Corona-Pandemie

Haltbarkeit überschritten: Impfstoff in Ostfriesland vernichtet

Julia Jacobs
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Von Julia Jacobs
| 01.02.2022 19:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Nachfrage nach Impfungen geht immer weiter zurück. In Ostfriesland musste deswegen bereits Impfstoff weggeschmissen werden. Foto: David Inderlied/dpa
Die Nachfrage nach Impfungen geht immer weiter zurück. In Ostfriesland musste deswegen bereits Impfstoff weggeschmissen werden. Foto: David Inderlied/dpa
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Die Nachfrage nach Impfstoffen nimmt immer weiter ab. Das bleibt nicht ohne Folgen: Einige Kommunen in Ostfriesland mussten bereits Impfstoff wegschmeißen. Das hat mehrere Gründe.

Ostfriesland - Die Zeiten, in denen sich vor den Impfzentren lange Schlangen bilden, sind vorbei. Die Nachfrage nach Impfstoff geht immer weiter zurück. Das merkt man auch in Ostfriesland. Weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, musste in Ostfriesland sogar Impfstoff weggeworfen werden. Mehr als 1000 Dosen des Booster-Impfstoffs wurden allein vom Landkreis Leer bereits vernichtet. Weitere Dosen könnten folgen.

Auch die Stadt Emden wird voraussichtlich in den kommenden Wochen weitere Impfdosen entsorgen müssen. Die Stadt versucht deswegen, den Impfstoff an andere Impfzentren oder Arztpraxen abzugeben. „Wobei dort oftmals ebenfalls genügend Impfstoffe vorhanden sind“, heißt es vonseiten der Stadt. Wie kommt es zu so einem Überschuss?

Bedarf zu hoch eingeschätzt

Die Stadt habe den Bedarf zu hoch eingeschätzt, stellt man dort rückblickend fest. Weil die Nachfrage an Impfstoffen im Dezember kaum zu bewältigen war, ist man in Emden auch für den Januar von einer hohen Nachfrage ausgegangen. „Ein so schneller Rückgang der Impfzahlen war nicht vorhersehbar“, heißt es. Mit Zusatzangeboten und Impfaktionen soll die Impfquote weiterhin möglichst hoch gehalten und ein Ablaufen der Impfstoffe vermieden werden. Insbesondere der Impfstoff von Johnson und Johnson überschreite bald das Mindesthaltbarkeitsdatum. Der Impfstoff sei laut Stadt im Dezember sehr stark nachgefragt worden, nun aber kaum noch. Betroffen ist auch eine kleinere Menge von Moderna.

Im Landkreis Leer hingegen mussten bereits am 19. Januar 58 Violen Moderna vernichtet werden, weil das Ablaufdatum erreicht war. Das bestätigt der Landkreis auf Nachfrage. 58 Violen entsprechen bei Erst- und Zweitimpfungen jeweils 10 Impfdosen, also 580 Impfungen. Weil bei Booster-Impfungen weniger Impfstoff benötigt wird, wären es hier sogar 1160 Impfungen gewesen. Der Landkreis verzeichnet einen starken Rückgang der Impfungen. Haben sich Anfang Dezember noch 2559 Menschen innerhalb einer Woche impfen lassen, waren es Ende Januar nur noch 1677.

Kleinere Mengen in Aurich bestellt

Diesen Rückgang beobachtet auch der Landkreis Aurich. So wurden in der vergangenen Woche im EEZ in Aurich insgesamt 1187 Personen geimpft, sagte der Pressesprecher Rainer Müller-Gummels am Montag. „Hinzu kamen knapp 600 Immunisierungen durch die Sonder-Aktionen an verschiedenen Orten im Kreisgebiet. Anfang Januar hatte es im EEZ noch etwa 3700 Impfungen gegeben sowie etwa 360 Impfungen vor Ort“, sagt er.

Ein Problem mit abgelaufenem Impfstoff hatte der Landkreis allerdings nicht. „Das Impfzentrum hat sich durch geringere Bestellmengen auf diese Entwicklung eingestellt“, sagt Müller-Gummels.

Lieferung hatte keine lange Haltbarkeit

Ähnlich antwortet auch der Landkreis Wittmund. Während Ende Dezember noch mehr als 1000 Impfungen pro Woche verimpft wurden, lag die Zahl Ende Januar gerade mal bei knapp über 500. Das liege aber auch daran, dass im Dezember noch größere Institutionen, wie Feuerwehren, geimpft wurden. Durch eine Sonderlieferung des Landes gab es auch in Wittmund einen deutlichen Überschuss an Impfstoff. „Erschwerend kam hinzu, dass die Haltbarkeit dieser Lieferung bereits erheblich eingeschränkt war“, sagt Pressesprecher Ralf Klöker. Der Impfstoff wurde über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) landkreisübergreifend den Haus- und Facharztpraxen zur Verfügung gestellt.

Auch bei den Kinderimpfungen merkt die Auricher Ubbo-Emmius-Klinik einen leichten Rückgang. Seit Dezember 2021 werden Kinder zwischen fünf und elf Jahren gegen Covid-19 geimpft. Bislang seien aber noch alle Termine vergeben worden, sagt das Klinikum auf Nachfrage. „Pro Impftag stehen 33 Termine zur Verfügung“, erklärt Pressesprecherin Annika Weigel. Das Klinikum Leer hingegen spricht von einer gleichbleibenden Nachfrage bei Kinderimpfungen.

„Das tut einem in der Seele weh“

Dass bereits angebrochene Dosen weggeworfen werden müssen, komme laut Detlef Haffke von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) häufiger vor. Der Inhalt der Flasche muss innerhalb eines Tages verimpft werden. Die jetzt noch durchgeführten Impfungen seien zu einem großen Teil Booster-Impfungen. „Die laufen noch ganz gut“, sagt er.

Einige Arztpraxen haben ihr Impfangebot aber bereits eingestellt. „Es wurde immer schwieriger, zu planen. Die Patienten hatten ja so viele Möglichkeiten, sich impfen zu lassen, das manche ihre Termine dann nicht mehr bei uns wahrgenommen haben. Wir mussten deshalb auch Impfstoff von Moderna wegwerfen. Das tut einem in der Seele weh und ist wirklich Mist“, sagt der Leeraner Urologe Dr. Harm Diddens. Er ist überzeugt: „Wer sich boostern lassen wollte, ist inzwischen damit auch durch.“ Haben vor zwei Wochen noch 4858 Praxen in Niedersachsen geimpft, waren es in der letzten Woche nur noch 4795. Der Rückgang bei den Impfungen fällt gravierender aus: Wurden in der ersten Januarwoche noch 250.000 Menschen in Arztpraxen in Niedersachsen geimpft, waren es in der letzten Januarwoche nur noch 153.000.

Gesundheitsämter schlagen Alarm

Weiter gestritten wird unterdessen über die Impfpflicht für Beschäftigte in Kliniken und in der Pflege die sogenannte einrichtungsbezogene Impfpflicht. Von den Gesundheitsämtern, die sie durchsetzen sollen, kommt Kritik. Sie sehen sich nicht in der Lage, die zum 15. März in Kraft tretende Regelung angemessen zu kontrollieren und bemängeln Unklarheiten im Gesetz.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte eine Verschiebung. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte das allerdings bereits abgelehnt. Der Pflegerat kritisierte die Impfpflicht am Dienstag grundsätzlich. Lauterbach müsse wissen, dass die Versorgung von bis zu 200.000 Pflegebedürftigen und Kranken in Gefahr sei. „Ein Aufschub ist dringend geboten.“

Bis zu 10 Prozent ohne Impfnachweis

Man rechne damit, dass im Schnitt bei fünf bis zehn Prozent der Mitarbeiter kein eindeutiger Nachweis oder kein vollständiger Impfschutz vorliege und eine Meldung an das Gesundheitsamt erfolge, sagte Elke Bruns-Philipps, die stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, der „Rheinischen Post“. Das sei eine erhebliche Arbeitsbelastung.

Der Vorstandschef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, regte eine Fristverlängerung an. „Wir unterstützen die einrichtungsbezogene Impfpflicht. Allerdings sind wesentliche Fragen der weiteren Umsetzung noch ungeklärt, und deshalb kann es notwendig sein, Fristen im Verfahren anzupassen“, sagte er der „Rheinischen Post“.

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