Melle
Jürgen Becker will auf „Fliegen, Fleisch und fette Karren“ verzichten
Jürgen Becker weiß, was er braucht. Tauchen auf den Malediven jedenfalls nicht. Den Kölner Karneval und als Australien-Ersatz den Wuppertaler Zoo hingegen schon. Ein Interview über seine Zukunft und die von uns allen.
„Die Ursache liegt in der Zukunft“ heißt das Programm, mit dem der langjährige Moderator der „Mitternachtsspitzen“ am 25. März (20 Uhr) im Theater Melle gastiert. Also haben wir mit ihm über die Zukunft gesprochen, und zwar am Tag vor Weiberfastnacht (diese Information wird noch wichtig werden).
Frage: Herr Becker, Sie werden ja in Zukunft Melle mit Ihrer Gegenwart beehren, waren Sie in der Vergangenheit schon einmal hier?
Antwort: Ja natürlich, ich kenne Melle. Ich war sowohl beruflich dort als auch privat. Es gibt dort so ein kleines Oldtimer-Museum, da war ich vor zwei Jahren. Freunde von mir aus Mecklenburg-Vorpommern waren zu Besuch. Die haben eine Autowerkstatt und waren beseelt davon, da mal hinzufahren und dann haben wir uns dort getroffen. Ich war beeindruckt.
Frage: Was wissen Sie über die Zukunft
Antwort: Das ist ja das Schöne an der Zukunft, dass man sie nicht kennt. Man sagt ja immer, die Zukunft der Nato ist ungewiss, die Zukunft der deutschen Kaufhäuser ist ungewiss. Das ist alles Quatsch. Die Zukunft ist immer ungewiss. Das ist das Markenzeichen der Zukunft. Im Grunde ist es ähnlich wie beim Fußball. Warum gehen die Leute dahin? Weil sie nicht wissen wie es ausgeht. Das galt natürlich durch Corona auch nicht mehr. Es war schlimm, dass die Bundesliga in Stadien fast ganz ohne Fans stattfand. Oder wie man in Leverkusen sagen würde: wie immer.
Frage: Weiß man denn wann die Zukunft beginnt?
Antwort: Nie. Es gibt dieses Lied „Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt“ und da heißt es, „die Zeit ist das, was gerade geschieht“. Ich mache mir halt Gedanken, was man in Zukunft besser machen könnte, das ist das Wesentliche in dem Programm. Wir müssen die Gegenwart analysieren und dann überlegen, in welche Richtung wir das Ganze lenken.
Frage: Was hat denn Ihrer Ansicht nach ganz viel Zukunft und was hat gar keine?
Antwort: Wir haben ja durch Corona gemerkt, was wir alles nicht brauchen. Wir brauchen kein Kitesurfen in der Karibik, kein Tauchen auf den Malediven, kein Shopping-Wochenende in New York, das ist alles nicht zentral. Was wir brauchen, sind andere Menschen. Frag mal 90-Jährige, was wirklich zählt: Beziehungen. Darum müssen wir uns kümmern. Und wir müssen uns wieder an Nähe gewöhnen, dafür ist ja die nächste Woche gut.
Frage: Was ist nächste Woche?
Antwort: Ich weiß ja nicht wann der Artikel erscheint. Vor oder nach Karneval?
Frage: Keine Ahnung, wann ist denn Karneval?
Antwort: Morgen. Morgen ist Weiberfastnacht. Das kann sich in Köln keiner vorstellen, das einer in Deutschland nicht weiß, was morgen ist. Aber in evangelischen Gegenden ist das so, ich weiß.
Frage: Welche Filme oder Bücher, Comics oder Gedichte über die Zukunft haben Sie zu Ihrem Programm und Ihren Gedanken inspiriert?
Antwort: Gar keine. Ich habe einfach nur gemerkt, dass die jungen Leute äußerst skeptisch sind, was die Zukunft angeht und sie haben Grund dazu. Die Jugend hat zwei Jahre auf Studieren, Festivals, Konzerte, Reisen, im Grunde auf alles verzichtet, was Jungsein ausmacht. Warum? Um die Alten zu schützen, deren Gesundheit und Überleben. Jetzt könnten sie mit Fug und Recht verlangen, dass die alten Leute mal ein paar Jahrzehnte auf Fliegen, Fleisch und fette Karren verzichten. Denn die Klimakatastrophe ist ja für die jungen Leute viel einschneidender als Corona für die alten.
Frage: Womit wir wieder bei der Zukunft wären.
Antwort: Ja genau, das ist halt Fridays for Future. Deswegen wird ja der Protest gegen die Klimapolitik immer härter, jetzt kleben sich die Leute schon auf der Autobahn fest. Es gibt diese Bewegung, Extinction Rebellion, die hat in Köln den kompletten Verkehr in der Innenstadt lahmgelegt. Das hat aber nichts gebracht, weil keiner wusste, wo der Unterschied zu sonst ist.
Frage: Aber ich gehe doch davon aus, dass Sie lesen oder läuft das nach dem Motto, das bisschen was ich lese, schreibe ich mir selbst?
Antwort: Ich lese natürlich, aber das sind keine Bücher über die Zukunft.
Frage: Okay, keine Bücher, aber nicht einmal Filme wie „Zurück in die Zukunft“?
Antwort: Nein, die haben mich alle nicht fasziniert. Ich bin wirklich aufgrund der Gespräche mit jungen Leuten auf das Thema gekommen.
Frage: Gibt es überhaupt einen Film, der Sie fasziniert?
Antwort: Ja, aber mir fällt keiner ein. Die Kinos waren ja auch zu. Ich gucke wenig Fernsehen, wenig Filme. „The Crown“ habe ich geschaut, weil mich interessiert, wie lange man etwas Überholtes, Verkommenes in die Zukunft retten kann. Das ist ja die Frage beim Königshaus in England. Wie lange kann man so etwas Antiquiertes, Verstaubtes noch aufrechterhalten in der modernen Zeit? Das finde ich spannend.
Frage: Ich glaube, noch eine ganze Weile.
Antwort: Ja, solange es Menschen gibt, die das mitmachen. Ich glaube, das will keiner mehr. Aber die Menschen, die das machen müssen ...
Frage: Was? König sein?
Antwort: Ja. Die müssen bereit sein, diese Bürde zu tragen, denn das ist ein völliger Verlust von Freiheit. Was die Queen ihr Leben lang gemacht hat, da würden wir doch verrecken. Das ist doch wirklich eine Zumutung, was die Frau sich da aufgehalst hat. Das ist mir beim Gucken dieser Serie klargeworden. Die Frage ist, findet man heute noch Menschen, die so etwas mitmachen?
Frage: Sie meinen, ob man Menschen findet, die König oder Königin sein wollen?
Antwort: Heute würde man sie vielleicht noch finden aber ob das in Zukunft noch möglich ist?
Frage: Ich würde sagen, da fährt einmal der Casting-Bus von RTL vor und die Sache ist geritzt.
Antwort: Okay, das wäre eine Lösung.
Frage: Es gibt ein Album der Band Fehlfarben, die „Platte des himmlischen Friedens“. Auf dem Innencover steht: „Die Zukunft wird herrlich“. Stimmt das?
Antwort: Das glaube ich nicht, nein. Wir haben das Goldene Zeitalter erlebt, Sie und ich. Wir haben mit unserer Geburt die optimale Zeit und den optimalen Ort erwischt. Davor war es schwierig und jetzt wird es das auch wieder.
Frage: Da stimme ich Ihnen zu.
Antwort: Die 70-er- und die 80er-Jahre waren tolle Jahrzehnte. Wir hatten eine eigene Kultur, eine eigene Musikkultur, alle Möglichkeiten. Es ging immer weiter aufwärts. Und jetzt müssen wir uns Gedanken machen, wie wir das für die kommende Generation retten. Das ist wesentlich schwieriger als das, was wir erlebt haben. Ich glaube, wir haben eine Chance, aber wir müssen sie auch jetzt anpacken, beherzt.
Frage: Sehen Sie das denn, dass das passiert?
Antwort: Wir bemühen uns, aber wir sind zu langsam. Das Tempo reicht nicht aus. Deswegen mache ich das Programm, um mal ein bisschen mehr Dampf zu machen.
Frage: Sehr gut!
Antwort: Ich bin gerade in Holland. Die Holländer haben jetzt Inlandsflüge stark besteuert. Ja gut, Inlandsflug in Holland - es heißt ja, man steigt in Amsterdam ins Flugzeug ein, geht einmal durch und kommt in Venlo wieder raus. Aber das ist ein Zeichen. Also, ich fliege nicht mehr, schon seit vielen Jahren.
Frage: Auch nicht mehr zu Ihren großen Südamerika-Tourneen?
Antwort: Die gab es auch noch nie, das wissen Sie sicherlich. Ich lass das einfach, es geht wunderbar. Ich habe gelesen, Australien hat für Touristen wieder aufgemacht. Aber was erzählen denn die Leute, die zurückkommen, ihren Freunden? Ich habe Kängurus gesehen, die über die Straße gehüpft sind. Und Kängurus erzählen ihren Freunden, wir haben Idioten aus Köln gesehen, die sind 40.000 Kilometer geflogen um etwas zu sehen, das es in Wuppertal im Zoo gibt.
Frage: Wie soll man sich in Zukunft mal an Sie erinnern, Herr Becker?
Antwort: Gar nicht! Ich habe Karl Lagerfeld als Vorbild, der gesagt hat, er wolle keine Beerdigung, er habe das Recht, der Welt einfach so abhanden zu kommen.
Frage: Sehr schön. Wenn Sie Karl Lagerfeld als Vorbild haben, darf ich annehmen, dass Sie in Ihrem Leben noch keine Jogginghose getragen haben, außer zum Joggen möglicherweise?
Antwort: Das stimmt. Sein Satz ist richtig: Wer Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Sehr schön, der Satz.