Lübeck
Öko-Hersteller fordern einen Mehrwertsteuer-Vorteil für Bio-Ware
Bis zu 70 Prozent Bio-Lebensmittel in Mensen und einen Mehrwertsteuer-Rabatt für Öko-Produkte im Supermarkt: Das fordert Tina Andres, Vorstandschefin des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), im Interview.
Andres arbeitet in Lübeck, genauer gesagt im Vorstand der Genossenschaft „Landwege“, die mehrere Bio-Supermärkte in der Hansestadt betreibt. Die Läden bieten ökologisch erzeugte Lebensmittel von Bauern aus der Region. Ein bisschen schwebt hier noch der Pioniergeist der Öko-Gründerzeit mit.
Doch das Geschäft mit Bio-Lebensmitteln ist längst ein brummender Multimilliardenmarkt. Und geht es nach der Bundesregierung um Bundesagrarminister Cem Özdemir soll dieser Zweig der Landwirtschaft binnen weniger Jahre noch deutlich wachsen.
Wie das gelingen kann, darum geht es im folgenden Gespräch mit Tina Andres. Seit Mai vergangenen Jahres steht sie dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft vor, dem Dachlobbyverband der Bio-Branche in Deutschland.
Frage: Frau Andres, die Ampel-Regierung will 30 Prozent Bio bis 2030. Derzeit gibt es Bundesländer, in denen nicht einmal auf fünf Prozent der Ackerfläche Bio-Landwirtschaft betrieben wird. Ist das Ziel also überhaupt realistisch?
Antwort: Das 30-Prozent-Ziel ist erreichbar, auch wenn es ambitioniert ist. Wenn die Marke erreicht werden soll, muss die Zahl der Bio-Bauern bis 2030 jedes Jahr um zwölf Prozent zunehmen. Das kann funktionieren. Eine neue Studie belegt, dass 20 Prozent der konventionellen Landwirte auf Bio umstellen wollen. Dabei muss man ihnen helfen. Es müssen Anreize für die Umstellung erhöht werden.
Frage: Agrarminister Özdemir bezieht die 30 Prozent nicht nur auf die Äcker. Bis 2030 soll auch 30 Prozent der Ware in den Supermärkten Bio sein. Wie soll das gehen, wenn Bio doch bislang immer noch ein Nischendasein fristet.
Antwort: Das eine Ziel bedingt das andere. Wenn Bauern umstellen sollen, brauchen sie auch den entsprechenden Markt, der Bio-Ware aufnimmt. Also ist es genau richtig, das 30-Prozent-Ziel vom Acker bis zum Teller zu denken. Wir brauchen dringend eine Ökologisierung der gesamten Lebensmittelwirtschaft mit Bio als Zentrum des Umbaus. Aber natürlich fordert uns das Ziel. Ich bin überzeugt: Das geht! Aber der Absatzmarkt ist ja nicht nur die Ladentheke, das ist zu kurz gedacht.
Frage: Denken wir weiter…
Antwort: Der Weg zu 30 Prozent Bio führt auch über die Außerhausverpflegung. Hier kann die öffentliche Hand deutliche Anreize setzen. Die Verpflegung in Kantinen und Mensen in Krankenhäusern, Schulen oder Behörden muss auf 50 oder besser noch 70 Prozent Bio umgestellt werden. Das bedeutet eine enorme Nachfrage nach Bio-Ware und ist ein Umstellungsanreiz für Landwirte. Das Beispiel Kopenhagen zeigt, dass das gehen kann. Innerhalb kürzester Zeit ist die öffentliche Verpflegung auf 90 Prozent Bio umgestellt worden. Und zwar kostenneutral.
Frage: Der Preis ist nach wie vor der entscheidende Faktor in den Ausschreibungen beispielsweise für die Schulverpflegung. Die deutsche Realität ist also weit weg von Kopenhagen.
Antwort: So weit weg ist diese Realität nicht – wir haben 50 Prozent in der Berliner Schulverpflegung erreicht, gestützt durch das Berliner Modell der Kantine Zukunft, die Kantinen berät und bei der Umstellung hilft. Das Beispiel zeigt, dass man Qualitäts- und Nachhaltigkeitsfragen auch in Ausschreibungen unterbringen kann. Wichtig ist, dass die Politik hierfür den Rahmen vorgibt, damit das Beispiel Schule machen kann.
Frage: Nun ist das Image von Bio bislang gut. 30 Prozent Bio bedeutet aber, dass Bio zur Massenware wird. Ist das nicht riskant?
Antwort: Wir sprechen da über eine Anhebung der Grundqualität unserer Ernährung. Das ist etwas Anderes als Massenware. Lebensmittelpreise müssen die Wahrheit sprechen sein. Aktuelle Lebensmittelpreise sind deswegen so niedrig, weil die Schäden an Umwelt, Tieren und Menschen im Zuge der Produktion nicht eingepreist werden. Die „Zukunftskommission Landwirtschaft“ spricht von 90 Milliarden Euro gesellschaftlichen Folgekosten durch die Landwirtschaft jährlich in Deutschland. Bio ist indes teurer, weil nachhaltig produziert wird, weil gesellschaftliche Mehrwerte wie Förderung der Biodiversität, Tiewohl, Schutz von natürlichen Ressourcen wie Boden, Wasser, Luft und der Klimaresilienz der landwirtschaftlichen Produktion aktuell kein marktwirtschaftlicher Wert beigemessen wird. Der Staat muss da alle steuerrechtlichen Möglichkeiten nutzen, damit hin zu mehr Nachhaltigkeit umgesteuert werden kann.
Frage: Das heißt? Ein Bio-Rabatt bei der Mehrwertsteuer?
Antwort: Den Mehrwertsteuersatz bei Bio-Lebensmitteln geringer zu halten als bei konventioneller Ware, halte ich für richtig. Denn Bio erspart der Gesellschaft negative Umweltfolgekosten. Das ist aber nur ein Ansatz, um mehr Nachhaltigkeit zu fördern, und dem Verbraucher die Kaufentscheidung zu erleichtern.
Frage: In Sachen Tierwohl wird diskutiert, den reduzierten Mehrwertsteuersatz auf tierische Lebensmittel zu streichen, um mit den Milliardeneinnahmen den Umbau der Tierhaltung zu finanzieren. Das würde bedeuten: Bio-Ware würde noch teurer werden.
Antwort: Das wäre ein fatal falsches Signal. Wir brauchen eine Reduktion der Tierhaltung, um Klimaziele erreichen zu können. Bio setzt auf flächengebundene Tierhaltung: Der Betrieb muss in der Lage sein, seine eigenen Futtermittel zu produzieren, statt beispielsweise Soja aus Südamerika zu verfüttern. Eine Anhebung der Mehrwertsteuer auf konventionelle tierische Produkte und eine Entlastung für Bio-Produkte wäre hier genau der richtige Weg.
Frage: Dort, wo Bio hohe Marktanteile hat – etwa bei Eiern oder bei Milch – ist häufig kaum ein Unterschied zur konventionellen Produktion zu erkennen. Da leben schnell mehr als 10.000 Bio-Hennen in einem Stallkomplex. Ist so ein Industrie-Bio die Zukunft?
Antwort: 10.000 Legehennen können Bio gut gehalten werden, bio bleibt höchster gesetzlicher Standard und hat natürlich auch Verbesserungspotential. Das ist ein kritischer Punkt. Der Marktdruck darf nicht dazu führen, dass der Nachhaltigkeitsgedanke konterkariert wird. Der Anspruch an Bio-Produkte muss weiter hoch bleiben. Wie jedes System hat aber auch Bio Probleme an den Rändern. Im Kern ist das aber nicht so und es darf auch nicht so weit kommen.
Frage: Die Fokussierung auf die Masse sorgt aber für einen konkurrenzfähigen Preis…
Antwort: Wie gesagt: Bei konventioneller Ware werden nicht die wahren Kosten eingepreist. Aber ganz generell: Die Kostenfrage ist eine soziale Frage, die die Bio-Branche nicht lösen kann. In kaum einem anderen Land Europas wird so wenig für Lebensmittel ausgegeben wie in Deutschland. Das ist ein Zustand, den wir ändern müssen. Was nichts kostet, ist nichts wert. Und darin liegt doch eine der Ursachen für die hohe Lebensmittelverschwendung. Zwischen 30 und 50 Prozent landen im Müll. Würden wir unsere Nahrungsmittel tatsächlich aufessen statt wegschmeißen, dann könnten wir mehr für das einzelne Produkt ausgeben.
Frage: Sie schelten eine Produktionsweise, die es geschafft hat, die Menschen satt zu machen.
Antwort: Schon richtig. Aber mittlerweile gilt wohl, dass wir zum Teil zu satt sind. Der Überfluss, den wir gewohnt sind, blendet aus, dass wir außerhalb der planetaren Grenzen wirtschaften. Wir zerstören unsere Lebensgrundlage. Dass das System nicht funktioniert, zeigt doch allein der Blick auf die Wertschöpfungskette in der Lebensmittelwirtschaft: Wir bewegen uns da überall im Niedriglohnsystem. Vom Landwirt über den Schlachthofmitarbeiter bis hin in die Logistik und den Supermarkt. Überall arbeiten Menschen, um den gesetzlichen Mindestlohn herum. Da gibt es andere Player, die den Profit aus dem System ziehen. Die Schäden werden vergesellschaftet. Das ist nicht in Ordnung. Um das zu ändern braucht es aber mehr als einen grünen Landwirtschaftsminister.
Frage: Nämlich?
Antwort: Es braucht beispielsweise bessere Ernährungsbildung. Viele Menschen wissen heute nicht mehr, wie man richtig koch, geschweige denn, sich gesund ernährt. Sie wissen auch nicht um die Schäden, die eine ungesunde Ernährungsweise anrichtet. Tagtäglich gibt die Gesellschaft rund 300 Millionen Euro für die Folgen ernährungsbedingter Krankheiten aus. Auch das ist Geld, dass wir besser in die Prävention investieren sollten, vom Acker bis zum Verbraucher.