Zentralklinik

720 Millionen Euro: die Wucht der großen Zahl

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 25.02.2022 22:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Viel Licht und helle Möbel: So soll der Haupteingang zur Zentralklinik aussehen. Grafik: gmp International GmbH, Aachen
Viel Licht und helle Möbel: So soll der Haupteingang zur Zentralklinik aussehen. Grafik: gmp International GmbH, Aachen
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In Emden werden der Öffentlichkeit Bilder, ein Video und neue Details zur geplanten Zentralklinik präsentiert. Doch die Dramaturgie in der Nordseehalle ist gestört.

Emden - Sie wollen gerne über die vielen schönen Bilder sprechen. Über Patientenzimmer mit großen Fenstern und freiem Blick ins Grüne. Über hochmoderne OP-Säle und die Vorzüge eines Krankenhauses mit knapp 2000 Angestellten und einem Maximalversorgungsanspruch. Aber die stundenlangen Vorträge von den Planern einer Zentralklinik in Uthwerdum werden überlagert von dieser einen Zahl: 720 Millionen Euro.

Was und warum

Darum geht es: die Zukunft der Krankenhauslandschaft in Ostfriesland

Vor allem interessant für: diejenigen, die auf eine gute medizinische Versorgung angewiesen sind oder sie gesichert wissen wollen

Deshalb berichten wir: Nach langer Geheimniskrämerei wurden am Freitag belastbare Zahlen zum Bau einer geplanten Zentralklinik präsentiert.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

So teuer könnte der Bau des neuen Großkrankenhauses zwischen Aurich und Emden werden. Genau genommen werden es noch einige Dutzend Millionen Euro mehr, für Straßen, Brücken, Klärwerk und Co. – was es eben so braucht, wenn auf grüner Wiese eine 814-Betten-Klinik in Betrieb gehen soll.

Kontrolliert in die Öffentlichkeit

Die zu erwartenden Baukosten sollten eigentlich erst am Freitag einen kontrollierten Weg in die Öffentlichkeit finden. Für den Nachmittag ist in Emden eine Informationsveranstaltung angesetzt – mit neuen Details zum größten Zukunftsprojekt Ostfrieslands. Doch die von Klinik-Geschäftsführer Claus Eppmann, Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff und Aurichs Landrat Olaf Meinen (beide parteilos) ersonnene Dramaturgie wird gestört. Die meisten Zuhörer in der Nordseehalle haben schon aus den Medien von der Zahl erfahren. Da kann Olaf Meinen noch so sehr bedauern: „Es wird viel zu viel über die Kosten gesprochen und viel zu wenig über die Medizin.“

Lageplan der geplanten Zentralklinik in Uthwerdum. Grafik: gmp International GmbH, Aachen
Lageplan der geplanten Zentralklinik in Uthwerdum. Grafik: gmp International GmbH, Aachen

Sowohl Meinen als auch Kruithoff machen an diesem Tag klar, dass sie das Megaprojekt für machbar und finanziell zu beherrschen halten. „Wir wollen unsere Gebietskörperschaften nicht in die Insolvenz führen“, sagt der Auricher Landrat. Auch Kruithoff betont, dass „nicht allein die Zahl der Kosten relevant“ sei.

Ohne das Land läuft nichts

Sofern das Land sich auf eine 75-prozentige Übernahme der Baukosten einlässt, gehen die beiden Hauptverwaltungsbeamten und Eppmann davon aus, dass man den Eigenanteil über die Gewinne aus dem laufenden Betrieb der Klinik stemmen kann. In ihren Berechnungen wird die Zentralklinik den jetzigen jährlichen Defizitausgleich für die Unterhaltung von drei Krankenhäusern in Aurich, Emden und Norden beenden.

Claus Eppmann, Geschäftsführer und Sprecher der Trägergesellschaft, stellt die Kosten und den Planungsstand zur Zentralklinik in Emden vor. Rechts von ihm sitzen Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff und Aurichs Landrat Olaf Meinen. Foto: Päschel
Claus Eppmann, Geschäftsführer und Sprecher der Trägergesellschaft, stellt die Kosten und den Planungsstand zur Zentralklinik in Emden vor. Rechts von ihm sitzen Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff und Aurichs Landrat Olaf Meinen. Foto: Päschel

Jochen Eichhorn, GfE-Ratsherr aus Emden, kann der Vortrag nicht überzeugen. Er ist von Anfang an vehement gegen das Großprojekt. Er will das Krankenhaus in Emden erhalten. Dabei sieht Eichhorn darüber hinweg, dass das Land andere Pläne hat. Statt vieler kleiner Häuser will die Landesregierung vor allem moderne Großkliniken. Niedersachsenweit sollen acht Maximalversorger entstehen, Uthwerdum könnte einer davon werden.

„Eingelullte“ Ostfriesen

Was Eichhorn stört, sind die Kosten: In der Nordseehalle wirft er Eppmann vor, in der Vergangenheit die Bürger „bewusst“ mit zu niedrig angesetzten Kosten getäuscht zu haben, um sie „einzulullen“. Er gehe davon aus, dass die Summe bis zur geplanten Inbetriebnahme 2028 auf rund 900 Millionen Euro steigt.

Blick auf den Platz und das Hauptgebäude, das in Uthwerdum entstehen soll. Grafik: gmp International GmbH, Aachen
Blick auf den Platz und das Hauptgebäude, das in Uthwerdum entstehen soll. Grafik: gmp International GmbH, Aachen

Eppmann widerspricht. Die früher genannten Summen – 2017 waren es 250 Millionen, später 410 Millionen Euro – seien nicht aus der Luft gegriffen gewesen, verteidigt er sich. Die Dinge hätten sich „erheblich geändert“. Neue Brandschutzbestimmungen, Energieanforderungen und eben die explodierenden Preise in der Baubranche hätten die Kosten nach oben getrieben. „Es liegt nicht in unserer Hand“, sagt auch Kruithoff.

Am Scheideweg

In langen Stuhlreihen sitzen die Mitglieder des Emder Rates, des Auricher Kreistages und des Gemeinderates Südbrookmerland. Sie tragen die politische Verantwortung für das Projekt und ihren jeweiligen Haushalt. Gegen Ende des Jahres, wenn das Land beschlossen hat, welche Förderquote den Ostfriesen zugestanden werden soll, müssen sie in Emden und Aurich noch einmal entscheiden. Kruithoff nennt es den „point of no return“, den Zeitpunkt also, ab dem es kein Zurück mehr gäbe.

Zwei von 814 geplanten Betten im neuen Haus. Fast Patientenzimmer sollen große Fenster mit Blick ins Grüne haben. Grafik: gmp International GmbH, Aachen
Zwei von 814 geplanten Betten im neuen Haus. Fast Patientenzimmer sollen große Fenster mit Blick ins Grüne haben. Grafik: gmp International GmbH, Aachen

Johann Saathoff (SPD) sieht die schönen Computersimulationen der künftigen Klinik, hört vom medizinischen Konzept. Er ist einer derjenigen, die von Anfang an überzeugt dafür gestimmt haben. Die Zahl, die am Freitag an eine riesige Leinwand geworfen wird, ändert daran nichts. „Ich sehe die Chancen, die darin liegen“, sagt der Pewsumer, und dass er sich ein bisschen über seine Heimat wundere. In anderen Regionen stünden die Menschen viel eher hinter einem solchen Vorhaben, so Saathoff.

Zum Abschluss ihrer Erklärungen lässt die Geschäftsführung der Trägergesellschaft ein kurzes Video abspielen. Zu sanft wummernder Wohlfühlmusik werden die Zuschauer im Tiefflug über Uthwerdum mitgenommen. In der realen Landschaft der Gegenwart entsteht dank digitaler Technik im Zeitraffer der Klinik-Campus samt Park und kleinem See. Im nächsten Jahr könnte der Baustart sein. Der Preis dafür wird im Video nicht eingespielt. Aber die Zahl ist jederzeit präsent. Sie lässt sich nicht ausblenden.

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