Ernährung

Was ist dran am „Eiweiß-Booster“?

Jens Schönig
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Von Jens Schönig
| 07.02.2022 13:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Kartoffelchips werden nicht automatisch gesünder, wenn sie besonders viel Eiweiß enthalten. Foto: Ortgies
Kartoffelchips werden nicht automatisch gesünder, wenn sie besonders viel Eiweiß enthalten. Foto: Ortgies
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Immer mehr Produkte mit besonders hohem Eiweißgehalt erobern die Supermarktregale. Wir wollten wissen, was dahinter steckt und wie sinnvoll die Extraportion Proteine ist.

Aurich - Dass Eiweiß zu einer gesunden Ernährung gehört, ist allgemein bekannt. In der letzten Zeit wird der Stellenwert von Proteinen vor allem von Lebensmittelherstellern stärker, womöglich sogar zu stark betont. Denn auf immer mehr Lebensmitteln prangen in großer Schrift Hinweise wie „viel Eiweiß“ oder „High Protein“. Oft soll auch die reine Zahlenangabe den Verbraucher beeindrucken und suggerieren, dass er hier ein besonders gesundes Produkt erwirbt. Doch hilft viel wirklich viel?

Was und warum

Darum geht es: „Viel Eiweiß“ ist das neue „light“ – immer mehr Produkte mit hohem Proteingehalt fluten die Supermarktregale. Was bringen die wirklich?

Vor allem interessant für: ernährungsbewusste Verbraucher und Sportler

Deshalb berichten wir: Als dem Autor eine Packung eiweißreicher Kartoffelchips in die Hände fiel, wurde er neugierig.

Den Autor erreichen Sie unter: j.schoenig@zgo.de

„Es kommt zunächst einmal darauf an, was man damit erreichen will“, sagt die Auricher Ernährungsexpertin Julia Post. „Bodybuilder etwa benötigen in bestimmten Trainingsphasen mehr Eiweiß. Auch in der Krebstherapie kann eiweißreiche Kost sinnvoll sein. Dort gibt es Ansätze, durch den Verzicht auf Kohlenhydrate und Zucker den Krebs auszuhungern. Die meisten Verbraucher dürften aber wohl auf den Low-Carb-Trend setzen, um ihr Gewicht zu reduzieren.“

Eiweiß macht schneller satt

Tatsächlich hat Eiweiß Eigenschaften, die das Abnehmen unterstützen können. „Eiweiß hat zwar genauso viele Kalorien pro Gramm wie Kohlenhydrate, macht aber schneller satt, weil der Blutzuckerspiegel nicht so schnell ansteigt“, erklärt Post. Low Carb als Abnehmstrategie sieht sie trotzdem kritisch. „Ich muss mir immer die Frage stellen: Halte ich das lebenslang durch?“, so Post. „Denn wenn ich nach einiger Zeit erfolgreichen Abnehmens in meine alten Ernährungsgewohnheiten zurückfalle, kommt auch das alte Gewicht schnell zurück. Plus ein paar Prozent für den Jo-Jo-Effekt.“

Wer auf den Protein-Trend aufspringen will, findet im Einzelhandel mittlerweile eine beträchtliche Auswahl an besonders eiweißreichen Lebensmitteln. Selbst Milchprodukte, die ohnehin viel Eiweiß enthalten, werden oft noch extra als „High Protein“ beworben. Einige Hersteller reichern Joghurt, Quark oder Käse tatsächlich noch mit zusätzlichem Protein an. Auch die Auricher Molkerei Rücker bewirbt viele ihrer Produkte mit hohem Proteingehalt. Der ist aber laut Pressesprecherin Insa Rücker natürlich bedingt. „Das Lebensmittelrecht gibt genau vor, ab wann ein Produkt proteinreich genannt werden darf“, so Rücker. Laut EU-Verordnung müssen dafür mindestens 20 Prozent der Kalorien aus dem Eiweißanteil stammen. „Das gilt für viele unserer Produkte ohnehin“, erklärt Rücker: „Denn Kuhmilch ist eine sehr hochwertige Proteinquelle. Im veganen Bereich setzen wir auf die ßproteinreichen Pflanzen Hanf und Erbse.“

Eiscreme und Chips werden nicht gesünder

Kurios wird der Eiweiß-Hype, wenn er auf Lebensmittel trifft, die gerade beim Abnehmen eher wenig hilfreich sind. So gibt es beispielsweise Eiscremes, bei denen Fettanteile durch Eiweiß ersetzt werden. Bei ihnen steht weniger das Protein im Vordergrund als vielmehr ein geringerer Kaloriengehalt, der unterschwellig dafür wirbt, praktischerweise ruhig gleich den ganzen Becher zu verspeisen. Das funktioniert freilich nur, solange die Kalorienbilanz des ganzen Tages niedrig bleibt. Schlank wird auf jeden Fall das Portemonnaie, denn das Protein-Eis kostet locker das Doppelte einer herkömmlichen Eiscreme. Selbst Kartoffelchips gibt es inzwischen mit Protein angereichert. Da muss selbst Julia Post schmunzeln. „Das Problem an den Chips sind ja nicht die Kartoffeln, sondern das Fett“, sagt sie. „Und davon ist auch in vermeintlich eiweißreichen Chips mehr als genug enthalten. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass man sich vom Markt nicht veräppeln lassen sollte.“

Als Empfehlung für eine ausgewogene Ernährung gelten 0,8 bis ein Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht. Mindestens 0,65 Gramm sollten es laut Dirk Raytarowski, Chefarzt der Inneren Medizin an der Ubbo-Emmius-Klinik, sein. „Interessant ist, dass der durchschnittliche Proteinkonsum in den Industrienationen in der Regel beim Doppelten des Mindestbedarfs liegt“, so der Mediziner weiter. Es wird also schon ohne „Protein-Booster“ mehr Eiweiß verdrückt als notwendig. Einen erhöhten Bedarf gibt es laut Raytarowski in verschiedenen Lebensphasen, etwa im Wachstum, in Schwangerschaft und Stillzeit, in der Rehabilitation nach Verletzungen und bei Mangelernährung. „Bodybuilder, die fünf- bis sechsmal pro Woche trainieren, brauchen bis zu zwei Gramm Eiweiß pro Kilogramm“, sagt Julia Post. „Das gilt aber nicht für Otto Normalverbraucher, der zweimal wöchentlich ins Fitnessstudio geht.“

Keine Angst vorm „Eiweißschock“

Gesundheitliche Risiken birgt zu viel Eiweiß indessen nicht, sagt Raytarowski, denn überschüssige Proteine würden normalerweise leicht abgebaut. Auch für den legendären „Eiweißschock“ gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis. „Es wird zwar von Symptomen wie Kreislaufproblemen berichtet“, so der Mediziner. „Allerdings muss man hierbei unterscheiden zwischen einer Lebensmittelunverträglichkeit und einer Allergie. Letztere löst eine Überreaktion des Immunsystems aus, bei der es bis zu einem bedrohlichen Kreislaufversagen durch einen anaphylaktischen Schock kommen kann. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um den sogenannten Eiweißschock.“

Bei der Zusammensetzung rät Raytarowski zu einer Mischung aus tierischen und pflanzlichen Proteinen. „Besonders hochwertig sind tierisches Eiweiß und Soja, gefolgt von Proteinen aus Hülsenfrüchten, Getreide und Reis, Weizen, Mais und Knollenfrüchten“, so Raytarowski. „Möglich ist eine Kombination aus Pflanzenproteinen oder eine Kombination aus tierischen und pflanzlichen Proteinen.“ Julia Post gibt zu bedenken, dass tierisches Eiweiß auch Cholesterin enthält, das in zu großen Mengen gesundheitliche Probleme bringen kann. Deshalb sollte ein Teil des Eiweißbedarfs immer mit pflanzlichen Proteinen gedeckt werden. Auch sie empfiehlt vor allem Soja, aber auch Hülsenfrüchte und Nüsse.

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