Osnabrück

Warum der Bundesliga Playoffs wie in der NFL guttun würden

Christoph Schillingmann
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Von Christoph Schillingmann
| 11.02.2022 18:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
NFL-Experte Patrick Esume ist der Meinung, dass der Fußball-Bundesliga Playoffs guttun würden. Foto: imago/osnapix
NFL-Experte Patrick Esume ist der Meinung, dass der Fußball-Bundesliga Playoffs guttun würden. Foto: imago/osnapix
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Die Cincinnati Bengals und die Los Angeles Rams stehen sich in der Nacht von Sonntag auf Montag im Super Bowl gegenüber. Vor dem Finale der National Football League (NFL) spricht Experte Patrick Esume im Interview über die beiden Quarterbacks, den spannenden Modus und Playoffs in der Fußball-Bundesliga.

Frage: Herr Esume, hätten Sie vor den Playoffs darauf gewettet, dass es die Bengals und die Rams in den Super Bowl schaffen?

Antwort: Nein. Erst als die Playoffs liefen, war mein Tipp, dass die Bengals es in den Super Bowl schaffen. Davor hatte ich Cincinnati gar nicht auf dem Zettel. Ich hatte sie selbst in ihrer Division auf dem allerletzten Platz eingestuft. Aber das zeigt wieder, wie schön die NFL ist.

Frage: Weshalb haben Sie Ihre Meinung in den Playoffs geändert?

Antwort: Natürlich nicht nur durch die Leistung von Quarterback Joe Burrow und seinem Teamkollegen Ja“Marr Chase, die offensichtlich ist, sondern auch durch die Leistung der Verteidigung, die ich nicht so stark eingeschätzt hätte. Die Bengals haben das gewisse Etwas. Und auch Burrow hat das gewisse Etwas, was er im Vorjahr und unter der Saison schon gezeigt hat, dass du brauchst, um dein Team ganz nach vorne zu bringen.

Frage: Viele Experten haben dem 25-Jährigen nach seinem Kreuzbandriss nicht zugetraut, so eine Saison zu spielen…

Antwort: Es ist nicht so einfach, nach so einer Verletzung zurückzukommen. Und dann eigentlich noch besser zu sein als in dem Jahr davor, ist schon sehr beeindruckend. Hut ab vor dieser Leistung.

Frage: Kann er ein Quarterback werden, der eine neue Ära prägen wird?

Antwort: Das wird er auf jeden Fall. Er hat in seinem ersten Jahr schon gezeigt, dass er das Potenzial hat. Und im zweiten Jahr zeigt er, dass es kein Zufall und er keine Eintagsfliege war, sondern dass er wirklich einer der Großen der nächsten Dekade sein kann. Er hat bewiesen, dass er das größte Potenzial dafür hat.

Frage: Schauen wir auf den Quarterback der Rams. Kann der 34-jährige Matthew Stafford seine Erfahrung im Super Bowl ausspielen?

Antwort: Das ist gar nicht so einfach einzuordnen. Spontan könnte man sagen, dass der Ältere die besseren Nerven haben muss, weil er schon länger spielt. Aber er stand auch noch nie zuvor in den Playoffs. Er hat mehr zu verlieren als Burrow.

Frage: Warum?

Antwort: Seine Karriere ist eher am hinteren Ende anzusiedeln. Zudem haben die Rams ein Team, das in dieser Zusammensetzung wirklich nur ein Jahr zusammenspielen kann. Dann wird es aufgrund von Gehaltsobergrenzen auseinanderfallen. Das heißt: Der Druck ist bei den Rams viel größer als bei den Bengals.

Frage: Also ist die Erfahrung nicht unbedingt entscheidend?

Antwort: Ich glaube, dass es mehr auf die Einstellung ankommt, mit der man in dieses Spiel geht. Burrow wird da eher einen Vorteil haben, weil er sich wahrscheinlich denkt: Uns hat hier eh keiner erwartet, die Experten schreiben uns ab, insofern lass uns das Spiel einfach mal gewinnen.

Frage: Damit sind die Bengals in den Playoffs ja bisher auch gut gefahren und haben mit den Tennessee Titans und den Kansas City Chiefs zwei Favoriten in den Playoffs besiegt. Wird Cincinnati das Image des Außenseiters auch im Super Bowl helfen?

Antwort: Ich gehe davon aus. Dieses Image hat man ja nicht von einem Tag auf den anderen. Das ist ja etwas, das wächst. Den Schuh, dass sie nichts zu verlieren haben und jung sind, werden sie sich anziehen. Das hilft. Es nimmt dir den Druck, den die Rams ganz anders verspüren.

Frage: Sie sind seit Jahren als Experte bei Ran dabei. Wie hat sich der NFL-Boom in Deutschland in den vergangenen Jahren entwickelt – gerade mit Blick auf den Super Bowl?

Antwort: Das hat sich grandios entwickelt. Hätte man mir gesagt, als das 2015 losging, wo das Ganze 2022 steht, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Das ist überraschend und faszinierend, wohin diese Sportart gewachsen ist. Es spricht für die Sportart als solche. Wenn er uninteressant wäre, würde sich ihn keiner anschauen – egal wie man ihn aufbereitet.

Frage: Liegt es nur an der Sportart oder auch am Playoffs-Modus, das es so spannend ist?

Antwort: Der Modus ist natürlich auch wichtig. Wenn in der Fußball-Bundesliga am 28. Spieltag feststeht, dass Bayern München zum wiederholten Mal deutscher Meister wird, sind die letzten sechs Spieltage eigentlich völlig egal. In der NFL musst du eine gute Saison spielen, um in die Playoffs zu kommen. Und dort heißt es „Do or Die“. Die Teams, die zum Ende der Saison stark sind, erhalten sich die Chance auf die Meisterschaft. Diese Charakteristik bringt natürlich Spannung hinein und gipfelt im großen Showdown. Das macht das Ganze natürlich viel spannender, als das gewachsene Format in der Bundesliga. In der NFL ist das anders, was mir auf jeden Fall besser gefällt.

Frage: Die neue DFL-Chefin Donata Hopfen hat angesichts der Übermacht von Bayern München Playoffs in der Bundesliga zumindest nicht ausgeschlossen. Könnte dieser Modus wieder mehr Spannung in die Bundesliga bringen?

Antwort: Auf jeden Fall. Es gibt natürlich dann die Kritiker, die sagen, dass dir ein schlechtes Spiel in den Playoffs die ganze Saison ruinieren kann. Unabhängig von der Sportart gewinnt aber am Ende derjenige, der in dem Moment besser ist und nicht derjenige, der einen schlechten Tag hat. Deswegen finde ich dieses Argument hinfällig. Ich glaube, dass ein Playoff-Szenario dem Fußball guttun würde und dem Ganzen den Schrecken nehmen würde, dass die Bayern als Team mit dem tiefsten und teuersten Kader über die Länge der Saison dafür sorgen können, dass sie genügend Spiele gewinnen.

Frage: Ist deswegen der DFB-Pokal in Deutschland so beliebt?

Antwort: Ja. Es sind „Do or die“-Spiele, in denen es auch Überraschungen gibt. Da ist die punktuelle Vorbereitung wichtig und nicht, wie viel Geld du hast und wie tief du deinen Kader kaufen kannst.

Frage: Zumindest hat uns der Playoff-Modus wieder ein spannenden Super Bowl beschert. Was erwarten Sie in der Nacht von Sonntag auf Montag für ein Spiel?

Antwort: Dadurch, dass mit den Bengals ein Team dabei ist, das zuletzt vor mehr als 30 Jahren im Super Bowl war, weiß man nicht, was man für ein Spiel bekommt. Cincinnati hat so viele Favoriten aus dem Wettbewerb geworfen. Jede Woche heißt es, dass die Bengals das Spiel nicht gewinnen können. Burrow wurde neunmal gesackt. Statistisch gesehen, ist es damit unmöglich ein Spiel zu gewinnen. Aber sie gewinnen trotzdem. Man kann jetzt von Glück sprechen. Aber du kannst nicht jede Woche Glück haben.

Frage: Also sehen Sie Cincinnati vorne?

Antwort: Wenn ich mir als Trainer die harten Fakten anschaue, müssen die Rams gewinnen. Aber gerade weil sie müssen, ist der Druck ganz anders. Sie spielen zu Hause. Sie haben jetzt für die nächsten zehn Jahre die einmalige Chance, den Super Bowl zu gewinnen. Sie haben ihren Kader so strukturiert, dass sie für ein Jahr einmal das Maximale bezahlen. Die Bengals hingegen haben ihr Pensum bereits erfüllt, können da ganz entspannt hinfahren und können nur gewinnen. Dieser Faktor spielt in so einem großen Spiel eine Riesenrolle. Meine Vermutung ist, dass die Rams eigentlich gewinnen müssten. Aber ich gehe trotzdem mit den Bengals, weil sie weniger Druck und mit Burrow das gewisse Etwas haben.

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