Umwelt und Wirtschaft

Sogar Rehkitze mögen das Gewerbegebiet in Schirum

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 09.02.2022 19:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bei der Auswahl der Obstbäume hat Bodo Bargmann Wert auf alte Sorten gelegt. Foto: Boschbach
Bei der Auswahl der Obstbäume hat Bodo Bargmann Wert auf alte Sorten gelegt. Foto: Boschbach
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Ein Unternehmer hat einiges investiert, um sein Grundstück im Gewerbegebiet Schirum naturnäher zu gestalten. Die Politik diskutiert darüber, wie sie andere Firmen ebenfalls dazu bringen könnte.

Aurich - Grün so weit das Auge reicht. Wenn Bodo Bargmann im Besprechungsraum der Firma BSA Nord sitzt und aus dem Fenster schaut, erfreut sich der Auricher an 15 kleinen Obstbäumen, Nistkästen, einem Insektenhotel und sogar an den welken Blütenstängeln auf der Wallhecke. In den Wintermonaten macht die Natur draußen zwar optisch nicht so viel her, für den Auricher CDU-Ratsherrn ist das aber nicht maßgeblich. Ohne ihn gäbe es die Anpflanzungen und Anschaffungen auf dem 4500 Quadratmeter großen Grundstück im Gewerbegebiet Schirum I nicht. Der 55-Jährige hat vor zwei Jahren damit angefangen, das Land um das Gebäude herum naturnah zu gestalten. Seinen Parteifreund Erick Fokken bat er, Birnen-, Apfel- und Pflaumenbäume in die Erde zu bringen.

Was und warum

Darum geht es: Gewerbegebiete in Aurich klammern Belange der Natur nicht aus.

Vor allem interessant für: umweltbewusste Menschen

Deshalb berichten wir: Um an einem Beispiel zu zeigen, dass nicht unbedingt ein politischer Beschluss erforderlich ist, um ökologische und ökonomische Belange in einem Gewerbegebiet in Einklang zu bringen.

Die Autorin erreichen Sie unter: g.boschbach@zgo.de

Der Gärtnermeister ist mit professioneller Akkuratesse ans Werk gegangen. Die Stämmchen wurden mit einem Holzpflock abgestützt, die Rinde durch einen Kunststoffmantel vor Verbiss geschützt. Ein ganz wichtiger Punkt – Bodo Bargmann hat nämlich im vergangenen Jahr Rehe mit ihren Kitzen auf seinem Grundstück beobachtet. „Eichhörnchen gibt es auch. Außerdem habe ich durch einen befreundeten Imker einen Bienenstock aufstellen lassen“, sagt der Schornsteinfegermeister und Energieberater im Gespräch mit dieser Zeitung. Er habe Spaß daran, im Frühjahr zu beobachten, wie die Natur erwacht. Das sei aber für ihn nicht der einzige Grund gewesen, aktiv zu werden: „Ich glaube, dass ich damit einen kleinen Beitrag dafür leiste, das Gewerbegebiet nachhaltig zu gestalten.“

Individuelle Lösungen finden

Er sei nicht der Einzige, betont er. Die Firma B-Plast 2000 habe die Dächer ihrer Fabrikhallen mit Photovoltaikanlagen bestückt. Das Gutachterbüro Bley, das seit einigen Wochen im Gewerbegebiet Schirum IV ansässig ist, setze eine Wärmepumpe ein. Bodo Bargmann ist überzeugt davon, dass das Bewusstsein für klimafreundliche Aktivitäten bei vielen Firmen gut entwickelt ist. Jedes Unternehmen müsse auf der Grundlage seines Profils und seiner Produkte entscheiden können, wie es sich einbringt. „Eine kunststoffverarbeitenden Firma wie B-Plast 2000 kann auf ihrem Gelände keine Blühwiese anlegen, weil sie so gut wie alle Flächen versiegeln muss. Die dienen nämlich unter anderem zur Lagerung des angelieferten Materials“, sagte Bodo Bargmann. Deshalb ist er auch dagegen, dass die Stadt genaue Standards vorgibt, wenn sie irgendwann die Entwicklung von nachhaltigen Gewerbegebieten verpflichtend machen sollte. Nachhaltig heißt unter anderem, weitestgehend auf Versiegelung zu verzichten, Gebäude zu begrünen oder Flächen naturnah zu gestalten

Derzeit wird über dieses Thema in den Fachausschüssen der Stadt diskutiert. Anlass war ein entsprechender Antrag der Grünen-Fraktion vom 1. Februar 2019. Die Diskussion und Abstimmung darüber ist immer wieder hinausgeschoben worden. Ursprünglich wollten die Lokalpolitiker eine Referentin der Industrie- und Handelskammer (IHK) einladen, damit sie im Ausschuss über das Thema referiert. Wegen Krankheit und später wegen Kündigung dieser Fachkraft scheiterte dieser Plan. Am vergangenen Donnerstag gab es schließlich im Wirtschaftsausschuss eine Diskussion, ohne dass vorher eine Expertin oder ein Experte angehört wurde. Die Grünen begründeten ihren Antrag: Es gehe ihnen vor allen Dingen darum, der Verdrängung und Versiegelung von Naturräumen durch Gewerbegebiete etwas entgegenzusetzen. Deshalb müsse eine möglichst nachhaltige Gestaltung dieser Areale vorgeschrieben werden. Der Antrag fand eine Mehrheit, wurde allerdings ergänzt durch die Forderung, erneut einen Referenten zum Thema einzuladen.

Netzwerke für biologische Vielfalt

Auf die Unterstützung der IHK kann man dabei nach wie vor nicht setzen. Aktuell habe man keinen Spezialisten für diese Frage, sagte Michael Tischner, Referent für Innovation, Industrie, Wirtschaftsförderung und Umwelt, auf Anfrage dieser Zeitung. Dr. Katharina Mohr, die dafür eingestellte Fachkraft, sei nicht mehr bei der IHK tätig. Zur Beschäftigung mit dem Thema verwies er auf die Plattform des Bundesumweltministeriums „Unternehmen Biologische Vielfalt 2020“. Dort versuche man, ein Netzwerk zu schaffen. Es diene dazu, gute Ansätze und beispielhafte Aktivitäten, aber auch Lösungen für Hindernisse aufseiten der Unternehmen auszutauschen. Ein Problem besteht offenbar darin, Fragen zur biologischen Vielfalt so verständlich zu kommunizieren, dass sie auch für Unternehmen nachvollziehbar sind. Teilweise fehlt es in vielen Firmen offenbar an ausreichender Information darüber sowie an fundierten Ansätzen zur praktischen Umsetzung. Die Unsicherheiten in der öffentlichen Kommunikation lassen Betriebe immer wieder zögern, Projekte zu verwirklichen und publik zu machen.

Große Städte haben deshalb einen Standortmanager für die Entwicklung von Gewerbegebieten engagiert. Die sind oft eine Kombination aus Veranstalter, Ideensammler und Energieberater. Firmen erhalten qualifizierte Unterstützung, wenn sie etwa eine riesige Solaranlage auf dem Dach montieren wollen oder ihr gesamtes Gebäude energetisch sanieren wollen.

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