Freundschaft
Stadt legt Partnerschaft mit Archangelsk auf Eis
Nun doch: Nachdem sich die Stadt Emden vergangene Woche noch deutlich zur Partnerschaft mit der russischen Stadt Archangelsk bekannt hat, soll sie nun vorerst ausgesetzt werden. Was sind die Gründe?
Emden/Archangelsk - Auf Staatsebene ist das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland schon länger abgekühlt. Auf kommunaler Ebene verband die Städte Emden und die rund 3500 Kilometer entfernte russische Stadt Archangelsk bisher ein starkes Band der Freundschaft. Seit Dienstag ist dieses geschwächt. Wie die Stadt mitteilte, werde „die Städtepartnerschaft in offiziellen Belangen vorübergehend ausgesetzt“. Das haben die Mitglieder des Emder Rats am Montagnachmittag einstimmig im Verwaltungsausschuss entschieden.
Was und warum
Darum geht es: Nachdem die Stadt zunächst ein klares Bekenntnis für eine Partnerschaft mit der russischen Partnerstadt Archangelsk abgegeben hatte, legt sie die offiziellen Beziehungen nun vorerst auf Eis.
Vor allem interessant für: alle, die sich für Städtepartnerschaften interessieren sowie die kommunalen Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine verfolgen
Deshalb berichten wir: Die Stadt Emden teilte am Dienstagnachmittag ihre Entscheidung mit Die Autorin erreichen Sie unter: s.tome@zgo.de
Rund 24 Stunden später erfuhr auch das Stadtoberhaupt von Archangelsk, Dmitry Morev, offiziell davon. Die Stadt Emden informierte ihre Partnerstadt mit einem Brief über die Entscheidung. „Der Angriff Russlands auf die Ukraine ist ein massiver Verstoß gegen das Völkerrecht. Vor diesem Hintergrund sehen wir derzeit keine Grundlage, um unsere Partnerschaft offiziell weiterhin mit Leben zu füllen und gemeinsame Aktivitäten, wie den Besuch russischer Delegationen in Emden, umzusetzen“, so Oberbürgermeister Tim Kruithoff.
Mehr als 30 Jahre intensive Freundschaft
Zwischen den beiden Städten bestehe nicht nur eine Partnerschaft, in den mehr als 30 Jahren hätten sich mehrere „intensive, vielseitige Freundschaften zwischen Menschen verschiedener Kulturen entwickelt“. Hier gelte es, auch weiterhin in Kontakt zu bleiben. „Wir hoffen sehr, dass die Städtepartnerschaft alsbald auch offiziell auf friedlicher Grundlage fortgesetzt werden kann“, heißt es in dem Schreiben. Die Entscheidung aus Emden wird schon bald den Terminkalender beider Städte beeinflussen: Die für Ende März geplante Protokollunterzeichnung zwischen Emden und Archangelsk wird ausgesetzt.
Erst in der vergangenen Woche hatte sich die Stadtverwaltung anders zur Städtepartnerschaft geäußert und ein klares Bekennen ausgesprochen: „Unsere langjährige Städtepartnerschaft basiert vorrangig auf zivilgesellschaftlicher Ebene. Besonders in diesen Zeiten gilt es, die Freundschaft zu wahren und auch weiterhin zu stärken“, hieß es in einer Pressemitteilung. Die gemeinsamen Projekte und Aktivitäten zwischen den Bürgerinnen und Bürgern Emdens und den Menschen der 350.000-Einwohner-Stadt am Weißen Meer seien bisher immer als kostbarer Verbindungsanker zwischen den Nationen und Kulturen erlebt worden. „Diesen gilt es zu schützen – auch um zu verhindern, dass die Barrieren zwischen unseren Kulturen größer werden“, bekräftigte die Verwaltung rund um Oberbürgermeister Tim Kruithoff.
Das sagen die Fraktionen im Emder Rat
Die Grünen halten die Kehrtwende für den richtigen Schritt. Sie hatten dazu aufgefordert, dass die Stadt Emden „Flagge gegen den Angriff Russlands auf die Ukraine zeigen soll“. Grünen-Ratsmitglied Bernd Renken richtete ein entsprechendes Schreiben an den Oberbürgermeister. FDP-Ratsherr Erich Bolinius ist ebenfalls dafür, dass die Partnerschaft mit Archangelsk politisch bis zum Frieden ausgesetzt werden sollte. Die FDP werde sich aber nachdrücklich dafür einsetzen, „dass die humanitäre Zusammenarbeit und die vielen Freundschaften, die zwischen vielen Bürgern aus Emden und Archangelsk zum Teil seit 30 Jahren bestehen, nicht beendet werden“, schreibt Bolinius dazu in einer Mitteilung. Gerold Verlee als Vorsitzender der CDU-Fraktion begrüßt es, dass die Partnerschaft nicht grundsätzlich gekündigt, sondern lediglich ausgesetzt sei. „Wir wollen das beibehalten, die Türen sind nicht vollkommen verschlossen.“
Partnerschaft auch durch Corona ausgebremst
Zuletzt war die Städtepartnerschaft auch durch Corona ein stückweit ausgebremst: Um ihre Zusammenarbeit formell zu besiegeln, trafen sich zuletzt im März vergangen Jahres Vertreter beider Seiten zu einer virtuellen Vertragsunterzeichnung. Bei dem Online-Treffen schwang jede Menge Wehmut mit. Während manche Kommunen grenzübergreifende Partnerschaften eher halbherzig aufrechterhalten oder sich der Austausch auf wenige Gruppen beschränkt, lebte die Partnerschaft der beiden Hafenstädte Emden und Archangelsk seit Jahren durch eine gelebte und vielschichtige Freundschaft.
Zuletzt war eine Delegation aus Archangelsk im Januar 2019 in Ostfriesland zu Gast. Die Partnerschaft zwischen den Städten Emden und Archangelsk besteht bereits seit mehr als 30 Jahren. In dieser Zeit gab es unter anderem Kooperationen bei sozialen Projekten sowie bei der historischen Aufarbeitung der Vergangenheit. So fahren etwa russische Jugendliche seit Jahren mit ins Emder Workcamp in der Normandie.
→ Rat und Verwaltung der Stadt Emden laden für Donnerstag, 3. März, um 18.30 Uhr, zu einer Mahnwache in den Stadtgarten ein. Unter dem Motto „Emden für den Frieden“ sind alle Emderinnen und Emder eingeladen, sich solidarisch zu zeigen und klar für Frieden und Demokratie zu positionieren. Wer möchte, kann dazu eine Kerze mitbringen. Teilnehmer und Teilnehmerinnen werden gebeten, Abstand zu halten und eine FFP2-Maske zu tragen. Bei Kindern im Alter von sechs bis 14 Jahren reicht eine Alltagsmaske.
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