Wirtschaft
Ostfriesland: Das erste Corona-Jahr war für Kliniken lukrativ
Die Betten-Freihaltung für Corona-Patienten hat sich für die ostfriesischen Krankenhäuser im Jahr 2020 gerechnet. Das Klinikum Leer konnte seinen geplanten Jahresgewinn sogar mehr als verdoppeln.
Ostfriesland/Hannover - „Die wirtschaftliche Situation der niedersächsischen Krankenhäuser ist so schlecht wie nie zuvor.“ Das meldete die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft (NKG) zu Beginn des Jahres – auf Basis einer Umfrage im Oktober und November 2021, an der sich 138 von 168 Kliniken im Land beteiligt haben sollen. Im Ergebnisbericht nimmt die NKG teilweise noch auf das erste Corona-Jahr Bezug: „Lediglich 27 Prozent der Krankenhäuser konnten im Jahr 2020 ein positives Jahresergebnis erzielen (2019: 46,1 Prozent).“
Was und warum
Darum geht es: Wirtschatlich war das erste Corona-Jahr für Ostfrieslands Krankenhäuser eine Bereicherung.
Vor allem interessant für: Alle, die sich für das Corona-Krisen-Management interessieren.
Deshalb berichten wir: Seit 10. Februar ist auch die Jahresbilanz 2020 des Klinikums Leer öffentlich im Unternehmensregister einsehbar. Den Autor erreichen Sie unter: a.ellinger@zgo.de
Für alle ostfriesischen Klinik-Unternehmen lief das Jahr 2020 jedoch wirtschaftlich besser als das Vorjahr. Seit 10. Februar sind alle entsprechenden Bilanzen im Unternehmensregister veröffentlicht – der des Klinikums Leer hatte bis dahin gefehlt. Daraus geht hervor, dass das Klinikum das Geschäftsjahr mit einem Gewinn von rund 7,25 Millionen Euro abgeschlossen hat. Das ist mehr als doppelt so viel, wie der Planansatz (drei Millionen Euro) vorsah.
Corona-Hilfen haben Corona-Ausfälle offenbar überkompensiert
Die Erlöse aus Krankenhausleistungen sind demnach trotz Pandemie um 11,9 Prozent (8,2 Millionen Euro) gestiegen. „Die Erhöhung ist geprägt durch die Ausgleichszahlungen [...] aufgrund von Sonderbelastungen durch das neuartige Coronavirus“, schreibt die Klinikums-Geschäftsführung. „Die Ausgleichszahlung hat für den Zeitraum März bis September in Form einer Tagespauschale die Minderbelegung im Vergleich zum Jahr 2019 ausgeglichen.“ Im Ergebnis haben die staatlichen Corona-Hilfen aber offensichtlich die corona-bedingten Einnahme-Ausfälle überkompensiert.
Auch in den anderen ostfriesischen Kliniken lief es im ersten Corona-Jahr überdurchschnittlich gut: Das Wittmunder Krankenhaus konnte das einzige positive Ergebnis der vergangenen zehn Jahre erzielen. Der Überschuss betrug 145.453 Euro. Im Jahresabschluss steht: „Der günstige Geschäftsverlauf resultiert zum einen aus einer soliden Leistungserbringung des Krankenhauses bei der Grundversorgung sowie aus den Freihaltepauschalen für freigehaltene Corona-Betten.“
Millionen-Ausgleich für freigehaltene Krankenhaus-Betten
Das Leeraner Borromäus-Hospital hat den Gewinn aus dem Vorjahr (2019) mehr als verdreifacht – auf 163.762 Euro. Aus dem Jahresabschluss geht hervor, dass in den Erlösen aus Krankenhausleistungen (54,4 Millionen Euro) knapp 4,25 Millionen Euro an Corona-Hilfen enthalten sind.
Die Trägergesellschaft der Kliniken in Aurich, Emden und Norden konnte im Jahr 2020 den Jahresverlust um 20 Prozent senken – auf 11,44 Millionen Euro. Sie hat insgesamt mehr als 188 Millionen Euro eingenommen (Umsatzerlös). 10,6 Millionen davon waren Corona-Ausgleichszahlungen.
Welche Jahresabschlüsse sind für das Jahr 2021 zu erwarten?
Ob das zweite Corona-Jahr für die ostfriesischen Krankenhäuser ähnlich positiv verlief, bleibt abzuwarten. Die Niedersächsische Krankenhaus-Gesellschaft (NKG) berichtete Anfang Januar auf Basis ihrer Umfrage: „Besorgniserregend ist, dass sich in der Prognose für das Gesamtjahr 2021 der Anteil der Krankenhäuser, die perspektivisch in ihrem Fortbestand bedroht sind, auf rund 78 Prozent summiert.“ In den Jahren zuvor seien es „in der Regel zwei Drittel der Krankenhäuser“ gewesen. Die NKG schreibt: „Diese massive Verschärfung der wirtschaftlichen Lage steht in direktem Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.“
Nach den Umfrageergebnissen hat sich die Liquidität von 71,8 Prozent der Krankenhäuser im Jahr 2021 verschlechtert. Drei Viertel gaben an, dass der „Rettungsschirm 2020“ ausreichend gewesen sei. Den Corona-„Rettungsschirm“ für das erste Halbjahr 2021 bewerteten hingegen 72,7 Prozent als nicht ausreichend. Und 83,2 Prozent gingen davon aus, dass der „Rettungsschirm“ für 2021 insgesamt nicht ausreichen werde, um die corona-bedingten Verluste auszugleichen.
Mit der Geschäftsentwicklung der ostfriesischen Kliniken im Jahr 2020 konfrontiert, sagte ein Sprecher des NKG: „Das ist eher eine Ausnahme.“