Osnabrück
Tatort „Kehraus“ aus München: So einen „Mörder“ gab’s noch nie
Viel Fasching, kein Corona - aber Melancholie, Spannung und Humor: Der Tatort „Kehraus“ aus München zeigt heute Abend eine herausragende Nina Proll und einen „Mörder“, wie es ihn im Tatort noch nicht gab.
Ganz schön angeheitert, der Herr Kommissar Batic (Miroslav Nemec). Und ganz schön fesch in seiner Pilotenuniform. Wer seinen Kollegen Leitmayr (Udo Wachtveitl) allerdings ein bisschen kennt, wird ahnen, dass sich dessen Begeisterung in Grenzen hält. Er hat gerade erst ein paar Feierteufel unter seinem Fenster um Einhaltung der Nachtruhe gebeten, als der heitere Pilot mit zwei ähnlich euphorisierten Bienen an seiner Tür Sturm klingelt und sie bei ihm einquartieren möchte. Die beiden sind nämlich aus Waldkraiburg zum Fasching nach München eingeflogen und kommen nun nicht mehr heim.
Aber es wäre wohl kein Tatort, wenn in dieser Situation nicht ein Kommissars-Handy klingeln und von einer Leiche künden würde. Schlagartig sind die Bienen Nebensache und der Batic wieder ganz nüchtern. Auf einer Treppe am Isarufer liegt ein toter 70-Jähriger, eine erste Spur führt in „Irmis Stüberl“, wo der ganz und gar nicht verkleidete Mann kurz zuvor noch mitten im Faschingstrubel gesehen worden war und sich gestritten haben soll. Entdeckt wurde seine Leiche von einer Greisin, die sich danach schnell wieder zum Hund in ihre Wohnung zurückzog.
Normalerweise schert die Jahreszeit außerhalb des Fernsehers die Tatort-Programmplaner einen feuchten Kehricht. Eine Winterfolge im Frühsommer? Kein Problem. Brütende Hitze im tiefsten Winter? Alles schon gesehen. Aber beim Karneval oder Fasching, wie die fünfte Jahreszeit in München heißt, besinnt man sich gern auf den Kalender und sendet einen närrischen Krimi aus Köln, Freiburg oder jetzt eben aus München. Dafür hat man Corona komplett ausgeblendet – so ein Krimi soll ja auch noch für Wiederholungen in zehn Jahren taugen.
Zentrale Figur von „Kehraus“ ist ein gar nicht so lustiges Rotkäppchen. Silke Weinzierl, die Frau unter diesem Kostüm, hat im Leben schon einiges mitgemacht. Ihr Mann hat sie verlassen und den Sohn gleich mitgenommen, geschäftlich kommt sie einfach nicht auf die Beine und aus ihrer Münchner Stadtwohnung ist sie wegen Mietrückständen rausgeflogen. Ihr ganzes Leben ist ein einziger geplatzter Traum. Mit dem toten Goldhändler hatte sie am Abend seines Todes Kontakt – und auch schon davor, wie die Kommissare schnell herausfinden.
Erst Alkoholleiche, dann eine Frau mit vielen Facetten - beindruckend dargestellt wird diese Silke Weinzierl von Nina Proll, die in ihrer österreichischen Heimat zuletzt vor allem als Gesicht und Sprachrohr der Impfgegner Schlagzeilen machte. Eine – positive – Schlagzeile aber hat sie auch für diesen Tatort-Auftritt verdient. Lange hat es nicht eine so intensive Episodenhauptrolle gegeben, Proll füllt sie großartig aus.
Diese Rolle habe sie schon beim Lesen fasziniert, sagt die 48-Jährige im Senderinfo: „Sie hat alles, wovon man als Schauspieler träumt: Tragik, Komik, Stärke, Schwäche, Verzweiflung, Trotz, Frechheit und Sinnlichkeit. Gemeinsam mit Regisseurin Christine Hartmann habe ich versucht, ihr gerecht zu werden. Man wird zwar das Gefühl nicht los, dass ihre Geschichte nicht gut ausgeht, trotzdem hofft man, dass sie es schafft und dass sie am Ende durchkommt. Der Fasching in München spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle. Er hat – ähnlich wie Silke – seine besten Zeiten hinter sich und wirkt beinahe wie aus der Zeit gefallen. Mich hat beim Ansehen des Filmes eine eigentümliche Sehnsucht nach den 1980ern ergriffen.“
Doch nicht nur Nina Proll macht diesen Krimi sehenswert, der vermutlich in die Tatort-Geschichte eingehen wird. Und zwar wegen eines „Mörders“, wie man ihn in über 50 Jahren noch nicht gesehen hat. Dabei gelingt Regisseurin Christine Hartmann sowie den Drehbuchautoren Stefan Betz und Stefan Holtz eine abgewogene Mischung aus Melancholie, Spannung und feinem Humor. Auch für Faschings-Phobiker durchaus empfehlenswert.
Tatort: Kehraus. Das Erste, Sonntag, 27. Februar, 20.15 Uhr.
Wertung: 5 von 6 Sternen