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Moor als Klimaschützer: Im Zweifel müssen Menschen umgesiedelt werden

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 03.03.2022 10:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Das Moor trägt wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Symbolfoto Foto: dpa/Ingo Wagner
Das Moor trägt wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Symbolfoto Foto: dpa/Ingo Wagner
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Ein intaktes Moor bindet Klimagase. Die meisten Moore in Deutschland sind aber trockengelegt und befeuern deswegen den Klimawandel. Wissenschaftlerin Alexandra Barthelmes spricht im Interview über Wiedervernässung, Umsiedlung und Landwirtschaft.

Das Moor ist im Klimawandel einer der wichtigen Hebel. Es kann riesige Mengen klimaschädlicher Gase speichern und damit gegen die Erderwärmung wirken. Das Problem: Die natürlichen Moore in Deutschland sind weitgehend durch Trockenlegung zerstört worden. Statt CO2 zu speichern, stoßen die Böden nun Klimagase aus und befeuern damit die Erderwärmung.

Der Prozess kann durch Wiedervernässung der Moore gestoppt werden. Aber dazu müsste sich gerade in Norddeutschland die Landwirtschaft wandeln. Und mancherorts müssten wohl auch Menschen ihre Heimat aufgeben. Das sind unbequeme Wahrheiten, die in der politischen Diskussion über den Klimawandel und das Moor bislang kaum zu hören sind.

Alexandra Barthelmes scheut nicht, sie auszusprechen. Die Wissenschaftlerin arbeitet an der Universität Greifswald am dortigen Moorzentrum, koordiniert von hier aus beispielsweise den Aufbau einer internationalen Moorböden-Datenbank.

Das Institut, an dem Barthelmes arbeitet, ist international hoch angesehen, fristete in Deutschland bislang eher ein Schattendasein. Das wandelt sich aber. Je mehr das Moor in den Fokus rückt, desto mehr ist die Expertise von Barthelmes und ihrer Kollegen aus Mecklenburg-Vorpommern gefragt. Das Team hat eine Karte erstellt, auf der die Moorböden in Deutschland verzeichnet sind.

Eine solche detaillierte Übersicht gab es bis dahin nicht. Die Karte zeigt, wo sich das Leben und Wirtschaften möglicherweise ändern muss. Die Auswirkungen des Braunkohleabbaus in Deutschlands sind nichts dagegen. Darüber hat unsere Redaktion mit Alexandra Barthelmes gesprochen:

Frage: Frau Barthelmes, Sie haben mit Kollegen eine Karte veröffentlicht, die zeigt, wo genau in Deutschland Moorböden zu finden sind. Sind das noch natürliche Moore?

Antwort: Nein, bei den allerwenigsten Flächen auf der Karte handelt es sich um lebendige Moore. 95 Prozent der Moore in Deutschland werden wirtschaftlich genutzt. In Form von Torfabbau, Weidetierhaltung oder Ackerbau. Man kann sagen: Wir haben in Deutschland in Sachen Moor so ziemlich alles platt gemacht, was platt zu machen war. Das begann im 19. Jahrhundert, eskalierte aber so richtig nach dem Zweiten Weltkrieg. In der DDR gab es damals eine regelrechte Aufbruchsstimmung. FDJler wurden ins Moor geschickt, um es trockenzulegen. Die Bezwingung der Wildnis war sozusagen politisch. 

Frage: Die Nazis schickten ihre politischen Feinde ins Moor, errichteten dort Konzentrationslager. Aber nun war die Zerstörung der Moore ja nicht nur ideologisch aufgeladen, sondern nach dem Krieg auch ganz pragmatisch zu begründen: Fläche schaffen für Landwirtschaft, Torf als Heizmittel gewinnen.

Antwort: Nach dem Krieg kamen riesige Maschinen zur Urbarmachung der Moore zum Einsatz. So ging es alles etwas schneller mit der Zerstörung der Moore. Eine ganze Generation ist dahingehend erzogen worden, dass das Trockenlegen von Mooren eine gute Sache ist und Fortschritt bedeutet. Heute weiß doch kaum noch jemand, wie ein natürliches Moor aussieht. Eben weil es sie kaum noch gibt.

Frage: Aus der Zeit der Kolonisierung der Moorregionen stammt der Spruch: Dem Ersten den Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot. Das bringt den Fortschrittsgedanken doch ganz gut auf den Punkt.

Antwort: Sicher. Wobei wir heute aber wieder an den Punkt gelangen, wo sich der Spruch dreht. Vielleicht gilt er nur noch für eine Generation. Es gibt den Teufelskreis der Moornutzung. Irgendwann sind die Moorböden übernutzt, werden immer schlechter bearbeitbar und sacken in sich zusammen. Aber auch der Klimawandel spielt hier eine Rolle: Denken wir nur an den Moorbrand im Emsland! Der erreichte ja nur deswegen so eine Dimension, weil er sich auf trockengelegten und in Folge einer Hitzewelle noch weiter ausgetrockneten Böden abspielte. Es ist realistisch, dass wir so etwas künftig häufiger sehen werden auch in Deutschland.

Frage: Lassen Sie uns auf die Karte zurückkommen: Wir sehen dort, dass das Thema Moor vor allem Norddeutschland betrifft. Es sind also auch diese Regionen, die betroffen sein werden, wenn Moore aus Klimaschutzgründen wiedervernässt werden sollen.

Antwort: Das stimmt, Norddeutschland und insbesondere Niedersachsen, aber auch der Voralpenraum und die Mittelgebirge werden dabei im Fokus stehen. Auf 1,84 Millionen Hektar in Gesamtdeutschland finden sich Moorböden, das entspricht 5,14 Prozent der Landesfläche. In Niedersachsen und Bremen reden wir über rund 15 Prozent der Landesfläche. Das sind alle Gebiete, die bei der Wiedervernässung in den Fokus genommen werden sollten. Auch wenn das nicht heißt, dass wir die gesamte Fläche einfach überfluten sollten, sondern den Wasserstand am besten direkt an der Oberfläche beziehungsweise oberflächennah halten. Derzeit ist es so, dass diese tiefgründig entwässerten Böden in hohem Maße klimaschädliche Gase ausstoßen, genauer gesagt sind sie für etwa sieben Prozent der deutschen CO2-Emissionen verantwortlich; 53 Millionen Tonnen Treibhausgase.

Frage: Wiedervernässung stoppt diesen Prozess?

Antwort: Er wird zunächst deutlich abgebremst. Nach geraumer Zeit kommen wir dann an den Punkt, an dem die Böden sogar wieder so viel Klimagase aufnehmen, dass neuer Torf gespeichert wird. Nur wenige wissen, dass das Moor noch besserer CO2-Speicher ist als der Wald. Das ist eine große Chance. Aber wir reden da auch über einen Zeitraum von Jahren und Jahrzehnten. Umso besser ist es also zügig zu beginnen.

Frage: Das norddeutsche Maskottchen ist die Kuh auf der Wiese. Viele auf der Karte entsprechend gekennzeichneten Flächen werden mittlerweile so genutzt. Aus dem Moor wurde Grünland. Das heißt, das Land, auf dem die Kuh da grast, verschlimmert die Erderwärmung?

Antwort: Wenn es sich um trockengelegtes Moor handelt, und das ist in Norddeutschland in den meisten Fällen so, dann werden dort große Mengen klimaschädliche Gase ausgestoßen. Der Anteil der Moorböden an den Klimagasemissionen der deutschen Landwirtschaft liegt bei 38 Prozent. Dabei findet insgesamt nur sieben Prozent der Landwirtschaft auf Moorböden statt. Das zeigt noch einmal, was für ein guter Hebel das Moor ist.

Frage: Also das Grünland wieder unter Wasser setzen? Aber was ist dann mit der Kuh beziehungsweise dem Landwirt, dem sie gehört? Was mit Menschen, die auf diesen Böden wohnen?

Antwort: Klima- und Moorschutz bedeuten ein sehr grundsätzliches Umdenken. Vielfach leben diejenigen ja noch, die beim Trockenlegen tüchtig angepackt haben. Da geht es also auch um die Lebensleistung, die zurückgedreht werden soll. Dass das auf Widerstand vor Ort stößt, ist mir klar. Aber wenn wir die Klimaschutzwirkung des Moores wollen, geht es nicht anders. Beim Ausbau von Autobahnen oder dem Braunkohleabbau werden auch Menschen umgesiedelt. Da gibt es grundsätzliches Verständnis und Entschädigungszahlungen. An diesen Beispielen und auch während der Corona-Pandemie zeigt sich, dass sehr grundlegende Maßnahmen in unserer Gesellschaft umgesetzt werden können. Da sollten wir auch beim Moor hinkommen – als dringende Maßnahme zur Abschwächung der Klimawandelfolgen. 

Frage: Die Kassen sind aber leer auch ohne den Moorschutz. Und ob sich der Verlust der Heimat mit Geld aufwiegen lässt?

Antwort: Sicher nicht. Das werden sehr emotionale Debatten. Als Wissenschaftlerin wirke ich da vielleicht engstirnig. Aber aufgrund der vorliegenden Daten und Erkenntnisse zur Klimawirkung entwässerter Moore ist es für mich dringend notwendig, möglichst viele Moore wiederzuvernässen. Das ist mein Fokus. Der Rest ist vor allem Aufgabe der Politik und der Gesellschaft sich den anstehenden Herausforderungen zu stellen. Ich denke, wir stehen am Anfang eines Prozesses in dem auch in anderen Teilen Deutschlands Landnutzung generell überdacht werden muss, z.B. bei der Zersiedelung von Flußauen und der Anpassung an den steigenden Meeresspiegel. Hierbei und auch bei der Moornutzung sollten wir lernen, die Prozesse nicht nur negativ zu sehen sondern sie aktiv zu gestalten. Landwirtschaft ist auch in wiedervernässten Mooren möglich; etwa der Anbau von Schilf und Rohrkolben als Dämmmaterial.

Frage: Von Schilf werden wir aber nicht satt…

Antwort: Das wird sicher ein Argument sein, das kommen wird. Aber: Auch die Landwirtschaft wird ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten müssen. Ein wichtiger Hebel sind hier die Moorböden, die nur einen kleinen Anteil der landwirtschaftlich genutzten Fläche ausmachen. Ich bin grundsätzlich optimistisch, dass wir hier zu guten Lösungen kommen. Auf lange Sicht sollten wir lernen, mit der Natur zu leben anstatt gegen sie.  

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