihrem alten Haus entlang fließt. Was demnächst mit dem historischen Gebäude geschieht, wissen die beiden noch nicht. Darüber haben sie sich noch gar keine Gedanken gemacht. Dass sie ihr Burg-Café nicht wieder eröffnen werden, ist jedoch beschlossene Sache.
Was und warum
Darum geht es: Manchmal passiert etwas, das einen über das Leben nachdenken lässt und man sich die Frage stellt: Will ich so weitermachen? Uschi und Thorsten Dorloff aus Stickhausen haben für sich eine Antwort gefunden.
Vor allem interessant für: alle Liebhaber gemütlicher Cafés und guter Musik, Touristen und Urlauber.
Deshalb berichten wir: Das Burg-Café im Alten Zollhaus in Stickhausen ist geschlossen. Die Autorin erreichen Sie unter: schneider-b@zgo.de
„Daran wird nicht mehr gerüttelt“, sagt Uschi Dorloff. Mit der Corona-Pandemie, den Lockdowns und der Wirtschaftlichkeit ihres kleinen Unternehmens habe das nichts zu tun. Finanziell stehe das Café gut da. Es seien sehr persönliche Gründe gewesen, die zu der Entscheidung geführt hätten. „Manchmal gibt es Situationen, die zwingen einen, über das Leben nachzudenken, Wünsche und Ziele in Frage zu stellen, abzuwägen, was gut für einen ist und was nicht.“
Noch einmal etwas Neues wagen
In solch einer Situation befand sich das Ehepaar vor rund vier Jahren schon einmal. Damals arbeitete Thorsten Dorloff als Techniker bei Thyssen in Duisburg, seine Frau war OP-Schwester in einem Akutkrankenhaus in Mühlheim an der Ruhr. Die beiden Töchter waren aus dem Haus, das bäuerliche Anwesen am Rande der Großstadt war für zwei Personen zu groß geworden. „Wir waren in einem Alter, in dem man noch einmal etwas Neues anfangen möchte und begannen zu überlegen, was uns Spaß machen könnte“, erinnert sich der gebürtige Duisburger.
Ihr Faible für alte Häuser, ihre Begeisterung dafür, diese zu sanieren und Uschi Dorloffs Passion, als Sängerin aufzutreten, führte das Ehepaar nach Stickhausen. Sie verkauften ihren Resthof und erwarben im Dezember 2018 das Alte Zollhaus. Das gehörte seinerzeit dem Künstler Frans Epping aus Augustfehn, der darin nicht nur eine Kneipe führte, sondern auch eine Kunst-Galerie hatte. Dorloffs zogen vom Rhein an die Jümme, brachten das alte Haus auf Vordermann und eröffneten Anfang 2019 darin ihr Musik- und Kulturcafé.
Schwere Entscheidung
Für die Gäste gab es Tee, Kaffee und selbst gebackenen Kuchen. Für die musikalische Unterhaltung sorgte Uschi Dorloff als Uschi Frei. Die ausgebildete Klassik-Sängerin interpretierte Schlager, Musicals und Chansons. Ein Jahr später brach die Corona-Pandemie aus. Uschi Dorloff ging in ihren alten Beruf zurück, ihr Mann kümmerte sich weiter um die Renovierung des Zollhauses. In Zeiten ohne Lockdown und Kontaktbeschränkungen war das Burg-Café geöffnet. „Vor allem in den Sommermonaten hatten wir viele Gäste. Die haben sich immer sehr wohl bei uns gefühlt und wir mit ihnen“, sagt der 51-Jährige.
Deshalb sei ihnen der Entschluss aufzuhören, auch schwer gefallen. Den hätten sie erst vor ein paar Tagen gefasst. Sie hätten viel geweint, immer wieder. Und sie hätten sich gefragt, ob sie das wirklich wollen. Das Café aufgeben? Ihren Traum? Die vergangenen Jahre in Stickhausen seien schön gewesen. Sie hätten eine gute Zeit gehabt. „Wir durften viele nette Menschen kennenlernen, haben neue Freunde gefunden“, so Thorsten Dorloff. Aber es habe ein Schlüsselerlebnis gegeben, das sie zum Nachdenken gebracht und nun dazu geführt habe, ihrem Leben eine neue Wendung zu geben.
Familie und Freunde sind wichtig
„Als wir unsere jüngste Tochter vor ein paar Tagen in die Türkei begleitet haben, wo sie im Rahmen ihres Medizinstudiums ein Auslandssemester verbringen wird, ist uns klar geworden, dass wir in der Vergangenheit viel zu wenig Zeit für unsere Familie und unsere Freunde hatten. Wie oft mussten wir denen absagen, weil wir hier im Café eingebunden waren“, sagt Uschi Dorloff. Ihre älteste Tochter sei Schauspielerin am Theater in Aachen. Deren Einladung zu einer Premiere konnten sie nicht annehmen, weil sie sich um das Café kümmern mussten.
„So wollten wir das nicht mehr. Familie und Freunde sind uns wichtiger als das Musik- und Kulturcafé. Deshalb hören wir damit auf“, sagt die 53-Jährige. Ob sie in Stickhausen bleiben oder wegziehen werden, stehe derzeit nicht zur Diskussion. Sie müssten ihre Entscheidung selbst erst einmal sacken lassen. Uschi Dorloff will weiter als OP-Schwester arbeiten und dafür – je nach Dienstplan – zwischen Duisburg und Stickhausen hin- und herpendeln. Thorsten Dorloff möchte sich mehr um seinen Vater in Duisburg kümmern. „Wer weiß, wie lange wir uns noch haben“, resümiert er. „Ich bin mir sicher, dass wir ein neues Projekt finden werden, das uns beiden wieder Spaß macht, aber mehr Zeit lässt. Das wäre wichtig“, sagt seine Frau.