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Auf der Suche nach „Thor“ – So lief die Recherche

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 15.02.2022 16:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
„Witzige“ Bildchen mit Adolf Hitler: keine Seltenheit in einschlägigen Telegram-Kanälen. Auch bei der Recherche zu „Thor“ kamen solche Bilder regelmäßig vor. Doch wie lief die REcherche überhaupt ab? Symbolfoto: Hock
„Witzige“ Bildchen mit Adolf Hitler: keine Seltenheit in einschlägigen Telegram-Kanälen. Auch bei der Recherche zu „Thor“ kamen solche Bilder regelmäßig vor. Doch wie lief die REcherche überhaupt ab? Symbolfoto: Hock
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Wie läuft eigentlich eine Recherche in Telegram und speziell in rechten Telegram-Kanälen ab? Ein kleiner Einblick.

Ostfriesland - Die umfangreiche Recherche zu dem Reichsbürger, der mutmaßlich von Ostfriesland aus den Umsturz der Regierung zu planen versuchte und gerade ein „patriotisches Siedlungsprojekt“ starten möchte, hat viele Fragen ausgelöst. Fragen von Kolleginnen und Kollegen, aber auch von Leserinnen und Lesern. Der Kern: Wie genau lief die Recherche ab?

Jede Recherche, die ein besonders schwieriges oder besonders umfangreiches Thema behandelt, läuft in groben Zügen gleich ab: Informationen werden gesammelt und überprüft. Wenn in den Informationen „eine Geschichte steckt“, wird diese entsprechend aufbereitet – für die Zeitung, für Radio, Fernsehen oder andere Kanäle – und veröffentlicht.

Wie geht die Recherche los?

Manche Themen, und dazu gehören Recherchen im rechtsextremen Umfeld und im Messenger-Dienst Telegram, bringen aber noch Besonderheiten mit sich. Am Anfang vieler dieser Recherchen steht der Zufall. Ein auffälliger Beitrag im Messenger-Dienst Telegram, ein auffälliges Plakat auf einer Demo – all das kann ein Hinweis auf eine Geschichte sein, die journalistisch aufgegriffen werden kann. So war es auch bei dem Artikel über den Telegram-Nutzer „Thor“, der unter Verdacht steht, Pläne zum Umsturz der Regierung geschmiedet zu haben. Aus einem Anfangsverdacht, der sich ungefähr im Mai 2021 ergab, formte sich langsam ein Bild zu „Thor“: Reichsbürger, in rechtsextremen Netzwerken unterwegs und sehr umtriebig, was die Ansprache von Mitstreitern und das Organisieren von Treffen angeht. Und: Ostfriese.

Die Rolle von Recherchenetzwerken

Wieder das Beispiel Telegram, aber es gilt auch für andere Netzwerke im Internet: Die Plattformen, auf denen sich beispielsweise Rechtsextreme tummeln, zeichnen sich oft dadurch aus, dass viel, sehr viel geschrieben und verbreitet wird. Ungefiltert können die Mitglieder der Telegram-Gruppen alles in dem Messengerdienst verbreiten, was ihnen in den Sinn kommt. Das sind pro Tag und Gruppe beziehungsweise Kanal gerne mal Dutzende Nachrichten. In einer der Telegram-Gruppen, in der „Thor“ aktiv war und die vor allem von Rechten und Reichsbürgern frequentiert wird, wurden allein im Januar dieses Jahres mehr als 150 Text-Nachrichten veröffentlicht. Das sind teilweise von den Gruppenmitgliedern selbst geschriebene Texte, teilweise aus anderen Gruppen und Kanälen weitergeleitete Beiträge. Vom Umfang her zwischen zwei oder drei Sätzen bis hin zu Dutzenden Zeilen und mehr. Und das sind nur die Textnachrichten, hinzu kommen: Videos, Bilder, Sprachnachrichten.

Hier greifen Journalisten gegebenenfalls auf Recherchenetzwerke zurück. Diese gibt es in verschiedenen Formen. Wenn es um Rechtsextremismus oder auch um „Querdenken“ geht, haben sich diese Recherchenetzwerke oft aus der Zivilgesellschaft oder aus der eher linksorientierten Szene gegründet.

In diesen Recherchenetzwerken sammeln gleich mehrere Personen Material. Es ist das sogenannte „Reporterglück“, wenn man Zugriff auf diese Sammlungen bekommt. Denn die, die diese Sammlungen erstellen, sind misstrauisch – und das zurecht. Sie werten aus und sammeln dort, wo Fotos und Adressen von Journalistinnen und Journalisten, von Gegenprotestlern und Menschen, die gegen Rechts & Co. einstehen, veröffentlicht werden. Wer hier recherchiert, will sich schützen, muss sich schützen vor denen, die sich immer weiter radikalisieren. Deswegen gehört ein Schutz dieser Quellen auch zum journalistischen Handwerk.

Es gehört aber auch zum journalistischen Handwerk, die Materialien dieser Recherchenetzwerke sowie jeglicher Hinweisgeber zu überprüfen. Typische Leitfragen: Wurde das wirklich so geschrieben? Wie war der Kontext der Äußerung? Und wenn das Material dieser Überprüfung nicht standhält, dann kann es nicht benutzt werden. Auch ersetzen Quellen nie die eigenständige Recherche, die in der Regel parallel verläuft.

So geht die Recherche weiter

Das Zusammentragen und verifizieren von Informationen hat im Fall „Thor“ mehrere Monate gedauert. Zu diesem Zeitpunkt war noch keine Artikelzeile geschrieben, mit Ausnahme eines kleinen Artikels zur Hausdurchsuchung – dass es sich dabei um „Thor“ handelte, war schon nahezu eindeutig, aber die Einordnung in den größeren Kontext fehlte noch.

Denn auch das gehört zu einer Recherche: Expertenwissen finden und verwerten. Hier hilft es, wenn man sich länger mit einem Themengebiet beschäftigt. Man lernt einerseits als Journalist viel dazu, weiß aber andererseits auch, welche Experten es gibt. Aber auch ein Zeitungsartikel aus einem anderen Bundesland kann für die eigene Recherche von entscheidender Bedeutung sein. Denn ob es nun Verschwörungsideologen oder Neo-Nazis oder Reichsbürger sind: Diese Menschen bewegen sich nicht im luftleeren Raum. Ihre Aktionen scheinen nach Außen auf einen lokal begrenzten Raum bezogen zu sein, aber die Vernetzung geht oft weit darüber hinaus. Die Untersuchungen von Wissenschaftlern, die Texte von Journalistinnen, die schon lange im Thema sind – all das hilft bei der Einordnung der Materialien in einen größeren Kontext.

Die Rolle der Behörden

Ein wichtiger Ansprechpartner für Journalisten sind die Behörden. Diese haben ausgewiesenen Journalisten gegenüber eine Auskunftspflicht. Zwar muss zum Beispiel eine Strafverfolgungsbehörde auch der Presse gegenüber nicht alles verraten, aber doch mehr als gegenüber jemandem ohne legitimen journalistischen Auftrag.

Das bedeutet nicht, dass behördliche Antworten immer zufriedenstellend sind. Manchmal gibt es legitime Gründe für die Behörden, Informationen zurückzuhalten. Beispielsweise, um Ermittlungen nicht zu gefährden oder um die Persönlichkeitsrechte von Betroffenen zu schützen. Manchmal sind die Gründe aber auch weniger nachvollziehbar. Dann folgen erneute Nachfragen seitens der Presse.

Die Recherchefolgen

Irgendwann ist der Punkt aber erreicht, dass die Geschichte „rund“ ist. Nach der Veröffentlichung gilt es: Echos abwarten. Lob und Dank gibt es, aber auch Kritik. Manche Kritik ist nachvollziehbar und man geht in den Dialog. Andere „Kritik“ hingegen besteht aus Anfeindungen oder episch langen Mails mit Verweisen zu obskuren Quellen. Im Falle von „Thor“ wurde beispielsweise wiederum auf Telegram gemutmaßt, dass es diesen Menschen gar nicht gibt und sich die Presse das alles ausgedacht habe.

Gerade seit dem Aufkommen des Begriffes „Lügenpresse“ kommen diese Vorwürfe immer wieder aus verschiedenen Lagern vor. Doch auch wenn nicht alle Recherchen so lange dauern, wie die zuvor beschriebene: Die Sorgfaltspflicht gilt immer. Das kann man von sogenannten „alternativen Medien“ übrigens in der Regel nicht behaupten.

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