Küstenschutz
Trotz Schiffsausfall will Bund keinen weiteren Notschlepper
In der Deutschen Bucht sorgen zwei Mehrzweckschiffe und ein Notschlepper für Sicherheit – eigentlich. Die „Nordic“ liegt aber kaputt in der Werft, weshalb es bei der „Mumbai Maersk“-Havarie eng wurde.
Ostfriesland - Als die „Mumbai Maersk“ nördlich von Wangerooge havarierte, konnten die Einsatzkräfte nicht auf den stärksten Schlepper, die „Nordic“, zurückgreifen. Er liegt kaputt in einer Werft. Laut dem niedersächsischen Umweltministerium wurde es daher „ziemlich knapp“ mit dem Freischleppen des Megafrachters.
Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) war nach dem Seeunfall ein gefragter Interview-Gast, hatte er doch vom unlängst noch CSU-geführten Bundesverkehrsministerium immer wieder einen besseren Küstenschutz gefordert. Er war immer wieder auf Granit gestoßen. Und jetzt? Hört der kleine Ampel-Partner FDP eher auf einen SPD-Minister aus Niedersachsen? Nein, tut er nicht.
Lieber ein Schiff mehr als eines zu wenig
Dabei ist Lies’ Forderung klar: „Wir brauchen eine bessere Ausstattung mit Hochseeschleppern“, sagte er im NDR. Es solle in der Deutschen Bucht eher ein Schiff mehr als eines zu wenig geben. Wangerooges Bürgermeister Marcel Fangohr wurde noch konkreter: Permanent einen Notschlepper mehr solle es geben – für Lies „definitiv eine Option“. Die Kosten seien minimal im Vergleich zu drohenden Umweltschäden.
Aus Berlin gibt es dafür eine klare Absage: „Die dauerhafte Charterung eines weiteren Schleppers ist (…) nicht beabsichtigt“, schreibt ein Sprecher des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDV) der Redaktion. Das Notschleppkonzept erfülle die Vorgabe, dass jede Position mit einem „erhöhten Schadenseintrittsrisiko“ innerhalb von zwei Stunden von einem der drei Notschlepper erreicht werde.
„Nordic“ ist einziger echter Notschlepper
Ganz richtig sind die Angaben aber nicht: Der einzige echte Notschlepper ist die „Nordic“. Die „Mellum“ und die „Neuwerk“ sind Mehrzweckschiffe mit jeweils etwa der Hälfte der Zugkraft der „Nordic“. Dazu kommt eben, dass die „Nordic“ bereits vor der „Mumbai Maersk“-Havarie in der Werft lag – und das auch jetzt noch tut. Laut BMDV soll das Schiff Ende Februar wieder fahren.
Laut BMDV wird der Notschlepper derzeit durch zwei Schiffe ersetzt, die „Bugsier 9“ und die „Bugsier 30“. Beide sind nicht einmal halb so stark wie die „Nordic“, deutlich langsamer und nur ungefähr halb so lang wie die beiden Mehrzweckschiffe. Sie sind auch zusammen, heißt es aus Expertenkreisen, nicht in der Lage, einen Hochsee-Bergungsschlepper zu ersetzen.
„Wird schon gut gehen“-Mentalität
Das Umweltministerium in Hannover stellt auf Nachfrage klar, dass nicht das Notschleppkonzept in Gänze infrage gestellt werde. „Wir halten die Zwei-Stunden-Regel für in Ordnung“, so ein Sprecher. Es müsse aber darüber gesprochen werden, ob die aktuelle Materialausstattung ausreiche, wenn ein Schiff ausfalle. Unwahrscheinlich ist ein Ausfall nicht: Laut Havariekommando wurde die „Nordic“ in einem für das Schiff typischen Einsatz beschädigt.
Kritik kommt von der Borkumer Grünen Meta Janssen-Kucz, Vizepräsidentin des Landtags: „Ich teile die Einschätzung des BMDV nicht, dass das aktuelle Notfallkonzept und die Schleppkapazitäten für ausreichend hält.“ Allein der lange Werftaufenthalt der „Nordic“ habe deutlich gemacht, dass es problematisch werde, sobald ein Schlepper ausfalle. Das Notschleppkonzept gehöre auf den Prüfstand – immer wieder. Auswirkungen auf Mensch und Umwelt dürften nicht aus Kostengründen und mit einer „Wird schon gut gehen“-Mentalität ignoriert werden.
Kapitän schützt Besatzung
Die Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste (SDN) hinterfragt seit einiger Zeit den Einsatz von Mehrzweckschiffen. Das „als Ideallösung für den Notfalleinsatz propagierte Mehrzweckschiff-Konzept“ habe in der Vergangenheit deutliche Mängel im realen Notfalleinsatz gezeigt. „Einzig die umsichtige Einschätzung der Kapitäne zu den situationsbedingten Möglichkeiten ihrer Schiffe am Einsatzort hat nicht selten Schäden und Verletzungen auf der helfenden Seite vermieden“, so der stellvertretende SDN-Chef und Elblotse Ulrich Birstein.
So sei die „Mellum“ bei der Havarie der „Glory Amsterdamt“ nicht aktiv in den Notschlepper-Einsatz gegangen, da ihr Kapitän seine Besatzung bei hoher See nicht einer zu großen Gefährdung auf dem mit zu geringer Freibordhöhe versehenen Arbeitsdeck habe aussetzen wollen.
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