Osnabrück

Brauchen mündige Leser Klassiker der Literatur mit Warnhinweis?

Stefan Lüddemann
|
Von Stefan Lüddemann
| 23.02.2022 18:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Keira Knightley & Matthew Macfadyen Characters: Elizabeth Bennet & Mr. Darcy Film: Pride & Prejudice (UK/USA/FR 2005) / Foto: www.imago-images.de
Keira Knightley & Matthew Macfadyen Characters: Elizabeth Bennet & Mr. Darcy Film: Pride & Prejudice (UK/USA/FR 2005) / Foto: www.imago-images.de
Artikel teilen:

Zu sexistisch, zu grausam? An englischen Unis werden Klassiker der Literatur mit Warnhinweisen versehen. Was nach Posse klingt, verweist in Wirklichkeit auf einen neuen Trend zu Prüderie und Sittenwächterei. Mündige Leser brauchen aber keine Bevormundung von wohlmeinenden Aufpassern.

Jane Austen? Ist das nicht die Autorin eher harmloser Beziehungsromane aus dem viktorianischen England? „Stolz und Vorteil“: Gerade Mädchen und junge Frauen verschlingen bis heute diese Selbstfindungsgeschichte, ganz gleich ob als Buch oder Film. Aber jetzt sollen sie das so ohne weiteres nicht mehr dürfen, zumindest dann, wenn sie etwa an der University of Salford englische Literatur studieren. Bücher von Jane Austen, aber auch von Charles Dickens oder Charlotte Brontës „Jane Eyre“ werden nach Medienberichten in Leselisten mit Warnhinweisen versehen. Zu grausam sollen diese Texte sein, in einzelnen Episoden, in ihrer Sprache, in der Darstellung von Gewalt und Sexualität. „Einige Schülerinnen und Schüler finden den Inhalt der folgenden Texte möglicherweise belastend“, heißt es in den Hinweisen. Eine Posse? Ja, aber eine mit Signalcharakter.

Und dass nicht nur, weil Klassiker der Literatur in jüngster Zeit gleich an mehreren britischen Universitäten, etwa in Aberdeen, Leeds und Northampton, mit Warnhinweisen versehen werden. Die Tendenz, Klassiker der Literatur oder der Kunst auf einen neuen Index zu setzen, gibt es auch hierzulande. Ist Astrid Lindgrens Geschichte von Pippi Langstrumpf nicht rassistisch? Und musste nicht auch der Text der „Kleinen Hexe“ von Otfried Preußler umgeschrieben werden, weil auch er für problematisch gehalten wurde? Es ist richtig, sich über Stereotype zu verständigen, die Klassiker der Kultur transportieren, Rassismus oder Sexismus beim Namen zu nennen, gerade dann, wenn sie in Texten vorkommen, die Teil des kulturellen Kanons sind. Aber helfen Warnungen oder gar Verbote wirklich weiter?

Wer Romane mit Warnhinweisen stigmatisiert oder Titel von Kunstwerken umformuliert, weil sie aus der Sicht einer aktuellen Political Correctness als anstößig erscheinen, der hängt nicht nur einem sonderbaren, weil völlig ahistorischen Purismus an. Der Reinigungswahn, der auch Straßennamen oder Denkmälern gilt, setzt sich vor allem über das Urteilsvermögen der Öffentlichkeit und jedes Einzelnen hinweg. Ja, es kann gute Gründe dafür geben, Namen und Benennungen kritisch zu überdenken. Und nicht jedes Denkmal muss auf ewige Zeit an seinem Platz bleiben, nicht jeder Heldenkult fortgesetzt werden. Aber niemand braucht einen Bildersturm oder Sittenwächter, die sich anmaßen, die Geschichte umzuschreiben oder Menschen zu bevormunden, die selbst beurteilen können und wollen, was sie für zumutbar halten und was nicht. Wer Warnhinweise an Bücher heftet, behandelt Leserinnen und Leser als wären sie unmündig. Das ist inakzeptabel.

Aber jetzt trifft es eben Charlotte Brontës „Jane Eyre“, Charles Dickens „Große Erwartungen“, Gedichte von Christina Rosetti und Robert Browning. Sogar George Orwells Klassiker „1984“, für Generationen wertvolle Pflichtlektüre, wenn es darum ging, die Gefahren von Diktaturen zu erkennen, soll mit einem Mal nicht mehr zumutbar sein. Vor kurzem strichen konservative US-Bundesstaaten die Graphic Novel „Mouse. Geschichte eines Überlebenden“ von Art Spiegelman aus dem Schulkanon. Die Bildergeschichte, eine mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete künstlerische Aufarbeitung des Holocaust, geriet wegen einzelner Wörter wie „Bitch“ auf den Index. Was schwebt solchen Sittenwächtern vor – eine Welt, in der nur noch in einer gereinigten Standardsprache kommuniziert wird, politisch korrekt und garantiert frei von allem, was anstößig sein könnte, dafür aber auch frei von jedem Impuls, jeder Überraschung, von allem, was dem wirklichen Leben von Menschen entspricht?

Wer Texte reinigt oder sie mit Warntafeln verstellt, der beschädigt die Literatur, die Kunst. Bücher und Bilder öffnen die Räume des Fiktiven. Sie sind die Sphäre, in der wir Grenzbereiche des Vorstellbaren schadlos erkunden, uns mit Gewalt und extremen Gefühlslagen auseinandersetzen können, ohne sie selbst erleben zu müssen. Der antike Begriff der Katharsis meint genau das, die Kraft der Literatur, bei den Zuschauern heftige Gefühle zu erwecken und sie auf diesem Weg von ihnen zu befreien, Ruhe und Übersicht zu gewinnen. Diese Leistung wird bis heute allen Künsten zugeschrieben. Sie machen Menschen mit dem bekannt, was menschlich ist, auch dem Schrecken, der Grausamkeit. Wer zivilisiert sein will, sollte durch dieses gedankliche und emotionale Reinigungsbad gegangen sein. Sittenwächter braucht niemand – dafür aber Menschen, die sich in ihrem Urteil und Verhalten sicher sind, weil sie um Abwege und Gefahren wissen.  

Ähnliche Artikel