Klare Kante
Pferdewechsel im Strom
An sechs Tagen pro Woche veröffentlichen wir auf unserem Online-Auftritt eine Kolumne. Donnerstags gibt es klare Kante.
Mindestens so wichtig wie das Sitzfleisch, das Winston Churchill als Voraussetzung für politischen Erfolg ansah, ist in der Parteiendemokratie die Nase politischer Akteure. Der richtige Riecher für innerparteiliche Entwicklungen, die Witterung für gegnerische Angriffe, ins Blut übergegangene Abwehrinstinkte, das begründet den Nimbus führender politischer Streiter.
Volker Bouffier, Deutschlands dienstältester CDU-Ministerpräsident aus Hessen, wurde dieses besondere Gespür immer nachgesagt, hatte es aber seit seinem bescheidenen Ergebnis bei der letzten Landtagswahl 2018 verloren. Als treuer Paladin von Angela Merkel unterstützte er bei den Kampfabstimmungen um den Parteivorsitz zuerst Annegret Kramp-Karrenbauer und dann Armin Laschet. Seine eher konservativ gestrickte Landespartei war wie sein Vorgänger Roland Koch für Friedrich Merz, der im dritten Anlauf nun Oppositionsführer ist.
Geschmacksverirrung als „Kanzlerkandidaten-Macher“
Besonders übel nimmt ihm die Partei seine Geschmacksverirrung als „Kanzlerkandidaten-Macher“ für Laschet, der sich nach einem unterirdischen Wahlkampf und einer historischen Niederlage auf die Hinterbänke verabschiedet hat. Seinen bayerischen Kollegen Markus Söder sieht Bouffier Presseberichten zufolge am „liebsten von hinten“. Der 70 Jahre alte „Merkelianer“ unterschätzte in arroganter Demoskopiegläubigkeit die SPD und ihren Bewerber Scholz. Wie die meisten Unions-Granden glaubte auch Bouffier, die SPD werde das „Tal der Tränen“ nicht verlassen und unter 20 Prozent bleiben.
Wenn nicht alle Zeichen trügen, deutet sich morgen (25.2.) bei einer Funktionärskonferenz der hessischen CDU in Nordhessen eine neue Ära an. Bouffier soll angeblich seinen Rücktritt als Ministerpräsident und Landeschef ankündigen, um der Nachfolgelösung genügend Zeit zur Profilierung bis zur Landtagswahl 2023 zu geben. Ein Pferdewechsel mitten im Strom, der angesichts einer dünnen schwarz-grünen Parlamentsmehrheit Risiken, aber auch Chancen birgt.
Wer immer dem Gießener Juristen folgen wird, er muss das Profil der unter Alfred Dregger und Roland Koch erfolgreichen Landespartei wieder schärfen, ihren liberalkonservativen Markenkern herausstellen. In aktuellen Umfragen liegt die CDU hinter der SPD und gleichauf mit den Grünen.
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