Berlin
Bericht: Springer-Chef soll im „Fall Reichelt“ Gegenuntersuchungen angeregt haben
In der Aufarbeitung des Skandals um Ex-“Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt sorgt ein neuer Bericht für Furore: Die „Financial Times“ erhebt Vorwürfe, die den Vorstand des Springer-Konzerns schwer belasten könnten. Der Verlag spricht von Irreführung.
Nachdem vergangenes Jahr die „New York Times“ einen brisanten Artikel veröffentlichte, der Ex-BILD-Chefredakteur Julian Reichelt mit Vorwürfen des Machtmissbrauchs schwer belastete, zog der Axel-Springer-Verlag einen Schlussstrich: Julian Reichelt musste gehen. Schon zuvor hatte es ein internes Compliance-Verfahren gegeben, außerdem hatte ein Investigativ-Team des Ippen-Verlags zu dem Thema lange recherchiert, die Veröffentlichung wurde jedoch noch verhindert. Teile der Recherchen fanden sich wenig später in einem Bericht des „Spiegel“ wieder.
Nach Reichelts Ausscheiden entschuldigte sich der Axel-Springer-Verlag: Man habe den Fehler begangen, Julian Reichelt zu lange vertraut zu haben. Dieses Narrativ lässt sich seit einem kürzlich erschienen Bericht der britischen „Financial Times“ zumindest bezweifeln. Der Vorwurf: Der Springer-Verlag habe mit der Aufarbeitung des Skandals „letztendlich ein Bild der Untersuchungen erzeugt, das so nicht stimmt“, sagte Olaf Storbeck, Journalist bei der Financial Times und einer der Autoren des Artikels, dem Deutschlandfunk.
Die Wirtschaftszeitung erhebt nun neue Vorwürfe, nach eigenen Angaben aufgrund von Informationen von mehr als 30 Personen. Zu den Personen, mit der die Zeitung gesprochen habe, gehörten angeblich ehemalige Bild-Beschäftigte und Frauen, die sexuellen Kontakt zu Julian Reichelt gehabt haben sollen. Auch ein Co-Autor des Compliance-Berichts, der im Auftrag des Konzerns zunächst zur Aufarbeitung der Causa Reichelt in Auftrag gegeben wurde, soll der „Financial Times“ demnach Auskunft gegeben haben.
Der Vorstand des Verlages soll dem Bericht zufolge schon vor der Compliance-Untersuchung Kenntnisse von Reichelts Verhalten gehabt, diese aber ignoriert haben. Nach den ersten Medienberichten über ein mögliches Fehlverhalten Reichelts habe Döpfner intern demzufolge angeblich von einer „Hassagenda“ gesprochen. Auch von einer „Verschwörung“ von „Leuten hinter den Kulissen“ soll die Rede gewesen sein.
Es seien ideologische Gegner gewesen, die Döpfner laut „Financial Times“ hinter dem Angriff vermutete. Die Zeitung zitiert den Springer-Chef wie folgt: Da man die letzte Bastion der Unabhängigkeit und der kritischen Regierungsberichterstattung sei, würde man von einer „linken Blase, die ihre Ansichten mit großer Intoleranz verfolgt, bestraft.“ Und weiter: „Wir sind hier nicht die bad guys, die sich mit den privaten Verfehlungen unschuldiger Intellektueller beschäftigen.“
In dem Bericht ist des Weiteren zu lesen, dass der Vorstandsvorsitzende bald nach der Beendigung der Ermittlungen eine „Gegenuntersuchung“ angeregt habe. So zitiert die „Financial Times“ Personen, mit denen der Vorstandsvorsitzende unter vier Augen gesprochen haben soll.
Döpfner soll einen externen Anwalt damit beauftragt haben, eine Reihe von Menschen auszuforschen, sollte es weitere Berichterstattung über den Fall geben. Der Bericht der „Financial Times“ legt zudem weitere Details offen: Der Vorstandsvorsitzende soll Inhalte des Untersuchungsberichts in der „Causa Reichelt“, den eine Anwaltskanzlei nach Angaben des Konzerns in unabhängiger Weise erstellte, an Julian Reichelt weitergegeben haben. Reichelt habe auf diesem Wege Zeuginnen identifizieren können.
Neben dem Vorstandsvorsitzenden Matthias Döpfner werden durch die Berichterstattung der „Financial Times“ auch andere Führungspersönlichkeiten erwähnt. So sollen sich zwischen 2019 und 2020 mindestens fünf Redakteure an das Vorstandsmitglied Stephanie Caspar gewandt haben: Sie sollen ihr gegenüber von einem fehlerhaften Verhalten durch Julian Reichelt berichtet haben. Casper bestritt dem „FT“-Bericht zufolge jedoch, vor Februar 2021 von solchen Geschehnissen gewusst zu haben.
Auch der Compliance-Chef der Axel-Springer SE, Florian von Götz, erscheint in dem Bericht in keinem allzu guten Licht: Er soll, nachdem Julian Reichelt nach dem Compliance-Verfahren zunächst im Amt bleiben konnte, versucht haben, die Betroffenen zu beschwichtigen. Laut „Financial Times“ soll er sich bei einer betroffenen Frau bedankt haben, die mit den Anwälten gesprochen habe. Er habe ihre Offenheit zu schätzen gewusst, „auch wenn Sie die heutige Entscheidung des Unternehmens womöglich nicht verstehen“.
Der Verlag teilte der Deutschen Presseagentur dpa auf Anfrage mit: „Der Artikel zeichnet ein irreführendes Bild der Compliance-Untersuchung, der daraus gezogenen Konsequenzen, des gesamten Unternehmens und seiner Führung.“
Der Deutsche Journalisten-Verband hingegen bezeichnete die Reaktion des Konzerns als unzureichend. Der DJV-Bundesvorsitzende Überall sagte, nicht zuletzt wegen seiner Verantwortung als Verlegerpräsident müsse Vorstandschef Döpfner Fakten benennen. Die Vorwürfe gegen ihn seien sehr schwerwiegend. Er fügte hinzu: Sollten die Recherchen der „Financial Times“ stimmen, stehe die Frage nach der Führungskompetenz des Springer-Chefs im Raum.
Der Bericht der „Financial Times“ sorgt für neue Aufruhr in einem Skandal, der seit dem vergangenen Jahr immer wieder für Schlagzeilen sorgt: Im Frühjahr 2021 hatte es bereits interne Ermittlungen (Compliance-Untersuchungen) zu Vorwürfen des Machtmissbrauchs im Zusammenhang mit einvernehmlichen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen gegeben.
Der Mittelpunkt des Skandals, Ex-Chefredakteur der Bild-Zeitung Reichelt, hatte zunächst eine zweite Chance bekommen und blieb an der Redaktionsspitze. Als dann Mitte Oktober ein Bericht der „New York Times“ erschien und Presserecherchen des Investigativ-Teams der Ippen-Mediengruppe bekanntwurden, musste Reichelt den Verlag verlassen.
Reichelt selbst hatte die Vorwürfe gegen ihn immer bestritten. Der „Financial Times“ gegenüber sagte er: „Die Anschuldigungen gegen mich sind falsch, die Behauptungen sind gelogen. Sie wurden von einer besessenen Ex-Freundin erfunden und inszeniert.“
Dass die Skandale um den Springer Konzern die Berichterstattung großer, internationaler Medien auf den Plan rufen, ist nach Auffassung des Journalisten Olaf Storbecks, nur logisch: Schließlich sei der Axel-Springer-Konzern ein international tätiger Verlag, hinter dem große Investoren stünden, sagte er dem Deutschlandfunk. Zuletzt hat der Konzern in den USA das wichtige Nachrichtenportal „Politico“ erworben. Daher sei es kein Wunder, dass auch das internationale Interesse an den Vorgängen groß ist.