Schiffsunglück
Havariertes Containerschiff kann noch nicht geborgen werden
Seit vergangener Nacht liegt das 400-Meter-Containerschiff „Mumbai Maersk“ vor Wangerooge auf einer Sandbank. Ein zweiter Bergungsversuch war für 13 Uhr geplant – doch daraus wird nichts.
Wangerooge - In der vergangenen Nacht ist gegen 23 Uhr das Großcontainerschiff „Mumbai Maersk“ an der Wesermündung nördlich von Wangerooge havariert – und seitdem liegt der rund 400 Meter lange Frachter mit einer Kapazität von mehr als 20.000 Containern auf einer Sandbank. „Es wurde niemand verletzt, es wurde keine Ladung verloren, das Schiff ist intakt“, sagt ein Sprecher des Havariekommandos auf Nachfrage der Redaktion. Unseren Informationen zufolge ist die „Mumbai Maersk“ mit sehr kleiner Fahrt auf Grund gelaufen. Weil sie zunächst keinen Liegeplatz in Bremerhaven bekommen habe, sei sie zunächst gewendet worden, so unsere Quelle. Beim zweiten Anlauf habe sie die Sandbank berührt.
Das Havariekommando bestätigt diese Informationen nicht. „Wir fokussieren uns auf die Bergung, die Ursache wird später unter anderem von der Wasserschutzpolizei geklärt“, heißt es. Eine Sprecherin der Oldenburger Inspektion sagt, dass Beamte vor Ort, aber nicht an Bord seien. „Es wurden Daten gesichert beziehungsweise deren Sicherung beauftragt“, sagt sie. Genaue Angaben zur Unglücksursache könne sie noch nicht machen. Dass zunächst kein Liegeplatz vorhanden gewesen und die Havarie beim oder kurz nach dem Wenden passiert sein soll, seien Mutmaßungen. „Die polizeilichen Ermittlungen dauern an“, sagt die Sprecherin.
Offenbar auch Gefahrstoffe an Bord
Ein erster Versuch, das unter dänischer Flagge fahrende und aus Rotterdam kommende Schiff in den frühen Morgenstunden ins tiefere Fahrwasser zu schleppen, war laut Havariekommando erfolglos. Der nächste Versuch war für das Mittagshochwasser – frühestens ab 13 Uhr – geplant. Doch daraus wurde nichts: „Das Hochwasser wird etwa 40 Zentimeter niedriger ausfallen“, so der Havariekommando-Sprecher am Vormittag. Die Experten vor Ort hätten sich daher gegen einen Versuch entschieden. Es werde erwartet, dass die Bergungsmaßnahmen gegen Mitternacht beginnen sollen, schreibt eine Maersk-Sprecherin auf Nachfrage der Redaktion.
Laut Havariekommando geht von der „Mumbai Maersk“ aktuell keine akute Gefahr für den Schiffsverkehr aus. „Andere Schiffe können an ihre vorbeifahren“, so ein Sprecher. Es gebe allerdings eine Warnung und die Kapitäne seien angehalten, im Bereich der Wesermündung besonders langsam zu fahren. Was die Ladung des Frachters angeht, sagt der Sprecher: „Da ist alles an Bord, was man kaufen und verkaufen kann.“ Containerschiffe seien grundsätzlich ziemlich durchmischt beladen. Offenbar sind auch Gefahrstoffe an Bord: „Uns liegt die Ladungsliste vor und wir sind dabei, zu sondieren, welche Container wir genau im Auge behalten müssen.“ Auch ein Chemiker stehe dabei beratend zur Seite.
„Gigantismus muss endlich aufhören“
Gerd-Christian Wagner ist Bürgermeister der Stadt Varel und Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste (SDN). „Unsere Position ist, dass dieser Gigantismus bei Containerschiffen endlich aufhören muss“, sagt er der Redaktion. Die SDN fordert seit Jahren – und insbesondere seit der Havarie der „MSC Zoe“ im Januar 2019 – neue Richtlinien für mehr Sicherheit bei Großcontainerschiffen. Untersuchungen nach der Havarie hatten beispielsweise ergeben, dass aktuelle Laschsysteme – sozusagen die Ladungssicherung der Container – für moderne Mega-Frachter nicht mehr ausreichen. Geändert hat sich in den Regularien bislang allerdings nichts. Außer solchen Maßnahmen fordert die SDN aber vor allem eins: eine Größenbegrenzung für Schiffe wie „MSC Zoe“ oder die „Mumbai Maersk“.
„Die schiere Größe ist einer der wichtigsten Faktoren – auch bei der aktuellen Havarie“, sagt Wagner. „Die Schiffe werden einfach zu groß. Der Mensch schafft es trotz aller Technik nicht mehr, die Natur zu besiegen.“ Allein schon der „gesunde Menschenverstand“ sage, dass es nicht immer noch höher, größer, breiter gehe. Die Megafrachter seien in allen Situationen schwerer zu manövrieren als kleinere Schiffe. Ein von der SDN immer wieder angesprochenes Thema ist zudem die von ihr geforderte Pflicht für Megafrachter, eine küstenfernere und damit längere, aber tiefere Route zu fahren – und nicht wie damals die „MSC Zoe“ die kürzere, flachere. Im aktuellen Fall spielt das allerdings keine Rolle: In die Wesermündung müsse alle Schiffe, egal, wo sie vorher fuhren.
„Muss das Havariekommando besser ausgestattet sein?“
Meta Janssen-Kucz (Grüne), Borkumerin und Vizepräsidentin des niedersächsischen Landtags, bezeichnet Megafrachter als „grundsätzliche Gefahr für die Küste und die ostfriesischen Inseln“. Größe und Bauart dieser Schiffe seien „ein schwer kalkulierbares Risiko bei Havarien“. Notwendig sei außer einer „hoffentlich schnellen und sicheren Bergung“ eine umfassende Aufklärung, wie es zum Unglück kommen konnte. Darunter fällt aus ihrer Sicht auch die Frage „Muss das Havariekommando für diese großen Havarien besser ausgestattet sein?“.
Der Niedersachsen-Verband des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) ist einer Pressemitteilung zufolge „entsetzt, dass solch ein Vorfall nach der Havarie der ‚MSC Zoe‘ im Jahr 2019 unmittelbar am Weltnaturerbe Wattenmeer erneut passieren konnte“. Es sei zu hoffen, dass die Freischleppversuche in der Nacht erfolgreich sein werden, so Nabu-Niedersachsen-Chef Dr. Holger Buschmann. Mit der aktuellen Entwicklung immer größerer Schiffe in sensiblen Meeresräumen und Flüssen drohten vielerorts „immer öfter ähnliche Vorfälle mit möglichen schwerwiegenden Auswirkungen für Umwelt und Anrainer der Küstenregionen“.
Laut Havariekommando verlief das aktuelle Unglück bislang vergleichsweise glimpflich. Für das Wochenende prophezeien Seewetter-Experten allerdings einen auffrischenden Wind. „Wir gehen derzeit davon aus, dass der Wind erst am Sonntag signifikant zunimmt“, so ein Sprecher des Havariekommandos. Man habe die Vorhersagen zwar im Blick, konzentriere sich allerdings auf den nächsten Bergungsversuch in der Nacht.Containerriese muss im Wattenmeer freigeschleppt werden
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