Pandemie-Entwicklung

Omikron wirkt sich jetzt auch auf ostfriesische Kliniken aus

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 10.02.2022 19:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Beatmungsschläuche sind an einen Covid-19-Patienten angeschlossen. Wie ist es um die Intensivbetten-Kapazitäten in Ostfriesland bestellt? Foto: Hong/AP/dpa
Beatmungsschläuche sind an einen Covid-19-Patienten angeschlossen. Wie ist es um die Intensivbetten-Kapazitäten in Ostfriesland bestellt? Foto: Hong/AP/dpa
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Die Omikron-Welle beschert auch ostfriesischen Kliniken zusätzliche Covid-Patienten. Wie viele Neuinfizierte gibt es, wie hoch ist die Inzidenz bei Kindern und wie viele Intensivbetten stehen bereit?

Ostfriesland - Trotz Omikron-Explosion bei den Corona-Neuinfektionen hatten die Krankenhäuser in Ostfriesland vor rund zwei Wochen nur ein oder zwei Intensivpatienten mit Covid-19 zu verzeichnen. Doch die Hospitalisierungs-Inzidenz in Niedersachsen erreicht seit gut einer Woche täglich einen neuen Rekordstand. Denn Infizierte werden oft erst zeitverzögert zu Krankenhaus- oder gar Intensivpatienten. Deshalb hat unsere Zeitung jetzt erneut bei den ostfriesischen Klinik-Unternehmen nachgefragt, wie die Lage aussieht. Das Ergebnis: Die Zahl der Patienten mit einer Corona-Infektion steigt – auf den Normalstationen wie den Intensivstationen.

Am Donnerstag gab es 51 corona-infizierte Patienten in ostfriesischen Krankenhäusern. Sechs von ihnen wurden intensiv behandelt. Zwei von Ihnen brauchten ein Beatmungsgerät – das ging aus dem Divi-Intensivregister hervor. Für diese Statistik des Robert-Koch-Instituts und der Intensivmediziner-Vereinigung Divi melden die Krankenhäuser tagesaktuell, wie viele Intensivbetten betriebsbereit und wie sie belegt sind. Daraus ging am Donnerstag hervor, dass 18,18 Prozent der betriebsbereiten Intensivbetten in Ostfriesland frei waren, also fast jedes fünfte Bett.

Alle ostfriesischen Intensivstationen waren nicht aufnahmefähig

Im Laufe des Tages kam es aber zu Kapazitätsproblemen: Gegen 17 Uhr hatten die ostfriesischen Kliniken den Rettungsdiensten über das Ivena-Portal gemeldet, dass sie keine Intensivpatienten mehr aufnehmen können. Es waren also alle Intensivstationen „abgemeldet“, wie das Rettungskräfte nennen. Das Leeraner Borromäus-Hospital veränderte jedoch in der darauffolgenden halben Stunde seinen Eintrag – so dass die dortige Intensivstation als einzige in Ostfriesland wieder aufnahmebereit war.

Eine Momentaufnahme aus dem niedersächsischen Ivena-Portal vom Donnerstag, 17.03 Uhr: Keine Intensivstation in Ostfriesland kann Patienten aufnehmen. Das Emder Krankenhaus ist da keine Ausnahme, aber einem eigenen Leitstellen-Bezirk zugeordnet. Screenshot: OZ
Eine Momentaufnahme aus dem niedersächsischen Ivena-Portal vom Donnerstag, 17.03 Uhr: Keine Intensivstation in Ostfriesland kann Patienten aufnehmen. Das Emder Krankenhaus ist da keine Ausnahme, aber einem eigenen Leitstellen-Bezirk zugeordnet. Screenshot: OZ

Die Klinik-Umfrage unserer Zeitung ergab, dass es am Donnerstag auf den „Normalstationen“ 45 corona-infizierte Patienten gab. Egal, ob diese Patienten wegen ihrer Infektion oder wegen einer anderen Erkrankung stationär behandelt werden – sie müssen auf Isolierstationen untergebracht und vergleichsweise aufwändig versorgt werden.

Wie viele infizierte Patienten werden nicht wegen Corona behandelt?

Wie viele Patienten wegen oder „nur“ mit Corona eingeliefert werden, verhält sich in den Krankenhäusern unterschiedlich. „Der Großteil der Patienten wird aufgrund anderer Grunderkrankungen im Krankenhaus behandelt, in Einzelfällen aufgrund einer Corona-Infektion“, schreibt das Leeraner Borromäus-Hospital. Im Klinikverbund Aurich-Emden-Norden sind die Covid-Fälle unter den corona-infizierten Patienten auch in der Unterzahl: Acht von 25 werden wegen des Virus medizinisch versorgt.

Das Krankenhaus Wittmund hat hingegen nur infizierte Patienten, die wegen der Infektion aufgenommen wurden – drei auf Normalstation, einen auf Intensivstatin. Und im Klinikum Leer wird „der Großteil der Patienten“ mit Corona wegen der Infektion behandelt.

Ostfriesland-Inzidenz lag vergangene Woche über 1000

Aufgrund der zunehmenden Corona-Fälle hat sich die Arbeitssituation in den Krankenhäusern offenbar noch nicht verändert. Unsere Zeitung hatte darum gebeten, etwaige Änderungen oder Probleme mitzuteilen, die sich im Unterschied zum Stand vor zwei Wochen ergeben haben. Es gab nur eine Rückmeldung, welche jedoch nur die bisherige Situation bestätigte: „angespannt, aber beherrschbar“.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) verzeichnete in der vergangenen Woche 4846 Corona-Neuinfektionen in Ostfriesland. Die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner lag demanch bei 1033,44. Besonders stark betroffen waren die Altersgruppen von fünf bis neun Jahren (Inzidenzwert: 2479,54) und zehn bis 14 Jahren (2784,07). Dahingegen waren die Altersgruppen, die bezüglich besonders schwerer Covid-Verläufe gefährdet sind, vergleichsweise gering betroffen. Der Inzidenzwert für die 75- bis 79-Jährigen in Ostfriesland lag beispielsweise bei 140,09, jener für die über 80-Jährigen bei 239,02. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum es in den ostfriesischen Krankenhäusern trotz so vieler Neuinfektionen in der Gesamtbevölkerung immer noch relativ ruhig ist.

Hospitalisierungs-Inzidenz – der niedersächsische Sonderweg

Die Hospitalisierungs-Inzidenz in Niedersachsen lag am Donnerstag bei 11,6. Das geht aus der entsprechenden Statistik der Landesbehörden hervor. Was sagt die Hospitalsierungs-Inzidenz aus? „Sie bildet alle Neuaufnahmen von Covid-Patientinnen und -Patienten in den niedersächsischen Krankenhäusern pro 100.000 Einwohnerinnen und -Einwohner innerhalb der letzten sieben Tage ab.“ So wird es auf der Internetseite des Landes Niedersachsen erklärt. „Im Gegensatz zu vielen anderen Bundesländern nutzt Niedersachsen nicht die Sieben-Tage-Hospitalisierungsinzidenz des RKI, sondern berechnet diese aufgrund der Angaben der Krankenhäuser in der sogenannten ,Ivena-Sonderlage’ selbst.“

Die mit Covid-19 aufgenommenen Patienten würden täglich gemeldet. „Auf diese Weise ist sichergestellt, dass wir in Niedersachsen einen tagesaktuellen Überblick über die tatsächliche Belegung der Krankenhauskapazitäten mit Covid-Patientinnen und -Patienten haben“, heißt es auf der Niedersachsen-Homepage. „Ein weiterer Vorteil des niedersächsischen Systems ist, dass die Krankenhäuser bei den Ivena-Meldungen landesseitig angehalten sind, nur die Fälle zu melden, bei denen die Covid-19-Erkrankung auch der ursächliche Grund für die Krankenhausaufnahme war.“ Wer mit einem Beinbruch eingeliefert wird und symptomlos mit Corona infiziert ist, wird also bei der Hospitalisierungs-Inzidenz nicht mitgerechnet.

Wie viele Intensivbetten sind „maximal betreibbar“?

Die Intensivbetten-Belegung durch Covid-19-Patienten bewegt sich in Niedersachsen unterdessen – wenn man den Zeitraum seit Anfang Januar betrachtet – im mittleren Bereich. Sie lag laut Statistik der Landesbehörden am Donnerstag bei 5,8 Prozent. Der Wert orientiert sich an der „Gesamtzahl der maximal betreibbaren Intensivbetten in niedersächsischen Krankenhäusern, die im Realbetrieb grundsätzlich mit einem gewissen zeitlichen Vorlauf zu erreichen wären“. Landesweit sollen das 2350 Betten sein. Dahingegen gibt das Divi-Intensivregister die Zahl der Intensivbetten an, die tagesaktuell maximal betreibbar sind.

Welche Unterschiede zwischen der Zahl der aktuell technisch und personell betreibbaren Betten und der Maximalzahl des Landes liegen können, lassen Angaben aus Ostfriesland erahnen. Laut Divi-Intensivregister waren am 23. November 2020 in den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der Stadt Emden insgesamt 99 Intensivbetten betriebsbereit. Diesen Donnerstag waren es nur 77 Betten. Die maximal mögliche Zahl ist aus diesen Vergleichswerten nicht ableitbar. Aus einer Bundes-Statistik, die das niedersächsische Gesundheitsministerium übermittelt hat, geht jedoch hervor, dass während der Pandemie alleine 54 zusätzliche Intensivbetten in Ostfriesland finanziert oder bezuschusst worden sind. Mit 2,7 Millionen Euro, also 50.000 Euro pro Bett.

Warum sind im Kreis Leer so wenig Intensivbetten betriebsbereit?

Auf den Landkreis Leer sind 23 dieser zusätzlichen Intensivbehandlungsplätze entfallen. Das Borromäus-Hospital bekam Geld für zwei – das Klinikum für 21, wobei zwei davon für den Krankenhaus-Standort im Rheiderland und einer für das Inselkrankenhaus Borkum vorgesehen waren. Doch am 3. Februar waren im Landkreis Leer nur 22 Intensivbetten betriebsbereit – also nicht einmal so viele, wie an neuen oder aufgewerteten Betten physisch vorhanden sein müssten. Diesen Donnerstag waren es 23, was exakt der Zahl der zusätzlich finanzierten Betten entspricht.

Unsere Zeitung hat deshalb vergangene Woche bei den beiden Leeraner Krankenhäusern nachgefragt, wie sich die kreisweit 22 betriebsfähigen Intensivbetten zusammensetzen. Das Borromäus-Hospital antwortete innerhalb von 24 Stunden: „Seit zwei Tagen können aufgrund von Krankheitsfällen im Personal aktuell zehn von 15 Betten betrieben werden.“ Die Personalausfälle resultierten aus coronabedingten Quarantäne-Anordnungen, Impffolgen und saisonalen Erkältungskrankheiten, wie das Hospital erläuterte. Was die beiden bezuschussten Intensivbetten in der Pandemie betreffe, so seien vorhandene Betten auf ein höheres Niveau gehoben worden – mit Beatmungsgeräten.

Das Klinikum Leer hat mehr Intensivbetten in Reserve als im Betrieb

Das Klinikum Leer hat in dieser Woche geantwortet: „Die Intensiv-/Beatmungskapazitäten im Klinikum Leer wurden im Rahmen der Corona-Pandemie erhöht, sodass wir zum jetzigen Zeitpunkt im Klinikum Leer statt über zwölf Intensivbetten mit acht Beatmungsplätzen für Erwachsene nun insgesamt über maximal 24 Betten auf der interdisziplinären Intensivstation und auf der Intermediate-Care-Station in Summe verfügen. Für Säuglinge und Kinder steht eine Maximalkapazität von zwölf Intensivbetten zur Verfügung.“ Im Divi-Intensivregister seien zwölf Intensivbetten für Erwachsene sowie fünf Intensivbetten für Säuglinge und Kinder als betriebsbereit gemeldet worden. Das heißt, dass nur rund die Hälfte der physisch vorhandenen Behandlungsplätze betriebsbereit sind.

Die 22 Intensivbetten, die das Divi-Register am 3. Februar anzeigte, dürften sich folglich aus den zwölf Erwachsenen-Betten des Klinikums und den zehn Betten des Borromäus-Hospitals zusammengesetzt haben. Die andere Hälfte seiner Intensivbetten seien als „corona-bedingte Notfall-Reserve im Divi-Register gemeldet“, teilte das Klinikum mit. Diese Notfallreserve, die im Falle des Klinikums eine Verdoppelung der Kapazität bedeuten würde, dürfte in der „Gesamtzahl der maximal betreibbaren Intensivbetten“ enthalten sein, mit der das Land rechnet.

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