Jemgum

Schulleiterin: „Kinder haben vorher das Essen verweigert“

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 10.02.2022 13:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Diesen Nudelauflauf wird Birgit Sinning noch in den Ofen in der Mensa der Grundschule Jemgum stellen. Die Kinder und auch Schulleiterin Britta Worpenberg (hinten) essen wieder gerne hier. Fotos: Ortgies
Diesen Nudelauflauf wird Birgit Sinning noch in den Ofen in der Mensa der Grundschule Jemgum stellen. Die Kinder und auch Schulleiterin Britta Worpenberg (hinten) essen wieder gerne hier. Fotos: Ortgies
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Kinder, die das Essen verweigerten, hauen wieder rein. Die Lieferungen wurden ungenießbar, sagt die Schulleiterin der Grundschule Jemgum. Jetzt wird vor Ort gekocht. Mensa-Essen steht oft in der Kritik.

Jemgum - Erst hatten die Kinder das Essen verweigert, jetzt geht die Tür zur Mensa der Grundschule Jemgum vor dem Mittagsessen zehn Mal auf. Kinder wollen wissen, wann das Essen endlich fertig ist. Seit dem Start des neuen Schuljahres kochen hier Birgit Sinning und Tanja Kroß. Das Essen, das der Schule von Caterern angeliefert worden ist, habe eimerweise weggeworfen werden müssen. „Einige Kinder haben sich irgendwann komplett verweigert. Die Qualität nahm in den letzten Monaten rapide ab“, sagt Schulleiterin Britta Worpenberg. Nicht gare Hackbraten seien dabei nur eines der Beispiele. Heute würden nur noch Essensreste von den Tellern gekratzt, die Mülleimer bleiben leer.

Was und warum

Darum geht es: Mensa-Essen steht immer wieder in der Kritik. Als die Qualität des gelieferten Essens unterirdisch wurde, besann man sich an der Grundschule in Jemgum zurück zum Selberkochen: Ein Modell für andere?

Vor allem interessant für: Junge Familien.

Deshalb berichten wir: Eltern wollen wissen, wie ihre Kinder sich ernähren.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Einige Lieferanten seien ausprobiert worden, bis sich die Schulleiterin letztlich dazu entschieden hatte, das Gespräch mit der Gemeinde Jemgum zu suchen. Diese beschäftigt nun die Köchinnen Sinning und Kroß. Unterschiedliche Probleme führten zu den Lieferantenwechseln: „Manche konnten keine Lebensmittel ohne Zusatzstoffe versichern, andere lieferten Schweinefleisch, auch wenn wir das explizit abbestellt hatten im Hinblick auf die muslimischen Kinder“, sagt sie. Nicht selten sei das Essen ungenießbar gewesen. Die Kinder hätten viele schlechte Erfahrungen gemacht, „deshalb hat es auch gedauert, bis wir sie wieder zurückgewonnen hatten, aber jetzt essen wieder alle gerne hier“, sagt Birgit Sinning. Das Team lege Wert darauf, dass keine Fertigmischung auch nur in die Nähe der Töpfe komme. Spritsparend werde nur einmal in der Woche eingekauft. Noch wichtiger für alle: Die Lebensmittel seien regional und von guter Qualität.

Was und warum

Darum geht es: Mensa-Essen steht immer wieder in der Kritik. Als die Qualität des gelieferten Essens unterirdisch wurde, besann man sich an der Grundschule in Jemgum zurück zum Selberkochen: Ein Modell für andere?

Vor allem interessant für: Junge Familien.

Deshalb berichten wir: Eltern wollen wissen, wie ihre Kinder sich ernähren.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Zurück zu den Wurzeln

Ein Punkt, der leider oft zu kurz kommt. So kritisierte Agrarministerin Barbara Otte-Kinast pünktlich zum Start der Schulen in Niedersachsen die Menüpläne in vielen Mensen. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte sie im Januar: „Was in manchen öffentlichen Kantinen auf die Teller kommt, hat nichts mit guter Ernährung zu tun.“ Bei der Mittagsverpflegung in Schulen und Kitas sei die Gewichtung falsch. Häufig sehe es ungefähr so aus: 40 Prozent „Dauer Warmhaltezeit“, 40 Prozent Preis und nur 20 Prozent Umweltbewusstsein/Nachhaltigkeit. „So geht das nicht. Das muss genau anders herum sein. Leider wird darauf zum Teil noch viel zu wenig geachtet…in Schulen, Kitas, Krankenhäusern, Universitäten“, so Otte-Kinast.

Alle Ganztagsschulen in Niedersachsen sind verpflichtet, eine Mittagsverpflegung anzubieten. Das Mittagessen und sonstige in der Schule angebotene Getränke und Esswaren sollen eine ausgewogene Ernährung sicherstellen, heißt es in einem Erlass des Niedersächsischen Kultusministeriums von 2014. Könnte das Modell von Jemgum „Zurück zum Selberkochen“ eine Lösung für viele sein? Dabei kommt es wohl auch auf die Größe an. Ausgelegt ist die Mensa in Jemgum für 36 Kinder. Wegen der Pandemie nutzen sie derzeit rund 20. Auch die Vorschulgruppe, die in der Schule ansässig ist, wird mitversorgt. Dass es um die Versorgung einer eher kleineren Schülerschaft geht, sei ein Vorteil, so die Schulleiterin. „Jedes Kind konnte Wünsche in einer Kiste abgeben“, sagt sie. Außerdem sei die Grundausstattung der Küche bereits vorhanden gewesen, man habe sie nur erneut vom Veterinäramt abnehmen lassen müssen. „Da hatten wir schon Glück, vor allem mit den beiden Mitarbeiterinnen“, sagt die Schulleiterin.

Wichtiger Teil der Entwicklung

In der Soße ist Gemüse, was die Kinder aber nicht stört. Nur die Zwiebeln müssen ganz klein püriert werden.
In der Soße ist Gemüse, was die Kinder aber nicht stört. Nur die Zwiebeln müssen ganz klein püriert werden.
Nicht nur die Kinder, auch die Eltern freuen sich über den Wandel, erzählt Birgit Sinning. „Sie sprechen mich an, wenn ich sie im Ort treffe und sagen, dass die Kinder begeistert sind. Das ist der schönste Lohn, denn Kinder sind ehrliche Bewerter“, sagt sie. Aber nicht nur das Essen an sich ist wichtig für die Entwicklung der Kinder. „Wir sitzen an den Tischen wie eine Familie. Das Essen wird auf den Tisch gestellt, man steht nicht mit seinem Teller in der Schlange“, sagt Worpenberg. Es gebe viel zu lernen: „Wie viel man sich auftut, wie man Messer und Gabel richtig hält“, nennt sie als Beispiele.

Das Wettrennen der Schüler zum Becken zum Händewaschen vor dem Essen zeigt wohl: Zum gemeinsamen Essen in der Schule gehört sehr viel. Qualität und Regionalität aber nicht zuletzt.

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