Wirtschaft

Krankenwagenbauer investiert Millionen in Aurich

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 03.02.2022 17:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Mitarbeiter Gregor Adams arbeitet an einem Kabelbaum, der im Himmel eines Transportwagens befestigt wird. Foto: Cordsen
Mitarbeiter Gregor Adams arbeitet an einem Kabelbaum, der im Himmel eines Transportwagens befestigt wird. Foto: Cordsen
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Der auf Rettungsfahrzeuge spezialisierte Fahrzeugbauer Hospimobil baut in Aurich-Schirum für 3,5 Millionen Euro einen neuen Standort. Die Firma fertigt auch besondere Systeme für Schwergewichtige.

Aurich - Das kleine Reich, in dem am Auricher Stadtrand ganz normale Transporter in lebensrettende Fahrzeuge verwandelt werden, misst um die 1000 Quadratmeter und gleicht momentan einem Labyrinth Wer immer im Landkreis Aurich vom Rettungsdienst in medizinische Einrichtungen gebracht werden muss, wird sehr wahrscheinlich in einem Wagen transportiert, der von einer kleinen Spezialfahrzeug-Schmiede im Gewerbegebiet Schirum gefertigt wurde: Hospimobil Ambulance Manufaktur heißt sie. Vor gut 35 Jahren gegründet, verwandeln die Mitarbeiter Transporter in Rettungstransportwagen (RTW), Krankentransportwagen (KTW), Notarzteinsatzfahrzeuge (NEF) oder auch andere Spezial-Gefährte, etwa mobile Zahnarztkliniken. „Allein in den vorigen zehn Jahren haben wir bei Ausschreibungen des Landkreises Aurich immer wieder Aufträge einwerben können und etwa 40 Fahrzeuge geliefert“, sagt Hospimobil-Chef Hans-Martin Riegel.

Was und warum

Darum geht es: Der Krankenwagenbauer Hospimobil investiert 3,5 Millionen Euro in Aurich.

Vor allem interessant für: Alle, die Krankenwagen im Landkreis Aurich fahren sehen und gar nicht wissen, dass viele davon in Aurich gebaut worden sind.

Deshalb berichten wir: Der Neubau des Unternehmens steht kurz vor der Fertigstellung. Deswegen haben wir nachgefragt.

Den Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de

Seinem Unternehmen ist das kleine Reich zu klein geworden. Deswegen investiert Riegel jetzt wenige Hundert Meter entfernt am Kornkamp rund 3,5 Millionen Euro und lässt dort auf 1,3 Hektar Fläche einen neuen, eigenen Fertigungsstandort errichten. 1700 Quadratmeter Produktionsfläche mit speziellen Gängen, um besser unter Fahrzeugen arbeiten zu können, 500 Quadratmeter Büro- und Sozialräume. „Wir hoffen, dass wir im März umziehen können“, sagt Riegel. Die aktuelle Halle, die Hospimobil pachtet, wird dann vom expandierenden Kunststoff-Recycler B-Plast 2000 weitergenutzt. Dem gehören Grundstück und Gebäude.

„Wir reagieren damit auch auf die gestiegene Nachfrage“, sagt Riegel. Bislang fertigt sein Unternehmen zwischen 70 und 100 Fahrzeugen pro Jahr – je nach Fertigungsaufwand für die Fahrzeuge.

Spezielles Schwerlastbett für Schwergewichtige

„Wir sind nicht Marktführer beim Volumen. Was wir machen, ist Handarbeit. Die Schränke die wir bauen, werden in der Regel älter als die Fahrzeuge. Und ein Rettungs- oder Krankentransportwagen ist ja nicht wie ein Wohnmobil, das man im Urlaub mal vorsichtig behandelt. Da muss es schnell gehen, da werden täglich Schubladen oder Türen aufgerissen oder zugeknallt. Das muss einiges aushalten.“ Neben Landkreisen und Kommunen, die entsprechende Fahrzeuge für ihre Rettungsdienste ausschreiben, sind es etwa die Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz, der Arbeiter-Samariter-Bund, der Malteser-Hilfsdienst oder die Johanniter-Unfallhilfe, die Rettungswagen bei den Aurichern ordern. Und die gestiegene Nachfrage betrifft auch einen Kombi-RTW, den die Auricher vor einigen Jahren entwickelt haben – und der auf die gewachsene Zahl an Übergewichtigen im Land reagiert. „Es ist noch ein Nischenprodukt, aber es wird wichtiger – und wir sind bislang die einzigen, die das so machen.“ Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen in Deutschland sind nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts übergewichtig, ein Viertel der Deutschen ist sogar stark übergewichtig. Tendenz: steigend.

Produktionsleiter Mike Hartmann klebt Türbeschläge eines Transportwagens ab, den Hospimobil für die Justiz fertigt. Foto: Cordsen
Produktionsleiter Mike Hartmann klebt Türbeschläge eines Transportwagens ab, den Hospimobil für die Justiz fertigt. Foto: Cordsen

Übergewicht und Adipositas haben laut der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihren Mitgliedsländern sogar „das alarmierende Ausmaß einer Volkskrankheit angenommen“. Riegel sagt: „Ein Problem ist das Gewicht, eins aber auch das Volumen. Für Adipöse sind die normalen, etwa 60 Zentimeter breiten Tragen zu schmal.“ Nun gab es vorher schon Schwerlast-Transportwagen für Übergewichtige und Schwergewichtige. „So ein Fahrzeug lohnt sich nur in Großstädten, wo solch ein Wagen den ganzen Tag im Einsatz ist, nicht in ländlichen Regionen, wo man es vielleicht nur zwei Mal pro Woche braucht“, sagt Riegel. Daher hat sein Unternehmen ein System mit speziellem Schwerlastbett entwickelt, das bis zu 500 Kilo tragen kann. Es lässt sich mit wenigen Handgriffen in einen normalen RTW einsetzen, per Seilwinde in den Wagen ziehen und dort sichern – ohne dass die Lagerung der normalen Trage ausgebaut werden muss. „Bei den Gewichten, um die es hier geht, kann man es keine Rampe mehr hochschieben, und es muss ja sicher sein“, sagt der gebürtige Schwabe. Ein solcher Wagen ist für den Landkreis Wittmund im Einsatz, wie Sprecher Ralf Klöker bestätigt. „Er wird auch von umliegenden Kreisen angefordert.“ Sechs Schwerlastbetten hat der Rettungsdienst Aurich für Transportwagen, teilt der Kreis mit.

Mit Krankenwagen-Handel das Studium finanziert

Riegel besitzt und führt das Unternehmen seit 1995. Damals kaufte er das 1986 gegründete Unternehmen, das in schwere See geraten war und kurz vor dem Aus stand – nach hohen Entwicklungs-Investitionen, „die technisch brillant waren, aber ihrer Zeit voraus“, so Riegel. „Das hat sich nicht in Verkäufen widergespiegelt.“ Der Diplom-Volkswirt zog nach Ostfriesland und sanierte die Firma. Wie aber kommt man als Schwabe und Volkswirt darauf, in Ostfriesland eine winzige Krankenwagen-Schmiede zu übernehmen?

So sieht der Neubau von Hospimobil am Kornkamp in Aurich-Schirum aktuell aus. Im März soll der Umzug dorthin erfolgen. Foto: Cordsen
So sieht der Neubau von Hospimobil am Kornkamp in Aurich-Schirum aktuell aus. Im März soll der Umzug dorthin erfolgen. Foto: Cordsen

„Ein Studienkumpel von mir hatte sich einen ausgemusterten Mercedes-Krankenwagen zum Wohnmobil umgebaut, ist damit in Portugal stecken geblieben – und vor Ort hat man ihn fast umringt, um ihm den Wagen abzukaufen. So ein Bedarf war dort. Daraus haben wir die Idee entwickelt, mehr ausgemusterte Krankenwagen in Deutschland zu kaufen und nach Portugal und Nordafrika zu bringen, um sie dort zu verkaufen“, sagt Riegel. „Die Nachfrage war riesig. Teilweise wurden wir nur wenige Kilometer hinter der Grenze bei Pausen angesprochen und man holte gleich den Bürgermeister, um mit uns zu verhandeln. So haben wir damals unser Studium finanziert. So ist meine Affinität gewachsen. Ich habe nach meinem Studium erst den Vertrieb der Auricher Fahrzeuge in Süddeutschland übernommen und dann am Ende auch das Unternehmen.“

Zuletzt indes war die Produktion schwierig, die Lieferprobleme infolge der Corona-Krise trafen auch Hospimobil. „Wir haben selbst frühzeitig reagiert und uns eingedeckt mit den Teilen, die wir für unsere Produktion brauchen“, sagt Riegel. Doch es fehlten die Basisfahrzeuge, die die Auricher aufbauen: Den großen Herstellern fehlten Computerchips. Deswegen mussten sie ihre Fertigung immer wieder auf Eis legen. Riegel sagt: „Auch wir mussten eine Weile in Kurzarbeit. Ab April, wenn wir am neuen Standort sind, werden wir aber sogar zusätzliche Stellen schaffen.“

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