Holocaust im Unterricht
Die Sache mit „Maus“
Ein Schulkomitee aus den USA verbannt den Comic Maus aus dem Unterricht. Hierzulande wäre das nicht möglich – und das Buch findet hier manchmal auch in Schulen Verwendung.
Ostfriesland/USA - Im US-Bundestaat Tennessee hat ein sogenanntes „school board“ in McMinn County entschieden, den Comic „Maus“ von Art Spiegelman aus dem Curriculum der Schule zu verbannen. Die Graphic Novel (deutsch: Grafische Erzählung) beschäftigt sich mit dem Holocaust aus jüdischer Sicht – dafür erhielt Autor Spiegelman 1992 den Pulitzer Preis. Bis heute ist Maus das einzige Comic, dem diese Auszeichnung zuteil wurde.
Die Entscheidung des Schulkomitees wurde nicht nur aufgrund der Begründung – das Buch enthalte Schimpfwörter und auch eine Nacktszene. Nicht nur Spiegelman, der im Comic die Geschichte seiner Eltern verarbeitet und auch die Probleme seiner eigenen Generation mit verarbeitet, hielt dies für einen Vorwand. Spiegelman sagte, so wird es bei CNBC berichtet, er habe den Verdacht, dass die Mitglieder weniger wegen einiger leichter Schimpfwörter als vielmehr wegen des Themas des Buches motiviert waren, das Buch aus dem Unterricht zu entfernen.
„Massiver Einfluss“
Die Diskussion, die dazu führte, dass die Verkaufszahlen von Maus wieder deutlich in die Höhe geschossen sind, wirft aus deutscher Sicht verschiedene Fragen auf. Zunächst: Warum kann ein „school board“ überhaupt solche Entscheidungen treffen?
„Der Nutzung von (Lehr-)Büchern an Schulen in den USA liegt ein ganz anderer Genehmigungs-Prozess zugrunde liegt als bei uns“, hat Rüdiger Musolf, Schulleiter des Gymnasiums Ulricianum in Aurich, in Gesprächen mit dem Kollegium und vor allem USA-erfahrenen Lehrerinnen und Lehrern herausgefunden. „Bei uns werden Schulbücher vom jeweiligen Landeskultusministerium genehmigt, die Auswahl von Lektüren und sonstigen Materialien liegt im persönlichen Ermessen des Unterrichtenden“, so Musolf. In den USA sei das anders. Hier hätten „die Schulbehörden der einzelnen Counties einen massiven Einfluss auf die Auswahl sowohl von Lehrbüchern als auch Lektüren beziehungsweise Büchern in den Schulbibliotheken“. Die „school boards“ seien hier von entscheidender Wichtigkeit. Das Gremium werde gewählt, was dazu führe, dass die Posten oft mit Menschen besetzt würden, „die nicht neutral an diese Aufgabe herangehen, sondern - gerade in den Südstaaten, wo der genannte Fall passiert ist - stark ideologisch (hier: christlich-fundamental) geprägt sind“.
Comics zur Auswahl
Dass Bücher von amerikanischen „school boards“ verboten werden, wird in der Popkultur immer wieder thematisiert – und kommt auch in der Realität vor. Jemand aus dem Kollegium des Ulricianums, so Musolf, habe davon berichtet, dass ein Pastor in North Carolina (erfolglos) versucht habe, die Harry-Potter-Bände zu verbannen. Außerdem gebe es „in einigen Bundesstaaten Bestrebungen, Bücher mit LGBTQ+Inhalten aus Bibliotheken zu entfernen oder aber eine kritische Auseinandersetzung mit der amerikanischen Geschichte (zum Beispiel mittels einer nicht-weißen Sicht auf die Ereignisse) zu verhindern“, schreibt Musolf auf unsere Anfrage.
Dieses Thema erhält in Deutschland insgesamt nur sehr wenig Aufmerksamkeit, da sowohl Schulen als auch (kommunale) Bibliotheken hier in ihren Entscheidungen deutlich freier und weniger weisungsgebunden sind. In Niedersachsen ist Maus beispielsweise explizit als Möglichkeit im Kerncurriculum für die weiterführenden Schulen vermerkt. Im Wahlmodul „Begegnung mit Geschichte im Comic und in Graphic Novels“ für das Fach Geschichte wird Maus erwähnt – neben Comics wie „Asterix als Gladiator“ und „Persepolis“ der Autorin Marjane Satrapi, die darin ihre Kindheit im und ihre spätere Rückkehr in den Iran schildert.
Kein schlechter Ruf mehr
Im Unterricht an hiesigen Schulen wird Maus tatsächlich vereinzelt, zumindest in Auszügen, genutzt oder zumindest den Schülerinnen und Schülern als Möglichkeit angeboten. So beispielsweise auch am Gymnasium Rhauderfehn. Antje Bolevand, Geschichtslehrerin in Rhauderfehn, setzt häufiger Comics im Unterricht ein. „In Jahrgang 11 arbeite ich mit 9/11. Ein Tag, der die Welt veränderte“, schrieb sie auf unsere Anfrage hin.
Heißt dass, das Comics ihren schlechten Ruf, den sie jahrelang als „mindere Literatur“ innehatten, mittlerweile los sind? es scheint so. „Natürlich werden Comics genutzt, sie entsprechen der Lebens-/Interessenwelt der Schüler*innen und bieten daher eine gute Möglichkeit, Interesse für Themen zu wecken“, so Musolf. Eine Aussage, die wohl auch die Bibliotheken in der Region bestätigen können.
„Ich wollte Maus in der deutschen Ausgabe schon lange bestellen“, sagt Vivien Bender, Leiterin der Emder Stadtbücherei, im Gespräch mit unserer Zeitung. Lange sei die deutsche Ausgabe aber vergriffen gewesen. „Jetzt konnten wir sie aber bestellen“, so Bender. Comics, speziell für Kinder und Jugendliche, hätten in der Stadtbücherei schon länger einen festen Platz – und die Nachfrage sei auch entsprechend groß. Die Klassiker wie Asterix oder Lucky Luke würden gleichbleibend gut laufen, bei anderen Comics gebe es Schwankungen. „Wenn gerade ein neuer Superheldenfilm herauskommt, merken wir das natürlich auch“, so Bender. Comics oder Graphic Novels, die sich speziell an Erwachsene richten, würden hingegen eher noch ein Nischendasein führen.