Genehmigung
Torfabbau: Anwohner in Sorge wegen Staub und Lärm
Weitere 80 Hektar Hochmoorgrünland will die Industrie in Marcardsmoor abtorfen. Das Genehmigungsverfahren läuft noch – parallel äußern weitere Anwohner Sorgen wegen möglicher Auswirkungen.
Wiesmoor - Die geplante Erweiterung der Torfabbau-Flächen südlich der Zweiten Reihe in Marcardsmoor bereitet Anwohnern weiterhin Magendrücken. Seit Jahren schon haben Bürger aus dem Dorf die Pläne kritisiert, weitere rund 80 Hektar Hochmoorgrünland auf einem knapp 100 Hektar großen Areal abzutorfen. Immer wieder spielte dabei die Sorge eine Rolle, dass durch Bodenabsenkungen die Häuser Schäden erleiden könnten. Das Genehmigungsverfahren für die Flächen, die in einem Kompromisspapier zwischen Torfabbauern, Bürgern und Politik festgelegt worden waren, ist noch nicht abgeschlossen. Das teilte der Landkreis Aurich auf Anfrage mit. Doch haben sich jetzt erneut Anwohner zu Wort gemeldet, die um ihre Lebensqualität fürchten. In ihrem Fall geht es um Staub, der insbesondere von den Verladeplätzen umherweht, wenn dort Kipper mit dem zur Trockenhalde aufgeschobenen losen Torf befüllt werden, und um Lärm.
Was und warum
Darum geht es: Anwohner der Torf-Verladestelle in Marcardsmoor fürchten zusätzliche Belastungen durch die geplante Erweiterung der Abbauflächen.
Vor allem interessant für: Anwohner sowie Leser, die sich mit Torfabbau beschäftigen
Deshalb berichten wir: Anwohner der Verladestelle haben sich an die Redaktion gewandt und ihre Sorgen vorgebracht. Den Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de
Zwei solcher Verladeplätze gibt es in direkter Nähe zueinander an der Wittmunder Straße in Höhe des Grünen Wegs. Der eine, deutlich größere gehört zum Torfwerk Marcardsmoor, das zur Aurich-Wiesmoor-Torfvertriebs-Gesellschaft (AWT) sowie weiteren Partnern gehört. Der Platz liegt direkt an der Straße. Etwa 100 Meter landeinwärts gibt es einen weiteren, der zum Torfwerk Wessels gehört. „Schon jetzt ist es so, dass es gerade im Sommer so staubt, dass man kaum auf der Terrasse sitzen kann“, sagt Frerich Wilts, einer der Anwohner. „Der Torfstaub setzt sich in unsere Regenrinnen, klebt an den Fenstern. Und wir fürchten, dass sich dies noch verstärkt, wenn die weiteren Abbauflächen hinzukommen.“
„Nicht auf einem Truppen-Übungsplatz leben“
Gegen die Genehmigung selbst wollen seine Familie und 15 weitere Nachbarn der Verladestelle nicht aufbegehren. „Das werden wir wohl nicht mehr bremsen können.“ Doch bemühen die Anwohner sich darum und werben dafür, dass Beeinträchtigungen durch den Abbau begrenzt werden. „Wer miterlebt, wie laut Raupen-Dumper sind, die den Torf zur Verladestelle bringen: Die sind so laut wie Panzer“, sagt Wilts. „Die hinzukommenden Flächen sind aber ja weiter vom Abladeplatz entfernt, also muss auch mehr transportiert werden. Und wir möchten uns nicht den ganzen Tag lang fühlen, als ob wir auf einem Truppen-Übungsplatz leben.“ Das Torfwerk hat im Antrag kundgetan, den Wiederaufbau von Feldbahn-Gleisen in Erwägung zu ziehen, um den Torf von den entfernteren Flächen per Diesellok und Loren an die Verladestelle zu bringen. „Aber auch das macht ja kräftig Lärm“, sagt Wilts. „Und schon jetzt werden wir und die Kinder immer wieder vom Krach der Maschinen frühmorgens wach.“
Die Nachbarschaft hat den Kreis Aurich als Genehmigungsbehörde in einem Schreiben gebeten, die Genehmigung der Verladestellen zu prüfen. Sie, deren Häuser zwischen 80 und 150 Meter von den Verladestellen entfernt liegen, wünschen sich einen größeren Mindestabstand als bisher zur Wohnbebauung. Und sie wünschen sich eingeschränkte Bewirtschaftungszeiten. Beantragt haben die Torfabbauer, jeweils montags bis sonnabends zwischen 6 und 18 Uhr auf den Flächen arbeiten zu dürfen – in Ausnahmefällen auch bis 22 Uhr. „Wir möchten, dass diese Zeiten wenigstens auf 7 bis 17 Uhr eingeschränkt werden. Wir haben hier ja auch Familien mit kleinen Kindern, die zur Schule müssen und mal draußen spielen möchten. Und auch wir Älteren möchten tagsüber zumindest wenigstens ein Stück weit Ruhe haben“, sagt Wilts. Und dann sind da noch die Lastwagen, die den losen Torf zur Weiterverarbeitung zu Substraten in Erdenwerke transportieren. „Um die 30 waren es bislang pro Tag, wenn abgefahren wurde“, sagt Wilts. „Nun ist aber beantragt, dass sogar mit bis zu 50 Lastern pro Tag zu rechnen ist“, fügt er an. Er bittet die Genehmigungsbehörden, diese Zahl deutlich zu begrenzen. Wilts sagt: „Wir möchten das gern einfach menschlich klären – nicht im Streit.“
„Wollen hier nicht bockig sein“
Gern würden er und die Nachbarn auch das Gespräch mit der AWT suchen, sagt Wilts. „Wir wollen hier nicht bockig sein und keinen Krach. Wir möchten nur einen fairen Kompromiss und hier auch weiterhin ordentlich leben können – auf dass sich nichts verschlimmert.“ AWT-Geschäftsführer Frank Tamminga wollte sich auf Anfrage zum Thema nicht öffentlich äußern und verwies auf das laufende Genehmigungsverfahren, bei dem es die Möglichkeiten zu Einwendungen gab, die ja auch geprüft würden. Landkreis-Sprecher Rainer Müller-Gummels versicherte auf Anfrage, dass der Immissionsschutz in diesem Zusammenhang auch für uns eine große Rolle spielt“. Sprich: Welche Staub- oder Lärmentwicklung und weiteren Auswirkungen es etwa durch den Verladeplatz, die Arbeiten und den Lieferverkehr gibt.
Bürgermeister zeigt Verständnis
Wiesmoors Bürgermeister Sven Lübbers (parteilos), an den sich die Nachbarn ebenfalls gewandt hatten, sagt: „Ich kann die Sorgen und Nöte der Anwohner gut verstehen. Und ich halte ein Gespräch zwischen den Beteiligten für klug. Insbesondere mit Vertretern des Landkreises, denn sind die es ja, die entscheiden – nicht wir. Daran beteilige ich mich auch gern. Als Stadt ist unser Einfluss auf die Entscheidung selbst nur genauso groß wie der Einfluss der Anwohner selbst.“ Er wisse, dass die Anwohner sich mit einer Eingabe an den Landkreis gewandt haben.„Grundsätzlich ist es aber gut, den Dialog zu suchen.“ Generell wünschten viele Wiesmoorer sich Klarheit in der Sache, so Lübbers.
Lange Jahre hatten Anwohner gegen die Abtorfung weiterer Flächen in Marcardsmoor gekämpft, zumal anfangs sogar ein Abbau auf bis zu rund 800 Hektar Fläche im Dorf möglich gewesen wäre. Nach zähem Ringen hatten sich die Beteiligten – darunter auch Vertreter der Anwohner – dann auf den Kompromiss mit einem Abbau von 80 Hektar geeinigt, der in Hannover im Integrierten Gebietsentwicklungs-Konzept (IGEK) festgeschrieben worden ist. Der sieht zugleich die Einrichtung eines Moor-Erlebnispfades und die zügige Renaturierung abgetorfter Flächen vor. Zum Konzept gehört auch ein geplantes Neubaugebiet, dessen Torfschichten im Boden womöglich auch noch von Torfunternehmen abgetragen werden. Wilts hofft, dass dies nicht zu weiteren Belastungen für die Anwohner führt.