Kopenhagen

„Dänemark völlig offen“: So ist die Stimmung nach dem Freedom-Day

Carl Lando Derouaux; Andre Anwar
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Von Carl Lando Derouaux; Andre Anwar
| 15.02.2022 15:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Dänemark hat schon seinen zweiten „Freedom Day“ hinter sich. Foto: dpa | Axel Heimken
Dänemark hat schon seinen zweiten „Freedom Day“ hinter sich. Foto: dpa | Axel Heimken
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Zum ersten Februar wurden in Dänemark alle Corona-Restriktionen abgeschafft - es war bereits der zweite „Freedom-Day“ des Landes. Seitdem feiern tausende Menschen in Clubs, kaum jemand trägt noch Maske, die ersten Festivals sind in Planung. Das Virus verbreitet sich trotzdem.

Ein Frühling voller „Umarmungen, Partys und Festivals“ solle es werden. Von einem „Meilenstein“ war die Rede, als Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen die Aufhebung aller Corona-Maßnahmen in Dänemark zum 1. Februar erklärte: „Dänemark, völlig offen“, hieß es. Die Dänen hießen die Lockerungen mehrheitlich willkommen: „Es war, wie wenn die Kühe erstmals nach einem langen Winter aus ihren Gehäusen raus aufs Feld zum Grasen dürfen“, berichtet der 26-jährige Student Simon in Kopenhagen von einer „Opening-Night“.

So werden die Partys genannt, die an den vergangenen zwei Wochenenden im ganzen Königreich gefeiert wurden. „In Deutschland hält man uns für wahnsinnig, schreiben die dänischen Zeitungen“, sagt Simon und wischt Ansätze von Bedenken mit einem herzlichen Lachen aus seinem Gesicht. Bis spät in die Nacht feierten die Gäste etwa des Chateau Motel, dem vierstöckigen Kopenhagener Nachtclub an der Knabrostraede.

Denn im skandinavischen Nachbarland ist das öffentliche Leben derzeit wieder in all seinen Facetten möglich: Bars, Clubs und Restaurants sind gut besucht, Festivals und andere Veranstaltungen werden geplant. Sperrstunden, Abstandsregeln oder Maskenpflicht sind passé, lediglich Empfehlungen spricht die Regierung seit Februar aus.

Die Entscheidung zur Öffnung fiel laut Regierungschefin Frederiksen in Abstimmung mit der Epidemiekommission und dem Gesundheitsministerium. Man habe, wie das Gesundheitsministerium mitteilte, eine „Entkopplung von Infektionsraten und Krankenhausaufenthalten“ Ende Januar festgestellt. Auch die Impfquote Dänemarks lässt sich sehen: Rund 81 Prozent sind derzeit vollständig geimpft, knapp 62 Prozent Prozent haben bereits ihre Auffrischungsimpfung erhalten.

Aus diesen Gründen entschied die Regierung, Covid-19 nicht mehr als „gesellschaftskritische Krankheit“ zu kennzeichnen - der Weg für die Öffnung Dänemarks war frei. Doch trotz der Euphorie Frederiksens gab es auch mahnende Töne von ihr: Sie verwies gleichzeitig darauf, dass es nach wie vor wichtig sei, Verantwortung zu übernehmen. Ältere Menschen sollten weiterhin geschützt, Risikogruppen vor einer Ansteckung bewahrt werden. Nur eben ohne staatliche Maßnahmen, sondern in Eigenverantwortung.

Grund zum Mahnen hatte Regierungschefin Frederiksen laut Ansicht einiger Experten bereits am Freedom-Day selbst. Die 7-Tage Inzidenz lag über 5000. Noch im Januar fehlte in vier von fünf Pflegeeinrichtungen Personal - auch wegen Corona-Folgen. Deshalb sprachen externe Experten schon von einer Kapitulation der dänischen Regierung vor dem Virus. Auch jetzt, mehr als zwei Wochen nach der totalen Öffnung, sind die Kennzahlen in Dänemark sehr hoch: Die 7-Tage Inzidenz liegt bei rund 5500, besonders im Vergleich zu Deutschland (1437,5, Stand Dienstag) also deutlich höher.

Das Virus gefährdet derweil Betreuungsstrukturen in Dänemark: Trotz der hohen Booster-Quote fehlen Mitarbeiter in Pflegeheimen, Kindergärten und Schulen. Etliche Kitas sollen sich in der vergangenen Woche genötigt gesehen haben, zu schließen, weil Personal fehlte. In der Nähe von Kopenhagen sprangen Mitarbeiter des Rathaus ein, um sich um die Kinder zu kümmern. Auf der Insel Seeland sollen Rentnerinnen und Rentner dazu aufgerufen worden sein, sich zu engagieren.

Auch etwa zwei Wochen nach dem Freedom-Day wird die Pandemie nach wie vor als Bedrohung wahrgenommen. Der Politikwissenschaftler und Regierungsberater Michael Bang Petersen erhebt in einem großen sozialwissenschaftlichen Projekt kontinuierlich Daten, auch über die Stimmungslage der Dänen: Während vor der Öffnung eine Überbelastung der Krankenhäuser und des Gesundheitswesens besorgniserregend auf die Bürger wirkte, stehe jetzt die individuelle Gefahr, angesteckt zu werden, im Vordergrund. Derzeit fühle sich ein Drittel der Menschen dem Virus hilflos ausgesetzt, so Bang Petersen.

Warum also öffnen? Michael Bang Petersen hat die Entscheidung der dänischen Regierung unter anderem bei Twitter ausführlich erläutert. Er geht dabei vor allem darauf ein, wieso genau die dänischen Fachleute die Pandemiesituation als nicht mehr gesellschaftsgefährdend ansehen. Sie betonen besonders die geringe Krankheitslast auf den Intensivstationen und die gleichzeitig hohe Impfquote. Tatsächlich liegen derzeit nur 25 Menschen auf der Intensivstation, von denen nur 11 beatmet werden müssen. Dem ZDF erklärte Bang Petersen:

Die Entscheidungsträger in Dänemark verweisen darauf, dass bei vielen derer, die mit Corona im Krankenhaus liegen, lediglich ein Zufallsfund vorliege. Im Krankenhaus seien diese Menschen wegen anderer Verletzungen oder Erkrankungen. Das Virus würde bei Routineüberprüfungen bei ihnen festgestellt.

Mehr als jeder Dritte Däne habe das Virus zudem bereits gehabt. Tatsächlich hatte eine Untersuchung ergeben, dass sich wahrscheinlich jeder dritte Erwachsene in Dänemark in der Zeit vom 1. November 2021 bis Ende Januar 2022 mit dem Coronavirus infizierte.

Auch die Gesetzeslage sei entscheidend für den Öffnungsschritt gewesen: „Wenn wir uns das Gesetz ansehen, das hier in Dänemark den Umgang mit der Epidemie regelt, so fordert es, dass es eine Bedrohung der kritischen Infrastruktur der Gesellschaft geben muss, bevor man Restriktionen veranlassen kann“, sagte Bang Petersen dem ZDF. Diese Voraussetzung bestehe nicht mehr, sodass die Aufhebung der Maßnahmen folgerichtig sei.

Besonders im Großraum Kopenhagen gehen Experten von einer hohen Immunität aus. Die dort sinkende Zahl der Neuinfektionen stimmt optimistisch: „In der Hauptstadtregion ist die Kurve schon geknackt. Das werden wir auch im Rest des Landes sehen“, sagte Oberärztin Åse Bengård Andersen von der infektionsmedizinischen Klinik am Kopenhagener Krankenhaus Rigshospital dem „Focus“. „In Kopenhagen sind viele Menschen schon infiziert gewesen, deswegen werden die Zahlen dort fallen.“

Von einem vollumfänglichen Freedom-Day-Effekt kann angesichts der vielen Isolierten noch nicht die Rede sein. Und: Viele Experten warnen. Es gebe keine Garantie dafür, dass die nächste besorgniserregende Variante für die meisten Menschen so mild verläuft wie derzeit.

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