Integration
Patenschaften machen Emder und Geflüchtete zu Freunden
Die Freiwilligenagentur und die Flüchtlingshilfe der Stadt Emden machen gute Erfahrungen mit unverbindlichen Begegnungen von Einheimischen und Zugewanderten. Das zeigt das Beispiel zweier Mütter.
Emden - Janine Hülsen hatte mit einem Ehrenamt bislang wenig am Hut. Der berufstätigen Mutter eines Sohnes fehlt eigentlich die Zeit, sich langfristig an eine solche Aufgabe zu binden. Doch das änderte sich, als die 45-Jährige in der Zeitung von einem Angebot der Stadt Emden las. Die Kommune suchte Freiwillige, die für einen kurzen Zeitraum geflüchteten Menschen dabei helfen, ihre neue Umgebung und Einheimische kennenzulernen. Sie meldete sich - und ist mittlerweile froh darüber.
Was und warum
Darum geht es: kurzfristige Patenschaften, die Emderinnen und Emder für Geflüchtete übernehmen
Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für die Integration von Zugewanderten interessieren und vielleicht darüber nachdenken, sich kurzzeitig zu engagieren
Deshalb berichten wir: Die Stadt Emden hat über den Erfahrungen mit dem Projekt berichtet. Wir sprachen mit Verantwortlichen, Paten und Geflüchteten. Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de
Denn aus dem kurzfristig angelegtem Ehrenamt, das sie im November übernahm, ist mehr geworden: Mit der 41 Jahre alten Gasma Komi, die mit ihrem Mann und fünf Kindern vor zwei Jahren aus dem Sudan nach Deutschland kam, verbindet die Emderin mittlerweile eine Freundschaft.
Die Frauen treffen sich wöchentlich
Die beiden Frauen treffen sich jetzt wöchentlich, gehen meistens spazieren oder trinken Kaffee miteinander. Für das Frühjahr und den Sommer haben sich beide auch schon einiges vorgenommen. „Zurzeit ist das wegen Corona noch schwierig“, sagt Janine Hülsen. Und fügt hinzu: „Spazieren gehen aber immer“. Sie habe gleich gemerkt, „dass wir uns gut verstehen“.
Die freundschaftlichen Beziehungen der Emderin und die Sudanerin stehen beispielhaft für das Projekt mit dem Namen „Impulspatenschaften“, das die Freiwilligenagentur der Stadt mit Zuschüssen des Bundes angeschoben hat. Es ist jetzt in das dritte Jahr gegangen. Der Ansatz ist einfach und soll Schwellenängste nehmen: Freiwillige und Geflüchtete treffen sich zunächst nur drei Mal zu gemeinsamen Aktivitäten. Weitere Verpflichtungen sind damit nicht verbunden.
Kurzfristiges Engagement im Trend
Solche Patenschaften seien heute „eine beliebte Form des Engagements“, sagt Sven Dübbelde, der die Freiwilligenagentur der Stadt leitet. Er spricht vom „neuen Ehrenamt“. Denn: Statt herausfordernder und zeitaufwendige Verpflichtungen beispielsweise in einem Vereinsvorstand einzugehen oder sich für einen langen Zeitraum regelmäßig zu binden, bringen sich viele lieber projektbezogen ein. „Sie wollen sich kurzfristig engagieren“, stellt Dübbelde fest.
Auch bei Janine Hülsen war das so. Sie habe sich von den „Impulspatenschaften“ angesprochen gefühlt. „Die Geflüchteten sollen sich integrieren. Aber wie soll das gelingen, wenn sie hier niemanden kennen?“, fragt die 45-Jährige, die hauptberuflich an der Hochschule in Emden arbeitet. Das habe sie bewogen, sich zu melden.
60 Patenschaften in diesem Jahr
Bei ihren Treffen unterhalten sich Janine Hülsen und Gasma Komi nur auf Deutsch. „Wir haben keine andere Chance“, sagt die Emderin, die kein Arabisch kann. Im Notfall werde zum Übersetzer der Suchmaschine gegriffen. Durch die Gespräche kann die Sudanerin ihre in Kursen erlernten Deutschkenntnisse festigen. „Emden gefällt mir gut und Deutschland auch “, sagt die 41-Jährige. Auch für ihre Patin findet Gasma Komi freundliche Worte: „Janine ist gut drauf.“
Zusammengeführt hat die beiden Ali Mustafa. Der Flüchtlingssozialarbeiter für die Stadtteile Port Arthur/Transvaal und Larrelt hat bereits 22 von bislang insgesamt etwa 60 solcher Impulspatenschaften zwischen Emderinnen, Emdern und zumeist zugewanderten Familien vermittelt.
60 Patenschaften in diesem Jahr
Mustafa weiß, dass viele Geflüchtete gerne ihre Deutschkenntnisse verbessern und die gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland näher kennenlernen wollen. „Aber auch für die Ehrenamtlichen ist das eine Bereicherung“, sagt der 37-Jährige. Mit den sogenannten Impulspatenschaften mache man „super-gute Erfahrungen“.
Der Erfolg dieses Projekts hat die Verantwortlichen darin bestärkt, das Angebot in diesem Jahr auf 60 Patenschaften auszuweiten und Fördermittel dafür zu beantragen. Davon werden beispielsweise Fahrtkosten, Eintrittsgelder oder auch der Kaffee bezahlt.
Oft wird mehr daraus
Die Freundschaft von Janine Hülsen und Gasma Komi ist kein Einzelfall. Nicht selten entstehen aus den sogenannten Impulspatenschaften längerfristige Beziehungen und dauerhafte Freundschaften. „Das trifft etwa auf die Hälfte zu“, sagt Dübbelde. Wer es wolle, könne sich auch längerfristig engagieren und beispielsweise als Integrationslotse tätig werden. Das ist ein weiteres Projekt der Flüchtlingshilfe.
Ob auch Janine Hülsen diesen Weg beschreiten will, weiß sie noch nicht. Erst einmal freut sich die Emderin auf weitere Begegnungen, Gespräche und gemeinsame Unternehmungen mit ihrer neuen Freundin aus dem Sudan. Man könnte das auch gelebte Integration nennen.
Wer Interesse an einer solchen Impulspatenschaft hat, kann sich bei der Freiwilligenagentur der Stadt Emden unter der Telefonnummer 04921 / 871644 oder per E-Mail an freiwilligenagentur@emden.de wenden.