Berlin

Diversity-GNTM: Warum Heidi die Designer davonlaufen

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 02.02.2022 15:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Foto: Daniel Benedict
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GNTM lässt 2022 Ü-60-Models zu. Wird das Format mit Barbara und Lieselotte weniger aggressiv? Und wieso sind bei so viel Vielfalt immer noch keine Männer erlaubt?

Diversität ist seit Jahren Heidi Klums Motto. Wie bunt die 17. Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ wird, rechnet die Chefin diesmal in Zahlen vor: Ihre 31 Kandidatinnen tragen Konfektionsgrößen von 30 bis 54. Wiebke spielt bei Alba Berlin und ist 195 Zentimeter lang; die kleinste Kandidatin misst 154 Zentimeter. Noch kleiner ist nur Kylie Minogue, die Gastjurorin von Folge eins.

Am auffälligsten ist die Alterspanne der Models, die erstmals von 18 bis 68 Jahren reicht. Die Kandidatin Martina (50) tritt gegen ihre eigene Tochter an. Barbara, die GNTM-Älteste aus Flensburg, ist fünffache Oma. Um da noch aufzufallen, reichen Übergrößen nicht mehr aus. Lenara aus Lingen betont deshalb gleich am Anfang: Sie ist nicht nur ein Curvy-Model (also ein rundes), sondern auch noch stark tätowiert.

Die Branche wandelt sich. Das ist die These hinter dieser Besetzung. Das Geschäft hat heute „nichts mehr mit den Models der 90er zu tun“, meint Lizi Sofeso, die ausführende GNTM-Produzentin. Die Labels orientierten sich inzwischen an Social-Media-Stars: „Gesucht werden Typen, Charaktere, Menschen mit Markenzeichen.“ Allerdings scheint Klum der Zeit voraus zu sein. Viele Designer, die zugesagt hatten, seien wegen der Kleidergrößen der Staffel doch noch abgesprungen, berichtet sie und verbindet es mit einem Appell an die Modeschöpfer: „Es ist doch euer Job, Menschen zu bekleiden. Die Konfektionsgröße sollte dabei keine Rolle spielen.“ Immerhin: Mit Jean Paul Gaultier hat sie für diese Staffel einen echten Superstar als Gastjuror gewonnen.

Bei aller Vielfalt: Männer dürfen bei GNTM immer noch nicht auf den Laufsteg. Obwohl – so betont es ProSieben-Chef Daniel Rosemann bei Vorstellung der neuen Staffel – im letzten Jahr fast 30 Prozent der jungen Männer die Show geguckt haben. Warum zeigt man sie also nicht? Im realen Business sei der Markt zwischen männlichen und weiblichen Models sehr unterschiedlich, beteuert Rosemann. Geschlechterübergreifende „Challenges“ würden dem hohen Realitätsanspruch von GNTM nicht genügen. Zugleich gibt er zu: „So lange es ‚Topmodel‘ gibt, sprechen wir über die männliche Variante. Wir werden nicht aufhören, uns darüber Gedanken zu machen.“

Vorerst hat man mit Heidis „Ü-60-Meeedchen“ ohnehin genug zu verdauen. Schon bei der Begrüßung muss Klum nachfragen, ob sie die Kandidatinnen noch duzen darf. Das Wort „Mädchen“ verbietet sie sich – auch wenn es ihr schwerfällt, sich daran zu halten. Dazu verspricht sie, die Alten „genauso hart ranzunehmen“ wie die Jungen. Das ist mutig. Schon in Folge eins zeigt ProSieben spektakuläre Laufstegstürze. Mit Ende 60 läuft da die Angst vor dem Hüftbruch mit. Produzentin Sofeso beschwichtigt: Zumindest bei sportlichen Foto-Shootings wird der Gesundheitszustand der Models berücksichtigt.

Bislang scheint die neue GNTM-Generation den Dreh gut zu verkraften. „Anstrengend fand ich das gar nicht“, sagt Barbara in der ersten Pressekonferenz ihres Lebens. Manchmal war sie zwar kaputt, sagt sie, das aber nicht schlimmer „als wenn man das ganze Haus saubermacht“.

Natürlich geht’s im Reality-TV nicht nur um die Sache. So wichtig wie das Modeln ist bei GNTM das Miteinander. Und als eine junge Kandidatin Lieselotte (66) als „Mutti“ anspricht, ahnt man: Die Dynamik in der Model-Villa wird sich verändern. Wer streitet schon enthemmt, wenn „Mutti“ dabei ist? Womöglich wird GNTM 2022 also weniger konfrontativ. Folgt das Format da einem Reality-Trend, der bei RTL bis zum Sturz Dieter Bohlens geführt hat?

ProSieben-Chef Rosemann teilt diese Lesart nicht. Seit 16 Jahren wehre er sich gegen den Vorwurf: „Ihr macht das doch alles nur für den Zickenkrieg.“ Darum sei es in Wahrheit nie gegangen. „Reality – vor allem, wenn es um Wettbewerb geht – beinhaltet natürlich, dass Menschen da aufgeregt sind und sich auch streiten“, antwortet er uns. Tatsächlich nutze das der Show aber gar nicht. Rosemann: „Konfrontative Momente sind nicht die, die eine Quote nach oben ziehen.“ Geguckt würden Laufsteg-Szenen und Foto-Shootings. Fast noch wichtiger sei die „Portion Eskapismus“; im Februar träumen die Zuschauer gern vom Glamour unter griechischer Sonne. „Und deshalb“, so Rosemann, „ist für Topmodel keine Kehrtwende notwendig.“

Bildungsfernsehen wird GNTM aber auch in Staffel 17 nicht. Oder um es mit einer Kandidatin zu sagen, die der Sender schon zum Staffelauftakt lustvoll zitiert: „Es ist einfach fucking ProSieben zur Prime Time. Das ist nicht irgendwie einfach – keine Ahnung – ARD oder so.“ Folge eins stand der Presse vorab zur Verfügung. Was soll man sagen: Die Frau hat recht.

Sendetermin: „Germany’s Next Topmodel“ startet am Donnerstag, 3. Februar 2022, um 20.15 Uhr auf ProSieben.

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