Verkehr
Moderne Technik kann vor Wildunfällen schützen
An einem Wildunfall-Schwerpunkt in Lütetsburg gilt ein neues Tempolimit. Eine Leserin schlägt stattdessen Infrarottechnik vor. Experten bewerten die Idee und berichten, was sonst schon versucht wurde.
Lütetsburg - Eigentlich gab es 2020 im Altkreis Norden so wenig Verkehrsunfälle wie schon seit zehn Jahren nicht mehr. Das hatte die Polizei im Mai bei der Vorstellung der jüngsten Verkehrsstatistik berichtet. Eine Ausnahme bildet allerdings weiterhin die Hager Umgehungsstraße bei Lütetsburg, die auch als Küstenbahnstraße oder Landesstraße 6 bekannt ist und seit langer Zeit wegen des angrenzenden Walds ein berüchtigter Wildunfall-Schwerpunkt ist. Nun haben die Behörden reagiert und ein neues Tempolimit erlassen: Zwischen 18 und 6 Uhr gilt ab sofort Tempo 50 statt 70. Zwar verkürzt das im Zweifel den Anhalteweg, aber reicht das alleine aus, um möglichst alle Unfälle zu verhindern?
Was und warum
Darum geht es: um Technik, die Wildunfälle verhindern soll oder in Zukunft verhindern könnte
Vor allem interessant für: Kraftfahrer in ganz Ostfriesland
Deshalb berichten wir: Kurz nachdem sich bei uns eine Leserin über die Situation bei Lütetsburg beschwert hatte, lasen wir von dem dort geltenden neuen Tempolimit. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Eine Leserin unserer Zeitung glaubt das nicht. Schon kurz bevor das Limit geändert wurde, berichtete sie unserer Zeitung von ihren eigenen Erfahrungen auf der Straße. Ein Autofahrer sei direkt vor ihr mit Tempo 60 in ein Reh gekracht. Von dem Schmerzensschrei des Tieres träume man hinterher noch, schreibt sie und betont: „Verkehrsschilder bringen rein gar nichts.“ Stattdessen müsse man Wildtierbrücken bauen und auch über den Aufbau eines noch jungen Infrarot-Warnsystems nachdenken, fordert sie.
Leitpfosten mit schrillen Tönen
Simon Grootes ist der Bezirksvorsitzende der Jägerschaften in Ostfriesland und Heinrich de Vries sein Stellvertreter. Auf Nachfrage unserer Zeitung bei den beiden heißt es, dass schon über alle möglichen Sicherheitsmaßnahmen diskutiert worden sei, auch über elektronische Warnsysteme oder Wildbrücken. Das Problem seien aber immer die Kosten und zum Teil auch die Genehmigungen. Verbreitet seien in Ostfriesland derzeit, wenn überhaupt, vor allem Wildschutzzäune. Allerdings sei auch das irgendwann teuer und man könne auch diese nicht überall aufstellen.
Was die Elektrosysteme angeht, so soll es laut de Vries einen Modellversuch in der Region geben. Dabei werden an Leitpfosten Bewegungsmelder montiert, die jedes Mal, wenn ein Fahrzeug vorbeikommt, einen hohen Ton im Ultraschallbereich abgeben. Der soll dann zum Beispiel Rehe und anderes Wild mit empfindlichem Gehör davon abhalten, sich in diesem Moment der Straße zu nähern. Solche Vergrämungs-Systeme gibt es schon beispielsweise für den Garten, die je nach Einstellung zum Beispiel dabei helfen sollen, Katzen vom eigenen Grundstück fernzuhalten.
Unfälle durch Konditionierung
Die Frage sei jedoch, ob so etwas auch langfristig etwas an den Straßen bringen würde, sagt Grootes. Als Beispiel nennt er ein Projekt von vor ein paar Jahren, bei dem überall in Ostfriesland blaue Reflektoren an den Leitpfosten angebracht wurden. Das Licht der Scheinwerfer, das darin zurückgeworden wurde, habe zwar tatsächlich in der ersten Zeit geholfen, das Wild abzuschrecken. Irgendwann habe es sich aber daran gewöhnt.
Auch bei den Menschen sei die Konditionierung das Problem, betont Grootes. Es gebe zum Beispiel Wildwechsel-Schilder, die die Autofahrer warnen sollen, aber die von den meisten Verkehrsteilnehmern gar nicht mehr wahrgenommen werden würden. Darum werden inzwischen bei der Umgehungsstraße und auch an anderen Orten zusätzlich Dreibeine mit dem Hinweis „Wildunfall“ aufgestellt. Sie sollen denselben Effekt auf die Autofahrer haben, aber weil sie noch unbekannter sind, sollen sie zumindest vorübergehens besser wahrgenommen werden, so die Hoffnung. Und dann seien da noch die Schilder, auf denen immer die aktuelle Zahl an Wildunfällen vermerkt werde.
Idee: Fünf Meter breit Bäume fällen
Schließlich gibt es noch ein System, über das die Süddeutsche Zeitung schon vor drei Jahren berichtet hat und bei dem man nicht Gefahr läuft, dass Mensch und Tier konditioniert werden. Dabei wird ebenfalls Technik an den Leitpfosten angebracht, die mithilfe von Infrarotlicht nach Wärmequellen in der Umgebung sucht und die Autofahrer dann gegebenenfalls mit einem Blinklicht warnt.
Geht es nach Grootes, so müssten im Falle der Küstenbahnstraße am besten die ersten fünf Meter Bäume gefällt werden. Dann würde das Wild nämlich nicht mehr direkt vom Grün auf die Straße treten, sondern könne sich erst noch in Sicherheit und bei freier Sicht umschauen. Darüber hinaus gelte es, an Unfallschwerpunkten den Jagddruck zu erhöhen.