Geschichte

Gnadenkirche Tidofeld will Erinnerungsschatz erweitern

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 10.02.2022 14:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zeitzeugen-Befragungen spielen eine zentrale Rolle in der Dokumentationsstätte. Das Bild entstand im Mai beim Besuch von Wissenschafts- und Kulturminister Björn Thümler (links). Hier erklärt ihm gerade Lennart Bohne (rechts) die Technik der Ausstellung. Archivfoto: Hillebrand
Zeitzeugen-Befragungen spielen eine zentrale Rolle in der Dokumentationsstätte. Das Bild entstand im Mai beim Besuch von Wissenschafts- und Kulturminister Björn Thümler (links). Hier erklärt ihm gerade Lennart Bohne (rechts) die Technik der Ausstellung. Archivfoto: Hillebrand
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Die Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld möchte weitere nach dem Weltkrieg Vertriebene sowie auch andere Zeitzeugen befragen. Unterdessen wird weiter auf eine Millionenförderung gehofft.

Norden - Nicht wenige glauben, ihre Geschichte sei überhaupt nicht interessant, heute schon gar nicht mehr. Und damals gab es so viele, die ähnliche oder zumindest vergleichbare Schicksale erlebt hatten. Wie sie plötzlich zum Ende des Zweiten Weltkriegs alles hinter sich lassen mussten und ihre Heimat in den ehemaligen deutschen Ostgebieten verloren. Lennart Bohne jedoch betont: „Jedes Schicksal ist einzigartig, jede Geschichte ist eine besondere.“ Darum ist der pädagogische Leiter der Norder Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld unentwegt auf der Suche nach Einzelberichten aus der Zeit des Kriegsendes.

Immerhin: Gerade in Norden leben bis heute sehr viele Menschen, deren Familien aus Pommern, Schlesien und Ostpreußen vertrieben wurden und die dann in das damalige Auffanglager im Stadtteil Tidofeld kamen. Leute mit Erinnerungen aus dieser Zeit möchte Bohne Mut machen, dass sie sich in der Dokumentationsstätte melden, um ihre ganz persönlichen Geschichten aufzeichnen zu lassen und zu bewahren. Auch Gegenstände, die mit der Flucht oder der Zeit in dem Auffanglager zu tun haben, werden für die Dauerausstellung gesucht. Egal wie belanglos sie erscheinen mögen, versichert der Leiter. Gerne erinnert er sich beispielsweise an einen „Schatz“, den er im vergangenen Jahr von einer Familie aus Hage bekam – einen Koffer voller Dokumente aus jener Zeit. Es könnte gerne mehr sein, seien es Lebensmittelmarken, Schulhefte, Fotos, Anmeldeformulare, Ausweise oder mehr.

Auch in Norden aufgewachsene Zeitzeugen gefragt

Bislang hat die Dokumentationsstätte 70 Zeitzeugenberichte zusammen, aber sie möchte noch mehr erfahren und sammeln. Bei den Interviews gebe es keine standardisierten Fragen, erklärt er. Vielmehr unterhalte man sich intensiv mit den Personen über die Lebensgeschichten, es gehe nicht allein um den „Fluchtausschnitt“, sondern immer um die ganze Biografie. Wie haben die Menschen vor der Flucht gelebt, wie danach? Auch das sei von Bedeutung. Entsprechend ist die Dokumentationsstätte auch interessiert an den Geschichten jener, die schon hier lebten, als die Geflüchteten kamen. Wie war es als ihr Arbeitgeber, Lehrer, als Nachbar oder als Familie, die Vertriebene aufgenommen, mit ihnen gelebt, sich mit ihnen ausgetauscht hat?

In Tidofeld sind die bisherigen 70 Interviews in verschiedene Themenfelder eingeordnet. Je nachdem, an welcher der sieben „Säulen der Erinnerung“ man steht, erfährt man beispielsweise etwas über das Lager in Tidofeld, die Flucht selbst, die konfessionelle Seite, über wirtschaftliche und kulturelle Integration und anderes. Auf einem Monitor bekommt man obendrein grundsätzliche Informationen, außerdem geografische Karten, damit man weiß, wer woher kommt, welchen Weg er hinter sich hat.

Warten auf Rückmeldung aus Berlin

Die Befragungen sind allerdings nicht nur in Tidofeld zu sehen, sondern wurden auch schon teilweise von der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung aus Berlin präsentiert. Natürlich nur in Rücksprache mit den jeweils Betroffenen, versichert Bohne, dem es wichtig ist zu betonen, dass jedes neue Interview auch mit gekürztem Namen geführt werden kann und jeder jederzeit sicher sein könne, dass nicht etwa irgendwelche Daten oder Informationen aus den jeweiligen Geschichten frei im Internet auftauchen.

Während es bei der aktuellen Dauerausstellung um das Schicksal der Menschen geht, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Norden kamen, soll sie in Zukunft noch um einen weiteren Bereich ergänzt werden: Boatpeople. Norden spielte nämlich ebenfalls eine wichtige Rolle, als Menschen vor dem Vietnam-Krieg flüchteten und zum Sozialwerk Nazareth im Stadtteil Norddeich kamen. Die Ausstellung selbst ist sogar schon fertig und lief zwischen September 2017 und April 2018 im Ostfriesischen Teemuseum in Norden. Auch dort gab es viele Zeitzeugeninterviews, persönliche Gegenstände und mehr zu sehen.

Damit die Ausstellung in der Dokumentationsstätte gezeigt werden kann, muss sie jedoch erst einmal ausgebaut werden. Derzeit setzten sich hiesige Abgeordnete für Fördermittel ein, erklärt Bohne. Im Mai hieß es bei einem Besuch von Niedersachsens Wissenschafts- und Kulturminister Björn Thümler (CDU), dass vermutlich drei bis vier Millionen Euro investiert werden müssen. Die Hälfte davon soll vom Bund kommen und eventuell durch den Bundeshaushalt abgedeckt werden, so die Hoffnung. Das sei die „Sockelfinanzierung“. Erst dann könne man sich für weitere 25 Prozent Förderung an das Land wenden. Das letzte Viertel sollen durch Spenden, Geld von Stiftungen und durch Eigenmittel vom Landkreis Aurich und der Stadt Norden zusammenkommen.

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