Gedenken

Umstrittenes Gedenken: Stolpersteine bald auch in Leer?

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 09.02.2022 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In der Neuen Straße in Weener erinnern Stolpersteine an die früheren jüdischen Bewohner. Foto: Gettkowski/Archiv
In der Neuen Straße in Weener erinnern Stolpersteine an die früheren jüdischen Bewohner. Foto: Gettkowski/Archiv
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Der Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg aus Leer wünscht sich in der Leda-Stadt Stolpersteine, die unter anderem an seine Familie erinnern. Nicht alle Juden befürworten diese Art des Gedenkens.

Leer - Weener hat sie, Rhauderfehn und Jemgum auch, in Leer dagegen sucht man die so genannten Stolpersteine – goldfarbene Pflastersteine, die vor Gebäuden an einstige Mitbürger erinnern, die dort gewohnt haben und Opfer des Nationalsozialismus wurden, – vergeblich. Noch. Der 96-jährige Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg, der in Leer lebt, möchte das ändern, sagt er der Redaktion. Dabei gehe es ihm um die Mitglieder seiner eigenen Familie, die über Jahre ihr Zuhause in der Leda-Stadt hatten – „aber auch um die etwa 400 anderen Juden, die es hier gegeben hat“.

Was und warum

Darum geht es: Albrecht Weinberg wünscht sich Stolpersteine in Leer und findet auf Anhieb viele Fürsprecher in der Politik.

Vor allem interessant für: alle, die die Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Bürger von Leer lebendig halten wollen, und diejenigen, die das für überflüssig halten

Deshalb berichten wir: Der Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg hatte der Redaktion gesagt, dass er sich Stolpersteine in Leer wünscht, die unter anderem an Mitglieder seiner Familie erinnern.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Damit die Stolpersteine in Bürgersteige eingelassen werden können, brauche es einen politischen Beschluss, teilt die Pressestelle der Stadtverwaltung mit. Der dürfte mit großer Mehrheit gefasst werden, zeigen Gespräche mit den Sprechern der drei größten Fraktionen und Gruppen im Rat: SPD/Linke, CDU und Grüne. Selbstverständlich werde man den Wunsch Weinbergs unterstützen, sagten Heinz Dieter Schmidt, Ursel Nimmrich und Bruno Schachner. Die CDU habe vor der Corona-Pandemie schon erste Anläufe gestartet, Stolpersteine in Leer verlegen zu lassen, sei aber von der Verwaltung unter der damaligen Bürgermeisterin Beatrix Kuhl ausgebremst worden, so Nimmrich.

Nicht gegen den Willen der Familien

Alle drei betonten aber auch, dass Stolpersteine nur für diejenigen verlegt werden könnten, aus deren Familien keine Bedenken angemeldet würden. Die goldfarbenen Steine mit den Namen der einstigen jüdischen Mitbürgern sind durchaus umstritten. Vor allem die Vorstellung, dass Passanten die Namen derer, die hier gelebt haben, im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen treten, schreckt viele ab.

Bei der Verlegung von Stolpersteinen in Jemgum im vergangenen Oktober zeigte Albrecht Weinberg ein Foto von Verwandten. Foto: Wolters/Archiv
Bei der Verlegung von Stolpersteinen in Jemgum im vergangenen Oktober zeigte Albrecht Weinberg ein Foto von Verwandten. Foto: Wolters/Archiv

„Manche Leute sagen das“, sagt Weinberg, „für mich ist das aber Quatsch“. Es sei wichtig, dass den Menschen bewusst wird, dass genau dort, wo sie in diesem Moment stehen, einst Juden gewohnt hätten, denen großes Unrecht geschehen sei. Auch Bürgermeister Claus-Peter Horst (parteilos) unterstützt Weinbergs Initiative: „Aus meiner Sicht wäre es in Leer durchaus an der Zeit, dieses auch mit Bezug zu einem zukünftigen Umgang mit dem Synagogengrundstück am Bummert oder zum Beispiel einer Gestaltung des Liesel-Aussen Platzes am Zollhaus zu diskutieren und politisch neu zu entscheiden.“

Neue Gespräche

Weinberg hat nicht nur die Politik sondern auch die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland (GCJZ) auf seiner Seite, sagt deren Vorsitzender Wolfgang Kellner nach einer Sitzung des Vorstands. „Wir unterstützen das und bieten uns als Ansprechpartner auch für andere betroffene Familien an.“

Die GCJZ sei bisher nicht von sich aus aktiv geworden, weil ehemalige jüdische Bürger von Leer bei Besuchen gesagt hatten, dass sie keine Stolpersteine wollten. Auch die Jüdische Gemeinde in Oldenburg, in deren Zuständigkeit auch Leer liege, habe vor einigen Jahren noch Vorbehalte geäußert.

Am Jahrestag der Pogromnacht am 9. November hat Albrecht Weinberg (Mitte)im Jahr 2020 vor dem Wohnhaus seiner Familie in Rhauderfehn seinen Verwandten gedacht. Die Blumen liegen an den Stolpersteinen, die dort verlegt wurden. Links steht Geert Müller, der Rhauderfehner Bürgermeister. Foto: Ammermann/Archiv
Am Jahrestag der Pogromnacht am 9. November hat Albrecht Weinberg (Mitte)im Jahr 2020 vor dem Wohnhaus seiner Familie in Rhauderfehn seinen Verwandten gedacht. Die Blumen liegen an den Stolpersteinen, die dort verlegt wurden. Links steht Geert Müller, der Rhauderfehner Bürgermeister. Foto: Ammermann/Archiv

Man wolle nun erneut das Gespräch suchen und ausloten, ob sich diese Haltung geändert habe. „Aber unabhängig davon ist für uns klar: Wenn Angehörige, wie Albrecht Weinberg, das wollen, unterstützen wir die Verlegung von Stolpersteinen“, betont Kellner.

Plaketten an Hauswänden

Er schlägt außerdem eine Variante vor, die die Skepsis einiger Angehöriger auffangen könnte. „In Oldenburg, wo bisher ebenfalls keine Stolpersteine verlegt wurden, gibt es die Initiative ,Auf Augenhöhe‘. Dort werden Plaketten mit den Namen der ehemaligen jüdischen Bewohner an Hauswänden – eben auf Augenhöhe – angebracht. Vielleicht können wir in Leer eine Kombination von diesen Plaketten mit den Stolpersteinen umsetzen.“ Das setze allerdings neue Gespräche mit den heutigen Hausbesitzern voraus. Auch bei einigen von denen habe es in der Vergangenheit Bedenken gegen Stolpersteinen vor dem eigenen Gebäude gegeben. „Vielleicht hat sich da aber heute etwas geändert“, hofft der Vorsitzende der GCJZ.

Die Politiker und auch Kellner betonen, dass es unabhängig von der Diskussion über die Stolpersteine in Leer schon lange eine sehr lebendige Erinnerungskultur gebe. Die Namen aller ehemaligen jüdischer Mitbürger seien auf einer Stele an der Synagogen-Gedenkstelle an der Heisfelder Straße zu lesen, ihr Lebensweg sei erforscht und dokumentiert worden. Die ehemalige jüdische Schule leiste ebenfalls ganz wertvolle Arbeit.

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