Familie
ADHS: Familie fühlt sich alleingelassen
Jennifer Marken-Renken fühlt sich alleingelassen. Ihr Sohn Jelto leidet seit drei Jahren an ADHS. Hilfe vom Jugendamt habe sie trotz mehrfacher Versuche bislang nicht bekommen, sagt die Mutter.
Großefehn - Jennifer Marken-Renken (29) und ihre Familie sind verzweifelt. Seit eineinhalb Jahren suchen sie Hilfe für ihren Sohn Jelto (7), der an schwerer ADHS leidet. Doch bislang ist keine Unterstützung in Sicht.
Was und warum
Darum geht es: Die Mutter eines an ADHS erkrankten Jungen sucht nach Hilfe für ihn und für die Familie.
Vor allem interessant für: Familien, die selbst von ADHS betroffen sind.
Deshalb berichten wir: Die Mutter wandte sich mit ihrem Hilferuf direkt an uns. Den Autor erreichen Sie unter: j.schoenig@zgo.de
Mit der Mutter leidet ihr Ehemann Jens Marken und drei weitere Kinder zwischen 10 Jahren und 8 Monaten. Und vor allem natürlich Jelto, der spürt, dass er Hilfe braucht, aber keine bekommt.
Kein Verhaltensproblem, sondern Krankheit
ADHS steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Hauptmerkmale der Krankheit sind Konzentrationsstörungen, starke körperliche Unruhe (Hyperaktivität) und stark impulsives Verhalten. Lange wurde ADHS als reines Verhaltensproblem gesehen. Betroffene Kinder wurden als „Träumer“, „Zappelphilipp“ oder „Wüterich“ betitelt. „Oft werden die Eltern heute noch als Erziehungsversager abgestempelt, die ihren Nachwuchs nicht im Griff haben“, erklärt der Emder Kinderarzt Götz Gnielka. In der Medizin ist ADHS als Entwicklungsverzögerung im Gehirn anerkannt. Sie gilt als häufigste psychiatrische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Bei Jungen tritt sie häufiger auf als bei Mädchen.
Bei Jelto traten die ersten Anzeichen vor drei Jahren auf. Marken-Renken lebte damals noch in Wittmund. „Ich ahnte, dass mit ihm etwas nicht stimmt, aber ADHS ist in der Regel erst im Schulalter richtig erkennbar“, erklärt die Mutter. Vom Jugendamt in Wittmund erhielt sie Hilfe. „Es kam regelmäßig jemand zu uns nach Hause, um mich im Alltag zu unterstützen. Als ich meinen jetzigen Mann kennenlernte und mit ihm nach Mittegroßefehn zog, lief die Hilfe auch noch ein halbes Jahr weiter.“ Danach wandte sie sich an das Jugendamt des Landkreises Aurich. Bislang ohne Erfolg, wie Marken-Renken sagt. Seit vergangenen Oktober wohnt die Familie in Spetzerfehn. „Hier hat er ein großes, helles Zimmer mit viel Ruhe“, sagt Marken-Renken. „Das ist genau der Rückzugsort, den er braucht. Zur Schule geht er weiter in Mittegroßefehn, ein Wechsel hätte ihm nicht gutgetan.“ Damit er sich dort konzentrieren kann, muss er Medikamente nehmen.
Gleicher Tagesablauf ist wichtig
„Jelto braucht jeden Tag exakt den gleichen Ablauf“, erklärt Marken-Renken die weiteren Herausforderungen bei der Betreuung ihres Sohnes. „Er muss um die gleiche Uhrzeit aufstehen, duschen und essen. Beim An- und Ausziehen und beim Duschen ist er auch auf Hilfe angewiesen.“ Reisen sind ein Problem. „Wenn wir wegfahren wollen, müssen wir das zwei Tage vorher mit ihm besprechen, damit er sich darauf einstellen kann“, sagt Marken-Renken. „Wenn wir spontan wegfahren, bricht seine sichere Umgebung für ihn weg. Dann kann es zu einem aggressiven Ausbruch kommen. In der Schule ist es bei Lehrerwechseln immer schlimm.“ Solche Impulsausbrüche könne laut Marken-Renken aber auch ganz unvermittelt auftreten. „Dann wirft er mit Sachen um sich und geht auch auf seine Geschwister los.“ Solche Ausbrüche sind laut Götz Gnielka oft eine Folge von Reizüberflutung. „Viele Kinder erklären das sehr schön, wenn sie vom Lehrer gerade wegen eines Ausbruchs vor die Tür geschickt worden sind“, sagt Gnielka. „Sie sagen dann oft ‚Endlich habe ich meine Ruhe!‘“
Dass etwas mit ihm nicht stimmt, spürt der Junge selbst. „Ich will das nicht, Mama, mein Kopf macht das einfach“, habe er einmal zu ihr gesagt, so Marken-Renken. „Wenn ich ihn so erlebe, bricht es mir jedes Mal das Herz“, sagt sie. Sie wünscht sich für ihren Sohn eine Familienhilfe, wie sie ihr in Wittmund zur Seite stand. „Jemand, der nach Hause kommt und mir unter die Arme greifen kann“, sagt die Mutter. „Der mir vor allem zeigt, wie ich seine Ausbrüche unterbrechen kann. Und wie ich mit Jelto langfristig umgehen kann, um das Familienleben wieder in Einklang zu bringen. So, dass man wieder Spaß hat, morgens aufzustehen.“
Auch die Eltern müssen lernen
Die Schulung der Eltern ist auch für Götz Gnielka ein wichtiges Standbein der ADHS-Therapie. „Im Gegensatz zum Kind können die Eltern ihr Verhalten steuern“, sagt der Kinderarzt. „Und sie müssen lernen, wie sie es steuern können, um ihrem Kind den größtmöglichen Nutzen zu bringen.“ Vom Jugendamt des Landkreises Aurich habe sie bisher keine Hilfe erhalten, so Marken-Renken. „Auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Aschendorf, wo Jelto zeitweise in Behandlung ist, hat das Jugendamt schon kontaktiert. Das ging bis zu einem konkreten Besuchstermin, der dann aber kurzfristig wieder abgesagt wurde.“
Der Landkreis Aurich kann auf Nachfrage dieser Zeitung keine Angaben dazu machen. „Zu Einzelfällen aus dem Bereich der Jugendhilfe dürfen wir als Kreisverwaltung uns aus Gründen des Sozialdatenschutzes inhaltlich nicht äußern“, erklärt Pressesprecher Rainer Müller-Gummels. Eine Frage nach generell möglichen Hilfen für betroffene Familien blieb in diesem Zuge auch unbeantwortet. Einen Kontakt hat es mittlerweile aber gegeben. Vor rund zwei Wochen war die Situation so eskaliert, dass Jennifer Marken-Renken den Kinder- und Jugendnotdienst rufen musste, der außerhalb der Bürozeiten über die Rettungsleitstelle alarmiert wird. „Am Donnerstag darauf kamen drei Mitarbeiter, die sich die Situation bei uns angesehen haben“, sagt Marken-Renken. „Ob es etwas bringt, bleibt abzuwarten.“