Hamburg

Klitschkos Box-Kollege: „Was soll der Krieg? Gar nichts!“

Jakob Drechsler
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Von Jakob Drechsler
| 23.02.2022 16:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Beim Boxen nur noch als Zuschauer am Ring: Ex-Schwergewichtler Alexander Dimitrenko. Foto: Imago/Lobeca
Beim Boxen nur noch als Zuschauer am Ring: Ex-Schwergewichtler Alexander Dimitrenko. Foto: Imago/Lobeca
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Alexander Dimitrenko boxte für Universum, heute arbeitet der Deutsche mit russischen und ukrainischen Wurzeln in Hamburg als Sozialpädagoge. Was er zur Situation in der Ukraine sagt.

Am liebsten würde Alexander Dimitrenko die Gedanken an die Situation in der Ukraine ganz weit von sich schieben. Und am liebsten würde er sich auch überhaupt nicht äußern wollen über die kriegerischen Auseinandersetzungen in seinem Geburtsland, in dem neben seiner Mutter und vier Geschwistern auch noch etliche Freunde leben.

Aber dann sprudelt es plötzlich doch nur so heraus aus dem dreifachen Box-Europameister, der 2001 nach Hamburg kam und dort neun Jahre später eingebürgert wurde.

„Was soll der Krieg? Gar nichts! Menschen bluten, leiden und sterben, das ist einfach schrecklich“, sagt Dimitrenko, „das will ich mir gar nicht vorstellen.“ Dabei wollten die meisten doch einfach nur in Ruhe weiterleben und arbeiten – ganz gleich, welcher Herkunft. Rund 15 der knapp 42 Millionen Einwohner der Ukraine sind russischer Ethnie, erzählt Dimitrenko.

Er selbst verdankt den Nachnamen seinem ukrainischen Vater, seine Mutter ist Russin. „Was bin ich also? Deutscher“, sagt der 39-Jährige, ohne darauf gesteigerten Wert legen zu wollen: „Für mich gibt es keine Nationalitäten. Es gibt nur gut erzogene und schlecht erzogene Menschen.“

Geboren ist Dimitrenko auf der Halbinsel Krim, wo er zu Sowjet-Zeiten mit Russisch als Mutter- und Amtssprache aufwuchs. Ukrainisch wurde bis zur 5. Klasse als Fremdsprache gelehrt. „Das war immer umstritten“, sagt Dimitrenko. „Stellen Sie sich vor, in Deutschland würde Deutsch als Fremdsprache unterrichtet.“

Ressentiments zwischen Russen und Ukrainern habe er in seinem Umfeld deshalb aber nie verspürt. Im Gegenteil: Freunde sprächen Ukrainisch, er antworte eben auf Russisch. Deutsch spreche er inzwischen ohnehin viel besser als Ukrainisch.

Auch in seiner Zeit als Profi-Faustkämpfer für den Hamburger Boxstall Universum sei er mit vielen seiner dort ebenfalls unter Vertrag gestandenen Landsleute so verfahren, darunter die Klitschko-Brüder Wladimir und Vitali.

Letzterem würde er nach dem Bürgermeisteramt in Kiew auch die Präsidentschaft der Ukraine zutrauen. „Er hat schon jetzt etwas Großes geleistet“, sagt Dimitrenko über Vitali Klitschko, der mit seiner Frau Natalia ebenfalls noch einen Wohnsitz in Hamburg unterhält. „Man kennt sich“, sagt Dimitrenko über sein Verhältnis zu den Klitschkos.

Dimitrenko selbst hält sich mit politischen Ambitionen noch zurück, obgleich er seit 2014 Mitglied im CDU-Ortsverband Eppendorf ist. Vielmehr widmet er sich seiner zweiten Karriere als Sozialpädagoge, als der er im Multi-Kulti-Stadtteil Billstedt auch viele Heranwachsende russischer und ukrainischer Abstammung in der Lebensplanung unterstützt.

Dabei will er auch der Gefahr einer gesellschaftlichen Spaltung durch die Ukraine-Krise entgegenwirken. Zu präsent sind ihm zerstörte private Beziehungen im Zuge des Balkan-Kriegs. Aber am Ende bleiben auch Dimitrenkos Mittel begrenzt. „Ich bete für die Menschen in der Ukraine. Das ist das Einzige, was ich tun kann“, sagt der gläubige Christ.

„Als Boxer habe ich mir mit dem Gegner zwölf Runden lang die Birne eingeschlagen“, sagt Dimitrenko schließlich, „nach dem letzten Gong haben wir uns die Hand gegeben und einander umarmt.“

Dass sich Russlands Präsident und Hobbyboxer Wladimir Putin am Ende dieses „Männersport“-Grundsatzes bemächtigt, droht angesichts der aktuellen Entwicklungen allerdings ein frommer Wunsch zu bleiben. Sich selbst hat Dimitrenko, ein Mann wie ein Baum, längst einem klaren Leitsatz unterworfen: „Ich würde jedem Menschen meine Hand reichen.“

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