Soziales

Mangel an Pflegefamilien: Strategie wird vorgestellt

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 17.02.2022 19:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Manche Menschen würden gerne Kinder bei sich aufnehmen, aber sind noch verunsichert. Die Jugendämter und Stellen wie der Verein Apfel bieten jedoch Unterstützung an. DPA-Symbolfoto: Uwe Anspach
Manche Menschen würden gerne Kinder bei sich aufnehmen, aber sind noch verunsichert. Die Jugendämter und Stellen wie der Verein Apfel bieten jedoch Unterstützung an. DPA-Symbolfoto: Uwe Anspach
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Überall mangelt es an Pflegefamilien. Die Stadt Emden hat jetzt reagiert und neue PR-Maßnahmen ergriffen. Worauf kommt es aber eigentlich an, wenn man selbst Kinder aufnehmen will?

Emden/Pewsum/Aurich - Was unternimmt die Stadt Emden, um dem Mangel an Pflegefamilien entgegenzuwirken? Das will das FDP-Ratsmitglied Henning Meyer in einem Schreiben von der Verwaltung wissen. Gleichzeitig schlägt er vor, die jetzigen Pflegeeltern nach ihren Erfahrungen, ihrer Motivation sowie danach zu fragen, ob sie bereit wären, andere Familien in der Anfangszeit zu unterstützen. Denkbar ist für Meyer darüber hinaus ein Modellprojekt, das die Bereitschaft in der Bevölkerung erhöhen soll, fremde Kinder aufzunehmen. Die Stadt antwortet ihm daraufhin, am 16. März im nächsten Jugendhilfeausschuss darüber sprechen zu wollen. Worauf kommt es aber eigentlich an, wenn man Kinder bei sich aufnehmen will?

Was und warum

Darum geht es: um die Frage, wie man mehr Menschen dazu bewegen kann, Pflegekinder aufzunehmen und um die Herausforderungen, die sie erwarten

Vor allem interessant für: Paare mit Kinderwunsch

Deshalb berichten wir: Das Emder FDP-Fraktionsmitglied Henning Meyer hatte uns über eine Anfrage zu diesem Thema an die Stadt Emden informiert.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Darüber haben wir mit Grete Stedler gesprochen. Sie ist die Vorsitzende des Vereins der Adoptiv- und Pflegeeltern in Ostfriesland (Apfel), der 80 Adoptiv- und Pflegefamilien vertritt. Laut ihr ist am Anfang immer die größte Herausforderung, dass die Pflegefamilien mit den Kindern „gut zusammenwachsen“ und herausfinden, was diese benötigen. Immerhin lebten sie aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern und hätten manchmal Defizite. Auch sei ihre Sprache teilweise nicht altersgerecht. Das könne schon mal dazu führen, dass Pflegefamilien trotz der Vorbereitung durch das Jugendamt überrascht werden. „Sie wachsen aber mit der Herausforderung und die Abbrecherquote ist sehr gering“, versichert Stedler. Wenn überhaupt, dann sei vor allem die Pubertät kritisch, in der Kinder viel mit sich selbst zu tun hätten und gleichzeitig sowohl gegen ihre leiblichen als auch gegen ihre Zieheltern „ankämpfen“ müssten.

Adoptiv- und Pflegekind: Das ist der Unterschied

Das kann aber ebenso zur Herausforderung werden wie auch viele altersunabhängige Alltagssituationen. Darum bietet der Verein Apfel in Pewsum und in Aurich regelmäßige Treffen für die Familien an. Auch organisiere man gemeinsame Aktivitäten, damit es zum persönlichen Austausch untereinander komme.

Man müsse dabei unterscheiden: Bei einer Adoption werde ein fremdes Kind rechtlich gesehen zum leiblichen Kind. Vor allem Paare, die keine eigenen Kinder bekommen können, würden sich für diesen Schritt entscheiden und Säuglinge oder Kleinkinder bei sich aufnehmen. Pflegeeltern hingegen seien „der verlängerte Arm des Jugendamts“ und hätten oft nicht selbst das Sorgerecht, so Stedler. Sie springen aber auch mal kurzfristig ein, wenn es zu familiären Notfällen kommt und werde für ihren Einsatz finanziell entlohnt. Pflegeeltern hätten häufig bereits eigene Kinder, wünschten sich aber eine noch größere Familie, weiß die Vereinsvorsitzende. Vermittelt werden würden vor allem Klein- und Grundschulkinder. Im Teenager-Alter gehe es stattdessen in Wohngruppen oder Heime.

Stadt Emden produziert Werbefilmchen

Markus Frein leitet in Emden den Fachdienst Sozialer Dienst und lässt auf Nachfrage über die Pressestelle der Stadt mitteilen, dass Pflegefamilien von ihrer jeweiligen Kommune qualifiziert werden. Anschließend könnten sie sich auch in anderen Städten oder Gemeinden um die Aufnahme eines Pflegekinds bewerben. Frein bestätigt, dass es gerne mehr Familien sein könnten. Darum habe die Stadt bereits im vergangenen Jahr in die Öffentlichkeitsarbeit investiert. Vor einigen Wochen habe es eine Infoveranstaltung des Pflegekinderdienstes gegeben. „Dabei konnten vier neue potenzielle Pflegefamilien gewonnen werden. Diese werden nun im Rahmen einer Weiterbildung auf die Aufgabe vorbereitet“, so Frein. Dieser „recht gute Zuspruch“ sei auch der Grund, warum es dieses Frühjahr einen weiteren Infotermin geben soll.

Dabei bleibt es aber nicht: „Künftig wird der Pflegekinderdienst auf der Website der Stadt Emden neu präsentiert. Zudem wurden verschiedene Kurzfilme produziert, in denen Emder Pflegefamilien über ihre Erfahrungen berichten“, so Frein weiter. „Außerdem wird auch künftig verstärkt über die sozialen Medien über das Thema informiert.“ Derzeit gebe es in der Stadt 90 Familien, die nichtleibliche Kinder betreuen. „Davon sind 64 Familien in Emden wohnhaft. Dort sind insgesamt 85 Kinder untergebracht. 19 Familien sind im Landkreis Aurich wohnhaft. In diesen Familien sind insgesamt 33 Kinder untergebracht. Im Landkreis Leer wohnen zwei Familien, bei denen insgesamt drei Kinder untergebracht sind. Außerhalb dieser benachbarten Landkreise sind in fünf Familien insgesamt fünf Kinder untergebracht.“ Insgesamt sei Freins Fachdienst für 126 Pflegekinder zuständig.

Der Landkreis Aurich verzeichnet 258 Pflegestellen und 399 Kinder, die sich in Pflegefamilien befinden, teilt Kreissprecher Rainer Müller-Gummels auf Nachfrage mit. „In der Gemeinde Hinte leben sechs Pflegefamilien, in diesen Familien sind sechs Pflegekinder untergebracht. In der Gemeinde Krummhörn leben 15 Pflegefamilien, in denen 17 Pflegekinder betreut werden.“ Bei der Unterbringung der Kinder sei dabei nicht deren bisheriger Wohnort ausschlaggebend, „sondern die möglichst passgenaue Betreuung“.

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