Jagdgesetz
Aufreger: Nachtsicht in der Fuchsjagd
Dem Fuchs könnte es auch nachts an den Kragen gehen: Das niedersächsische Jagdgesetz soll geändert, und Nachtzieltechnik zur Jagd von Raubwild erlaubt werden. Wiesenbrüterschutz oder Lust am Schießen?
Rheiderland - Nachts hatte die Tierwelt in Niedersachsen weitgehend Ruhe. Nur wenn genug „Büchsenlicht“ da war, konnte gejagt werden. Morgens und abends in der Dämmerung oder wenn der Vollmond vom klaren Himmel scheint. Ausnahme: Wildschweine.
Was und warum
Darum geht es: In Niedersachsen soll das Jagdgesetz erneuert werden. Unter anderem soll Raubwild auch nachts geschossen werden dürfen – mit Nachtsichttechnik. Das entzündete eine Debatte, die gerade im vogelreichen Rheiderland interessant ist.
Vor allem interessant für: Tierfreunde, Jäger, Naturinteressierte
Deshalb berichten wir: Die Wellen schlagen hoch zum Thema Fuchs. Wir haben uns vor Ort zu dem Thema umgehört. Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de
Das soll sich ab April in Niedersachsen ändern: Eine Neuerung des Jagdgesetzes soll in Kraft treten und damit Nachtsichttechnik auch für die Jagd auf Raubwild benutzt werden können. Besonders im Fokus der Streitigkeiten um die Novelle steht aber der Fuchs. Die Jagd auf ihn unter verbesserten Bedingungen sei wichtig zum Schutz von Wiesenbrütern, sagen die einen. Es sei reine Lustjagd ohne Sinn, sagen die anderen.
Wiesenbrüter im Rheiderland
„Niedersachsen hat für die Wiesenvögel eine besondere Bedeutung, da hier hohe Anteile der gesamtdeutschen Brutbestände brüten“, erklärt Kreissprecher Philipp Koenen. Die Verantwortung auch für den Landkreis Leer sei so sehr hoch. Uferschnepfe, Kiebitz und Co. werden im Rheiderland geschützt. So gibt es seit Jahren das „Gelege- und Kükenschutzprojekt“. Aber sieht man auch hier den Fuchs als Problem – und hilft da das neue Gesetz? „Inwieweit die geplanten Änderungen im Jagdgesetz den Wiesenbrüterbestand positiv beeinflussen, kann von hier derzeit nicht beurteilt werden“, so Koenen. Ziel sei aber auf keinen Fall die Ausrottung der Beutegreifer im Projektgebiet, sondern eine gezielte Jagd in den „relevanten Zeiträumen“. Außerdem würden Prädatoren – also Fressfeinde – der Vögel auch durch Gelegeschutzzäune von bestimmten Gebieten ferngehalten.
Zufällige Gelegeverluste würden zum Beispiel mit Wildkameras festgehalten. „Fressfeinde stellen hierbei einen bedeutenden Faktor dar“, so Koenen. Im Rheiderland wurde festgestellt, dass Füchse für einen wesentlichen Anteil der Verluste verantwortlich seien, daneben Marder. Aber dieser Faktor stehe nicht allein dar: „Eine zentrale Rolle können auch die Witterungsbedingungen spielen“, teilt Koenen mit. Und noch mehr: Angefangen von Problemen in den Überwinterungsgebieten bis hin zu strukturellen Veränderungen in der Landwirtschaft stehe alles in komplexen Zusammenhängen. Ein Großteil der im Projektgebiet wirtschaftenden Landwirte nehme an den Vereinbarungen zum Wiesenvogelschutz teil. Es sei eine gute Zusammenarbeit. Auch der Lebensraum der Vögel werde durch die Anhebung von Wasserständen verbessert. „Durch die durchgeführten Maßnahmen konnten die Bestände der Wiesenvögel, die landesweit stark abnehmen, im Projektgebiet im Rheiderland in den letzten Jahren stabil gehalten werden“, so Koenen.
Das sagt der Jäger
Alle reden vom Wiesenbrüterschutz, sagt Hero Schulte aus St. Georgiwold. Er ist Jäger und 2. Vorsitzender des Friesischen Verbandes für Naturschutz und ökologische Jagd (FVNJ). Gleichzeitig wolle man den Fuchs schonen. „Da muss man sich entscheiden“, sagt er. Diese Doppelmoral bringe niemanden weiter. In den Dürrejahren seien die Raubwildbestände stark gewachsen. „Tierfreunde sind nicht nachts unterwegs und denken so, dass es kaum noch Füchse gibt.“ Er sieht die Einführung der Nachtsichttechnik positiv. Anderes Wild werde nachts von vereinzelten Schüssen nicht verschreckt. Erlaubt werden solle jetzt in Niedersachsen die sogenannte Vorsatztechnik. „Wir sind da im Mittelalter stehengeblieben“, sagt er.
Bei der Vorsatztechnik handelt es sich um Geräte, die man an das normale Zielfernrohr vorne anklemmt. Es gehe allerdings besser. Das müsse man in Schutzgebieten zulassen und überprüfen, was es bewirken kann, findet Schulte: „Wärmebildzielfernrohre gewährleisten, dass das Tier sofort liegt“, sagt er. Fehlschüsse würden minimiert. Die Technik sei so genau, dass man an einer Bache die Zitzen sehen könne. „Wenn sie Frischlinge hat, bleibt der Finger gerade“, sagt er. Den Fuchs sieht er aber gar nicht als größte Gefahr für die Wiesenbrüter. „Möwen und Krähen holen sich die Küken und Eier“, sagt er. Das werde von Entscheidungsträgern ohne Fachkenntnisse nicht bedacht. „Es muss dringend einen runden Tisch geben“, sagt er. Man müsste effektive Jagdzeiten gemeinsam mit den beteiligten Jägern und zwar vor Ort ausarbeiten. „Der Wiesenbrüterschutz wie er derzeit ist, ist eine Katastrophe“, sagt Schulte.
Wildtierschutz und Pro Fuchs
Der Wildtierschutzverband und die Bürgerinitiative Pro Fuchs Deutschland üben Kritik an den geplanten Änderungen des Niedersächsischen Jagdgesetzes. Sie fordern in einem offenen Brief, die Neuerung zu stoppen. Sie sehen sie als „ein Geschenk an die Jägerschaft“: Das Hauptproblem sei, dass die Jagd 24 Stunden lang möglich werde, sagt die Bunderin Melanie Schleußner vom Vorstand der Bürgerinitiative Pro Fuchs Deutschland. Das sei mit keinem Tierschutzgesetz vereinbar, sagt sie.
Zum Beispiel die Fuchswelpen unterlägen keiner Schonzeit und dürften bereits jetzt schon ganzjährig getötet werden, mit dem Einsatz von Nachtzieltechnik werde der Jagddruck auf Füchse noch zusätzlich erhöht, heißt es in dem Schreiben. Schon die bestehenden Ausnahmen vom Nachjagdverbot könnten zu Störungen sowohl von jagdbaren Wildtieren als auch von streng geschützten Arten führen. Zusätzlich befürchte sie, dass einige Jäger nachts einfach machen, was sie wollen. „Wenn man in Jagd-Foren mitliest, erschreckt man“, sagt sie. Nicht zuletzt werde in anderen EU-Ländern nach wie vor Jagd auf Kiebitze und Co. gemacht.
Außerdem sei die Population von Füchsen ausgedünnt, sagt sie. Ihre Bejagung und die anderer Beutegreifer sei weder wissenschaftlich belastbar begründet, noch überhaupt zielführend. „Die willkürliche Jagdausübung auf diese Tierarten ist nicht mehr als reine Lustjagd“, sagt Schleußner. Die Wiesenbrüterpopulation hätte sich in Ostfriesland erholt, als man begann, Schutz zu betreiben. „Man hat Wiesen vernässt, mit der Landwirtschaft zusammengearbeitet“, so Schleußner. Jetzt passiere bei den Zahlen der Vögel nichts mehr. „Wenn der Fuchs fehlt, vermehren sich die Ratten und was fressen die? Oder Krähen, was fressen Marder, was fressen Störche? Eier und Wiesenbrüterküken“, sagt sie. Dass der Mensch dem Wiesenbrüter den Lebensraum nehme, sei das eigentliche Problem.