Umweltschutz

Zigarettenkippen: Toxische Stoffe für die Ewigkeit

Nora Kraft
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Von Nora Kraft
| 17.02.2022 08:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Auricherin Sabine Höltgen entsorgt am Georgswall ihre Zigarette in einem „Kippster“, also in einem Kippen-Mülleimer. Foto: Ortgies
Die Auricherin Sabine Höltgen entsorgt am Georgswall ihre Zigarette in einem „Kippster“, also in einem Kippen-Mülleimer. Foto: Ortgies
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Aurich geht mit besonderen Mülleimern gegen die Flut von Zigarettenkippen vor. Die Redaktion wollte wissen, ob das funktioniert und wie schädlich die Kippen für die Umwelt sind.

Aurich - Sie verschlechtern die Fitness, schädigen das Herz-Kreislauf-System und erhöhen das Krebsrisiko. Zigaretten sind schlecht für die Gesundheit. Die Stummel richten zudem einen verheerenden Schaden in der Umwelt an. Besonders, wenn sie achtlos auf Straßen und Gehwege geschnippt werden. In Aurich geht man gegen den Kippenmüll am Georgswall mit speziellen Mülleimern an. Die Redaktion hat die Verantwortlichen gefragt, ob die Eimer genutzt werden und was die Zigarettenstummel in der Umwelt genau anrichten, wenn sie nebenan im Gras landen.

Was und warum

Darum geht es: Seit etwa einem halben Jahr stehen am Georgswall in Aurich spezielle Mülleimer für Zigarettenkippen. Werden die Stummel nicht im Restmüll entsorgt, richten sie großen Schaden in der Umwelt an.

Vor allem interessant für: Raucher und alle, die sich für Umweltschutz interessieren

Deshalb berichten wir: Raucher schaden nicht nur ihrer Gesundheit, sondern in den meisten Fällen auch der Umwelt.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.kraft@zgo.de

Laut Weltgesundheitsorganisation werden weltweit rund 5,6 Billionen Zigaretten pro Jahr geraucht. Etwa zwei Drittel der Zigaretten werden achtlos auf den Boden geschmissen. Das entspricht einer Menge von bis zu 680.000 Tonnen Kippen, die jährlich den Planeten verschmutzen. Mit der Aktion „Tippen gegen Kippen“ stellte man in Aurich im vergangenen Sommer fünf besondere Kippen-Mülleimer am Georgswall auf. Sie sollen Rauchern Anreize schaffen, ihre Kippen ordnungsgemäß zu entsorgen.

Die Auricherinnen Sabine Höltgen (links) und Heidi Franzen machen von den Kippen-Mülleimern am Georgswall Gebrauch. Foto: Ortgies
Die Auricherinnen Sabine Höltgen (links) und Heidi Franzen machen von den Kippen-Mülleimern am Georgswall Gebrauch. Foto: Ortgies

Spuren bis in die Arktis

Landen die Kippen nicht im Restmüll, regen sie einen enormen Schaden an. „Zigarettenkippen sind in zweierlei Hinsicht schädlich für die Umwelt“, erklärt Isabelle Maus. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Meeresschutzbüro des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) in Bremen. Zum einen sammele der Filter während des Rauchens alle Gift- und Schadstoffe der Zigarette. Bei Kontakt mit Wasser werden die Gifte dann direkt an die Umwelt abgegeben. Zum anderen bestehe der Filter aus Cellulose-Acetat. Das ist ein Kunststoff, der mit der Zeit in immer kleinere Teile zerfällt und sich als Mikroplastik schließlich bis in das arktische Meereis verteilt.

Einen Unterschied zwischen den Stummeln von selbstgedrehten oder industriell hergestellten Zigaretten sehe sie beim Filter, sagt Maus. Zigaretten ohne Filter enthielten beispielsweise kein Plastik. Außerdem könne bei selbstgedrehten Zigaretten einfacher auf das Filtermaterial geachtet werden. Ökologischere Alternativen ohne Kunststoff gebe es bereits. „Die Giftstoffe werden aber trotzdem an die Umwelt weitergegeben“, sagt Maus. Dort landen sie unter anderem in Seen, Flüssen und Meeren und schaden den Tieren. Beispielsweise können Fische kleine Partikel mit Nahrung verwechseln und diese ihren Verdauungstrakt verstopfen, was wiederum zum Tod führen kann.

Kippenmüll in Aurich

Für die Kippen-Mülleimer am Georgswall ist das Tiefbauamt zuständig. Auf Vorschlag der Ratsmitglieder Volker Rudolph (Grün-Alternative Politik) und Gerda Küsel (SPD) wurden die sogenannten Kippster angeschafft. Es sind Aschenbecher, bei denen der Nutzer die Wahl zwischen zwei Glasschächten hat. So kann man über eine Frage abstimmen oder an einer Umfrage teilnehmen. „Die Auffangbehälter werden nicht täglich, wie die ‚normalen‘ Mülleimer, geleert“, sagt Bernd Ewerth, Leiter des städtischen Tiefbauamts. Die Aschenbecher leere der Betriebshof etwa einmal die Woche. Je mehr Kippen in den Gläsern zu sehen seien, desto größer sei der Anreiz, die Zigarette dort zu entsorgen. Besonders gut genutzt werden die Kippster laut Ewerth an den Stellen, die auf den hochfrequentierten Laufrouten Richtung Burg- und Osterstraße liegen. Auch bei den Aschern im Umfeld seien die Kippen auf dem Boden weniger geworden, als an anderen Stellen.

Schädliches Nikotin

Zigaretten enthalten über 7000 Schadstoffe. Darunter nachweislich 50 Kanzerogene, also krebserregende Stoffe, erklärt Maus. In den Stummeln bleiben unter anderem Nikotin, Benzol und Metalle wie Arsen, Blei, Cadmium, Chrom, Kupfer und andere Zusatzstoffe zurück. Besonders schnell setze sich das Nervengift Nikotin frei, so die Expertin. „Nach nur einer halben Stunde in einer Pfütze hat sich bereits etwa die Hälfte des Nikotins im Wasser gelöst.“ So könne eine einzelne Zigarettenkippe eine Menge von 1000 Litern Wasser verseuchen und somit Lebensräume vergiften. Beispielsweise die von Wasserflöhen, die am Anfang der Nahrungskette stehen.

In Zigarettenstummeln sind schwere Schadstoffe enthalten. Regenwasser wäscht die Gifte aus dem Filter aus. So gelangen sie in Seen, Flüsse und Meere. Grafik: Fischer
In Zigarettenstummeln sind schwere Schadstoffe enthalten. Regenwasser wäscht die Gifte aus dem Filter aus. So gelangen sie in Seen, Flüsse und Meere. Grafik: Fischer

Auch größere Tiere sind betroffen. Etwa Vögel, die die Kippen für ihren Nestbau verwenden. „Die Zigaretten sondern in den Nestern toxische Substanzen ab“, erklärt Isabelle Maus. Neben Schwermetallen und Zyanid unter anderem auch Nikotin. Die Giftstoffe können den Tieren schaden und deren Fortpflanzung beeinträchtigen, beispielsweise die DNA von Küken verändern.

Nikotin als Schutzschild

Ursprünglich ist das Nervengift ein Stoff, den die Tabakpflanze zur Verteidigung gegen Insekten im Laufe der Evolution entwickelt hat. Es schädigt das Nervensystem der Tiere. Als Insektengift wurde es auch in der Landwirtschaft verwendet. Das ist seit den 1970er Jahren verboten. „Endgültig verrotten wird der Zigarettenrest nie“, sagt Maus. Das Plastik in den Filtern sei künstlich hergestellt und könne sich in der Natur nicht biologisch abbauen. Das Mikroplastik bleibe auf unbestimmte Zeit in der Natur zurück.

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