Berlin
Selenskyj vs. Putin: Der ukrainische Präsident im Porträt
Putin hat mit fünf US-Präsidenten verhandelt, Wolodymyr Selenskyj war bei „Let’s Dance“. Wer ist der Mann, der die Ukraine gegen Russland verteidigt?
Im russisch-ukrainischen Krieg sind nicht nur die beteiligten Nationen ungleiche Gegner. Auch ihre Führungsfiguren könnten unterschiedlicher nicht sein: Russlands Präsident Putin macht seit 22 Jahren Weltpolitik. Als russischer Staatschef erlebte er schon fünf US-Präsidenten – von Clinton bis Biden. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj dagegen ist, ein Vierteljahrhundert jünger als sein Kontrahent, von Haus aus Komiker. Zur Politik kam er als absoluter Außenseiter, und das vor gerade mal drei Jahren. Wer ist der Mann, der jetzt die Ukraine durch den Krieg führen muss?
Selenskyj ist politischer Quereinsteiger. Nach einem Jura-Studium gründete er mit 19 Jahren eine Kabarettgruppe und tourte mehrere Jahre durch Osteuropa. Er tanzte im ukrainischen „Let’s Dance“-Ableger, drehte Liebeskomödien fürs Kino – und ab 2015 mehrere Staffeln der Fernsehserie „Diener des Volkes“. Selenskyj spielt darin einen Geschichtslehrer, der aus dem Nichts zum ukrainischen Präsidenten gewählt wird. Die dritte Staffel läuft noch, als Selenskyj die Fiktion zur Wirklichkeit macht: Am Silvesterabend 2018 kandidiert er offiziell für die Präsidentschaftswahl. Seine Partei heißt wie seine Serie: Diener des Volkes. Im April 2019 gewinnt der politische Laie das Rennen dann im zweiten Wahlgang.
In der TV-Serie ist es der Zorn auf korrupte Eliten, die Selenskyjs Figur zum Politiker macht. Im wirklichen Leben wird genau das sein Programm: Zu Selenskyjs ersten Initiativen gehört ein Lobbygesetz, das die Macht der Oligarchen beschneiden soll, Parteifinanzierung reglementiert und politische Einflussnahmen offenlegt.
Zuvor war ihm selbst im Wahlkampf eine Abhängigkeit vom Milliardär und Medienunternehmer Ihor Kolomojskyj vorgeworfen worden. Bei der Veröffentlichung der Pandora Papers wurde bekannt, dass Selenskyj eine Briefkastenfirma unterhält.
Russland bestimmt von Anfang an Selenskyjs außenpolitische Agenda: Fünf Jahre vor seinem Amtsantritt hatte Putin die Krim annektiert. Der ukrainische Präsident führt Friedensgespräche und erreicht unter anderem einen Gefangenenaustausch – ein erster außenpolitischer Erfolg.
Im russisch-ukrainischen Dialog stützt er sich auf die Popularität, die er als Entertainer auch im Nachbarland genoss: Schon in der Rede zum Amtsantritt adressiert er den Konflikt in russischer Sprache. Auch nach der Invasion hält er eine Rede auf Russisch – um der Kreml-Propaganda eine versöhnliche Botschaft entgegenzusetzen.
Putin rechtfertigt seinen Angriff auf die Ukraine mit dem Plan einer angeblichen „Entnazifizierung“. In seiner Rede an das russische Volk kontert Selenskyj die Unterstellung mit einem Hinweis auf die Geschichte – und zwar auf den Beitrag, den die Ukrainer im Krieg gegen Hitler geleistet haben.
Zugleich verweist er auf seine persönliche Herkunft: „Erzählen Sie das mal meinem Opa“, sagt Selenskyj zum Nazi-Vorwurf und berichtet vom Einsatz seines Großvaters im Zweiten Weltkrieg. Selenskyj stammt aus einer Familie russischsprachiger Juden; sein Urgroßvater und weitere Angehörige wurden zu Opfern der Schoa.
Nach dem russischen Überfall sieht Selenskyj sich auch persönlich bedroht: „Nach unseren Informationen hat mich der Feind zum Ziel Nr. 1 erklärt, meine Familie zum Ziel Nr. 2“, sagte er in einer Videobotschaft. Trotz anderslautender Berichte habe er Kiew aber nicht verlassen. „Ich bleibe in der Hauptstadt, bleibe bei meinem Volk.“ Er dürfe allerdings nicht sagen, wo genau er sich aufhalte.
Die US-Regierung teilt diese Einschätzung. Sie sieht Selenskyj als ein „Hauptziel für russische Aggressionen“. Ein Sprecher des US-Außenministeriums sagte dem Sender CNN: „Präsident Selenskyj verkörpert in vielerlei Hinsicht die demokratischen Bestrebungen und Ambitionen der Ukraine und des ukrainischen Volkes.“ Seit Wochen warne die US-Regierung vor russischen Saboteuren, die sich in der Ukraine aufhielten.
(Mit dpa)