Hamburg

Friede, Freude, Verarsche: Der Begriff Freedom-Day ist eine Frechheit

Laura-Cäcilia Wolfert
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Von Laura-Cäcilia Wolfert
| 18.02.2022 11:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Gefühl von Freiheit (Symbolbild). Foto: Aditya Saxena / Unsplash
Das Gefühl von Freiheit (Symbolbild). Foto: Aditya Saxena / Unsplash
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Für den 20. März ist in Deutschland der sogenannte „Freedom-Day“ angesetzt. Der Begriff ist eine Frechheit, findet unsere Autorin. Mit Freiheit hat dieser Tag nichts zu tun, vor allem nicht für junge Menschen.

In diesem Artikel erfährst Du:

Jeden Morgen schmiere ich mir Sonnencreme in das Gesicht. Das soll gut für die Haut sein, sagen Beauty-Influencer. Das ist gut für mein Gemüt, sage ich. Bei dem Geruch von Lichtschutzfaktor 50 kommt mir das Gefühl von Sommer in den Sinn. Ich spüre Sand unter meinen Füßen, schmecke Vanilleeis auf meiner Zunge und sehe Enten im Wasser planschen.

Unser Hirn ist ständig dabei, Verbindungen herzustellen. Ganz unbewusst. Das funktioniert nicht nur mit Gerüchen und Geschmäckern, sondern auch mit Wörtern. Lesen wir einen Begriff, werden aufgrund unserer Erfahrungen bestimmte Gefühle ausgelöst. Das sind Assoziationen, ursächliche Verknüpfungen von Vorstellungen. Sprache kann auf diese Weise unsere Art zu Denken und zu Handeln beeinflussen.

Politiker wissen das, sie machen vom sogenannten Framing Gebrauch. Frames sind gedankliche Deutungsrahmen, die eingesetzt werden, um bestimmte Gefühle zu wecken. Sie beeinflussen, manchmal ungewollt: Der Begriff „Flüchtling“ beispielsweise ist negativ konnotiert. Durch die Endung „ling“ wirkt er niedlich, minderwertig. Wie bei Schmetterling oder Lehrling. Die „Corona-Welle“ enthält eine Metapher, das Sprachbild der Naturkatastrophe – eine Welle, die nicht aufhaltbar ist und mit voller Wucht alles zerstört und mit sich reist. Dieser Begriff und die dazugehörige Assoziation können in den Menschen Angst auslösen.

Von Sonnencreme, Flüchtlingen und Corona-Wellen nun zu einem Wort, das aktuell vermehrt auftaucht: der Freedom-Day, geplant für den 20. März in Deutschland.

Was kommt Dir bei dem Begriff „Freedom-Day“ in den Sinn? Ich sehe die Freiheitsstatue vor meinen Augen und höre David Hasselhoff „Looking For Freedom“ singen. Ist das nun eine positive oder eine negative Assoziation? Mein Unterbewusstsein erinnert sich an den Geschichtsunterricht: Die Freiheitsstatue war ein Geschenk zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. An dieser Stelle schlägt mein Hirn Alarm.

Warum? Sich unabhängig zu erklären schließt mit ein, vorher abhängig gewesen zu sein. Und warum hat David Hasselhoff „Looking For Freedom“ gesungen? Nicht etwa, weil Deutschland schon immer frei und vereint war. Dafür musste 1989 erst einmal die Mauer fallen.

Im Gegensatz zur Sonnencreme weckt das Wort „Freedom-Day“ keine positiven Gefühle in mir. Der Freedom-Day deutet darauf hin, dass wir vorher nicht frei waren. Er impliziert – ganz überspitzt – dass wir noch bis zum 20. März abhängig und eingesperrt sind. Das ist nicht nur falsch, das bekräftigt zudem die Meinung von Corona-Leugnern und ist gefährlich. Unser Gehirn kann beim Lesen dieses Begriffes unbewusst mit Sorge und Beklemmung reagieren.

Ob die Abschaffung von Corona-Maßnahmen die Bezeichnung „Freedom Day“ verdient, sei außerdem dahingestellt. Die österreichische Zeitung „Der Standard“ schreibt dazu: „In den USA feiert man am Freedom-Day seit 1948 die Abschaffung der Sklaverei, in Südafrika seit 1994 freie Wahlen nach dem Ende der Apartheid. Und in Europa? Das Ablegen von FFP2-Masken“

Der Freedom-Day sollte ursprünglich für das Ende der Pandemie stehen, für das Ende einer sehr harten Zeit. Das Problem: Es ist die Politik, die für sich beansprucht, den Tag der Freiheit festzulegen. Dabei kann sie das gar nicht. Das lag nie in ihrer Macht. Es ist einzig allein das Virus, das uns einschränkt. Nicht Scholz, nicht Lauterbach, nicht Söder. Sie haben Maßnahmen ergriffen, um uns schützen. Sie haben uns aber nie unsere Freiheit geraubt. Lauterbach selbst übrigens, sagte in der ARD-Sendung „maischberger. die woche“: „Ich benutze diesen Begriff überhaupt nicht und finde auch nicht, dass er angemessen ist.“

Frei sind wir, wenn es kein Corona mehr gibt. Wenn Kinder sorglos in die Schule gehen, wenn die Zahl der Intensivbetten keine Rolle mehr spielt. Wenn wir keine Angst mehr haben, an Long Covid zu erkranken. Ich finde es frech, wenn vom Freedom-Day gesprochen wird, Gesundheitsämter, Schulen, Teststationen und Krankenhäuser aber weiterhin überlastet sind. Was für einen Eindruck hinterlässt das bei jungen Menschen?

Junge Leute haben auf so viel verzichtet seit Beginn der Pandemie – und das hat Spuren hinterlassen. Laut der Studie „Jugend in Deutschland“ hat sich die Psyche von 40 Prozent der 14-29-Jährigen in den vergangenen zwei Jahren verschlechtert. Von „Long Covid“ sind immer mehr Kinder und Jugendliche betroffen. Eine Studie beweist laut Business Insider außerdem, dass das Risiko, bei einer schweren Covid-19-Erkrankung zu sterben, für junge Menschen höher ist.

Bald gibt es kaum noch Maßnahmen, dann sind wir ganz auf uns allein gestellt. Müssen noch mehr als zuvor schon, selber versuchen, unser Wohlbefinden, unsere psychische und physische Gesundheit zu schützen. Und die wird sich mit dem Freedom-Day nicht plötzlich verbessern. Corona verschwindet nicht, nur wegen eines neu erkorenen Feiertages.

Der angesetzte Freedom-Day ist lediglich ein Tag, an dem die Maßnahmen gelockert werden. Das Gefühl von Freiheit, das haben wir mit viel Glück erst wieder im Sommer. Wenn die Inzidenzen sinken und das Leben wieder nach Sonnencreme riecht. Vielleicht muss ich mir am Freedom-Day einfach eine extra Ladung Sonnenschutzfaktor auf das Gesicht schmieren. Um so meine Wut zu überspielen.

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