Osnabrück
Dan Graham setzte mit dem „Fun House“ ein Zeichen in Münster
Er liebte die Philosophie und Britney Spears - Dan Graham. Der amerikanische Objektkünstler war unter anderem bei der Documenta und den Skulptur-Projekten Dauergast. Jetzt ist der leise Kunststar gestorben.
War man drinnen oder draußen, sichtbar oder unsichtbar? Die meisten Besucher der Skulptur Projekte Münster, die 1997 das „Fun House for Münster“ betraten, werden sich diese Fragen kaum gestellt haben. Und doch funktionierte dieses „Spaßhaus“, das Dan Graham als transparenten Glaspavillon für die dritte Ausgabe der Skulptur Projekte in Münsters Promenade stellte, wie ein Gleichnis auf die Mediengesellschaft und ihr Spiel mit der Sichtbarkeit. Federleicht wirkenden Gebilde aus verspiegeltem Glas waren die Signatur eines Künstlers, dessen begehbare Skulpturen das Publikum magisch anzogen – als Bühne, Treffpunkt und Spiegelkabinett mit überraschenden Ein- und Durchsichten.
Dan Graham war schon 1987 bei den Skulptur Projekten mit einem Oktogon, einem achteckigen Gebilde, im Schlossgarten präsent gewesen. Zwischen 1972 und 1997 nahm er an gleich fünf Ausgaben der Documenta teil. Der 1942 in Urbana (US-Bundesstaat Illionois) geborene Künstler ist nach Medienberichten am 19. Februar 2022 im Alter von 79 Jahren in New York gestorben. Das Wort Konzeptkünstler wirkte gerade im Hinblick auf ihn wie ein Verlegenheitsbegriff. Der Künstler sah sich als Architekt und Philosoph, verstand sich auf Kunst im öffentlichen Raum, liebte Denker wie Ludwig Wittgenstein und die Songs von Britney Spears. Als Grenzgänger gehörte er während der letzten Jahrzehnte zu den leisen, aber bestimmenden Figuren der weltweiten Kunstszene.
Während Medientheoretiker wie Paul Virilio oder Jean Baudrillard über Beschleunigung und Wirklichkeitsverzerrung durch die Medien nachdachten, konzipierte Dan Graham seine Glaspavillons als begehbare mediale Bühnen. Wer sie betritt, weiß nicht, ob er für Auenstehende verborgen oder gerade ihren Blicken ausgesetzt ist. Das raffinierte Spiel mit einfachen und doppelten Verspiegelungen, mit Blickblockaden und transparenten Flächen war immer mehr als virtuoser Selbstzweck. Mit Grahams Pavillons lässt sich über Medien als Behausungen nachdenken, die den Menschen magisch anziehen, ihn gleichzeitig beherbergen und preisgeben. In diesem Kernpunkt befand sich Grahams Kunst ganz auf der Höhe ihrer Zeit.
Grahams Werke mochten auf Kunstmessen wie der Art Basel teuer gehandelt werden – zugleich öffneten sie jedoch die Expertenkunst zur Welt der populären Kultur. Seine fein ausgefeilten Skulpturen waren und sind ebenso elegante wie flüchtige Gebilde. Graham machte keine pompöse Thesenkunst, sondern Objekte für den menschlichen Gebrauch. Mit ihren Durchblicken vermitteln sie zwischen Drinnen und Draußen. Alles steht auf einer hauchfeinen Grenze, wie das Leben selbst zwischen Erscheinen und Verlöschen. Grahams größte Kunst war es wohl, den philosophischen Gedanken mit dem federleichten Spaß zu verbinden. Mag Münsters „Fun House“ heute nicht mehr stehen – Skulpturen in Düsseldorf, Stuttgart und an anderen Orten zeugen weiter von Dan Grahams Talent für bestechende Eleganz.