Bildung

Gutachter staunt über Realschule: „Bundesweit einmalig“

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 02.03.2022 17:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Realschule Aurich erlebt einen solchen Ansturm, dass die Schülerzahl nun begrenzt wird. Foto: Archiv/Ortgies
Die Realschule Aurich erlebt einen solchen Ansturm, dass die Schülerzahl nun begrenzt wird. Foto: Archiv/Ortgies
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Die Schulentwicklung in Aurich verblüfft einen Wissenschaftler, der bundesweit aktiv ist: Wolf Krämer-Mandeau reibt sich die Augen über den Ansturm auf die Realschule. Doch der Mann ist nicht unumstritten.

Aurich - Die Entwicklung der Realschule Aurich ist bundesweit einmalig. Diese Einschätzung gab der vom Landkreis Aurich beauftragte Schulgutachter Wolf Krämer-Mandeau (Bonn) am Mittwoch im Gespräch mit der Redaktion: „Das gibt’s sonst nirgendwo.“ Die Realschule ist vom Sorgenkind mit schrumpfenden Anmeldezahlen zu einer Schule geworden, die sich vor Zulauf kaum retten kann und aus allen Nähten platzt. Innerhalb von acht Jahren habe sie ihre Anmeldezahlen fast verdreifacht, so Krämer-Mandeau. Unterdessen bekommt die zweieinhalb Kilometer entfernt gelegene Integrierte Gesamtschule (IGS) Aurich trotz eines nagelneuen Gebäudes ihre Klassen nicht voll.

Vor acht Jahren hatte Krämer-Mandeau Aufsehen und Empörung erregt, weil er die Schließung der Realschule Aurich empfohlen hatte. Heute sagt er: Mit der Prognose, dass es in Aurich eine weiterführende Schule zu viel gebe, habe er richtig gelegen. Nur sei es eben nicht die Realschule, sondern die (mittlerweile geschlossene) IGS Waldschule Egels gewesen. Unbeliebt hatte sich Krämer-Mandeau auch gemacht, indem er die Schließung kleiner Grundschulen empfahl.

„Lieber Jens Kleen“

Der Landkreis Aurich schreibt nun die Schulentwicklungsplanung fort und hat ungeachtet der Kritik erneut Krämer-Mandeau und dessen Firma Biregio (Bildung und Region) mit ins Boot geholt. Das kommt nicht bei allen gut an. Der Kreistagspolitiker Sven Behrens konnte es kaum glauben, als er davon am Dienstag in der Sitzung des Schulausschusses erfuhr. „Lieber Jens Kleen“, sagte der Vorsitzende der CDU-Fraktion zum Schulamtsleiter. „Habe ich das richtig verstanden, dass Krämer-Mandeau wieder mit eingestuft wird, als Gutachter, als Begleiter?“

2014 stellte Wolf Krämer-Mandeau von der Firma Biregio sein Gutachten zur Schulstruktur im Landkreis Aurich vor. Dieses wird nun fortgeschrieben. Foto: Archiv/Ortgies
2014 stellte Wolf Krämer-Mandeau von der Firma Biregio sein Gutachten zur Schulstruktur im Landkreis Aurich vor. Dieses wird nun fortgeschrieben. Foto: Archiv/Ortgies

Ja, die Kreisverwaltung habe die wissenschaftliche Begleitung der Schulentwicklungsplanung vor anderthalb Jahren ausgeschrieben, sagte Kleen. Er habe mit drei Interessenten Gespräche geführt, doch nur Krämer-Mandeau habe eine Bewerbung abgegeben. „Alle anderen haben signalisiert, dass sie an der Thematik nicht interessiert sind.“ Behrens machte keinen Hehl aus seiner kritischen Auffassung: „Dann nehme ich das jetzt so hin.“

„Er hat mich persönlich nicht überzeugt“

Im Gespräch mit der Redaktion bekräftigte der Christdemokrat seine Haltung: „Ich hätte mir einen anderen Gutachter gewünscht. Er hat mich persönlich nicht überzeugt.“ Andererseits sei Krämer-Mandeau mit der Materie vertraut. „Er kennt die Zahlen, er kann das schnell aufbereiten. Ich hätte mir trotzdem einen anderen Begleiter gewünscht. Jetzt müssen wir mit der Situation leben und umgehen.“

Krämer-Mandeau schaut nach vorne. „Es gilt der Plan ,Volle Kraft vorausʻ“, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung. Er habe den Eindruck, dass das auch von der Politik so gesehen werde. Die Schulentwicklungsplanung soll Mitte 2023 abgeschlossen sein, so plant es die Kreisverwaltung. Beim Thema Realschule/IGS müsse man sehr genau hinschauen und nach den Ursachen forschen, meint Krämer-Mandeau. Daher sei eine Befragung von Eltern und Schülern geplant. Wem wann welche Fragen gestellt werden, das steht noch nicht fest.

„Weil Sie unglaubliche Summen ausgeben müssen“

Schon im vergangenen Jahr hatte Krämer-Mandeau davor gewarnt, dem Ausbluten der IGS bei gleichzeitigem Ansturm auf die Realschule tatenlos zuzuschauen: „Weil Sie unglaubliche Summen ausgeben müssen, um die eine Schule zu ertüchtigen, während Sie die andere leerstehen lassen.“ Die IGS wird vom Landkreis Aurich getragen, die Realschule von der Stadt.

Bei der Schulentwicklungsplanung geht es auch um das Thema Inklusion, also den Unterricht von Kindern mit Handicap. Diese Aufgabe bleibe weitgehend an den Gesamtschulen hängen, kritisierte die Kreistagspolitikerin Insa Buß (Grüne). Kinder mit Unterstützungsbedarf würden vor allem dort unterrichtet, nicht an Realschulen und Gymnasien. „Die Realschule und das Gymnasium müssen überzeugt werden, mehr Inklusionskinder zu nehmen, damit der Druck von der IGS genommen wird. Da muss der Landkreis Antworten finden.“

Schulamtsleiter Kleen gab Buß nur zum Teil recht: An den Gesamtschulen liege der Anteil von Schülern mit Unterstützungsbedarf bei acht bis zwölf Prozent, doch auch die Realschule habe acht Prozent Inklusionskinder. Das Gymnasium habe einen Anteil von einem Prozent. Auch dort gebe es Bereitschaft, sich mehr mit diesem Thema zu befassen.

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