Masterplan Ems 2050
Vierte Fläche für Wiesenvogelschutz bereit für erste Brut
Masterplan Ems 2050: Am Großen Meer haben Heinrich Pegel und sein Team ein Paradies für Wiesenvögel geschaffen. Hilfe beim Schutz der Tiere auf den feuchten Flächen leistet ein benachbarter Landwirt.
Südbrookmerland - Kaum hatte Heinrich Pegel angefangen, die 43,7 Hektar großen Wiesenfläche in der Bedekaspeler Marsch am Großen Meer unter Wasser zu setzen, kamen sie scharenweise. Als würden sie ahnen, dass dieses Wasser nur für sie angestaut wurde. Für die Vögel. Jetzt ist Pegel auf dem Weg dorthin, um zu zeigen, wofür er den ganzen Aufwand betrieben hat. Ein Stauwehr wurde gebaut, alle anderen Abflüsse versperrt, 230.000 Euro hat die Vorbereitung gekostet. Im Januar war endlich alles fertig für die erste Brutsaison. Der Lohn: Über mit Gänsekot dekorierte Grasnaben geht es zu den offenen Wasserflächen. Für die einen ist es nur eine überschwemmte Wiese, für die gefiederten anderen ein kleines Paradies. Hier werden sie den flauschigen Nachwuchs aufziehen und Futter im Überfluss finden.
Was und warum
Darum geht es: Oft werden Landwirtschaft und Naturschutz wie Gegensätze behandelt, dabei zeigt der Wiesenvogelschutz, was möglich ist, wenn beide ihre Kräfte bündeln – und auch noch den Entwässerungsverband ins Boot holen.
Vor allem interessant für: Landwirte, Umweltschützer, Vogelfreunde und Anwohner
Deshalb berichten wir: Die vierte Ausgleichsfläche des Masterplans Ems 2050 für den Wiesenvogelschutz ist bereit für die erste Brutsaison. Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de
Heinrich Pegel ist Diplom Ingenieur für Umweltsicherung beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Die Wiese, über die er mit seinen dunklen Gummistiefeln marschiert, gehört zu den neuen Flächen für den Wiesenvogelschutz. 200 Hektar müssen für den Masterplan Ems 2050 geschaffen werden. Sie dienen als Ausgleich für die geplante Anlage von 500 Hektar Polderfläche. Hier entstehen an der Ems auf den überwiegend als Grünland genutzten Flächen nach und nach Lebensräume wie Auwälder, Röhrichte und tidebeeinflusste Gewässer. Alles wertvolle Lebensräume für viele bedrohte Arten, aber eben nicht für die Wiesenvögel.
Der Zeit weit voraus
Einen Ersatz finden sie auf Flächen wie hier in Bedekaspel in Südbrookmerland. Weitere gibt es in Rhede im Brualer Hammrich, im Landschaftsschutzgebiet Flaar und in den Leher Wiesen bei Dörpen. Insgesamt 89 Hektar sind es bereits. Ziel bis 2025 sind 78 Hektar, also ist der Masterplan Ems der Zeit weit voraus. Für Vögel wie den Kiebitz sollen sie sein, den Wiesenvogel mit dem schwarz-schillernden Mantel und den keck abstehenden Federn am Hinterkopf. Noch besser wäre, die Uferschnepfe würde das Angebot annehmen und hier brüten. Sie ist nicht ganz so auffällig wie der Kiebitz, aber noch viel seltener.
Über den Kiebitz macht sich Pegel weniger Sorgen: „Der ist Opportunist“, sagt er. Pegel meint: Der Kiebitz nutzt eine Fläche, weil sie halt gerade verfügbar ist und gute Bedingungen bietet. Auch an diesem stürmisch-feuchten Tag Ende Januar mischen sich ein paar Exemplare unter die zahlreichen Wintergäste, die Pegels Angebot dankbar annehmen. Es ist diesig, deshalb vertraut Pegel eher seinen Ohren als seinen Augen, um festzustellen, welche Vögel hier sind. „Kiebitz und Blässgans“, sagt er, während er seinen Kopf schräg hält und horcht, „und Weißwangengänse sind auch da.“ Vielleicht werden sich die anwesenden Kiebitze die Fläche für die Brutsaison merken. Und die Uferschnepfe? „Die braucht länger, um sich an neue Brutgebiete heranzutasten“, sagt Pegel. Da hilft nur Hoffen, dass auch sie im Frühjahr hier brüten wird.
Kompromiss für die Entwässerung
Heinrich Pegel experimentiert aktuell mit dem Wasserstand. Er will wissen, wie genau die Geländedaten sind, die er bekommen hat. Ob in der Praxis auch die Flächen überschwemmt werden, die in der Theorie auf seinen Karten markiert sind. Denn alles ist genau geplant. Alles der Natur zu überlassen, geht nicht. Dann gebe es Probleme mit dem Entwässerungsverband. Denn der muss dafür sorgen, dass auch bei Starkregen das Wasser abgeleitet wird. Überschwemmte Flächen sind für ihn wie ein betonierter Parkplatz: Hier kann kein zusätzliches Wasser gespeichert werden. Deshalb muss die Pumpenleistung am Schöpfwerk Großsande erhöht werden. Das kostet noch einmal 213.000 Euro, für eine fischfreundliche Schneckenpumpe.
Der Stauplan ist programmiert. Läuft er, regelt das Stauwehr automatisch über das Jahr, wie viel Wasser auf der Fläche bleibt. Warum direkt am Großen Meer mit genügend Wasser solche Flächen geschaffen werden? „Wichtig sind flache Wasserflächen im Frühjahr, die später wieder trockenfallen “, sagt Pegel. Die Tümpel sind eine perfekte Kinderstube für Mückenlarven und andere Insekten. Zum Frühjahr wird der Wasserstand hochgefahren, wenn die Kiebitze ihre Territorien abstecken. Ende März dürften die Gelege da sein, Ende April dann die Küken. Dann kann der Wasserstand runterfahren, damit die Küken im Schlamm Nahrung finden und die Geländepfleger im Mai auf die Fläche können. Die Pflege übernehmen Jungrinder des benachbarten Landwirtes Reinhard Gloger, denn die Wiesenvögel brauchen offene Flächen. Erst einmal dürfen nur zwei Tiere pro Hektar hier grasen. Später, wenn die jungen Bodenbrüter flügge sind, können es mehr sein.
Rinder übernehmen die Flächenpflege
Gloger ist froh über die Flächen direkt an seinem Haus. „Für die Jungrinder ist es eine gute Lösung“, sagt er. Milchkühe können hier nicht grasen, dafür ist das Nahrungsangebot zu unberechenbar. Ohne Düngung bekommen sie nicht ausreichend Futter – und die ist auf dieser Fläche nicht erlaubt. „Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse“, sagt Gloger. Im Gegenzug ist die Pacht niedrig. Wiesenvögel zu schützen ist für den Landwirt nichts Neues. Kiebitze brüten sogar in seinem Futtermais. Auch auf anderen Flächen behält er sie im Auge. Vor der Mahd oder Ernte werden die Gelege abgesteckt und so sichtbar gemacht. Dann kann er sie großzügig umfahren.
Einen finanziellen Ausgleich dafür gibt es über das Programm „Gelege- und Kükenschutz“, das der Landwirtschaftliche Hauptverein Ostfriesland (LHV) und der NABU-Ostfriesland nach niederländischem Vorbild ins Leben gerufen haben, finanziert wird es aus Landes- und EU-Mitteln. 25 Euro erhält Reinhard Gloger pro Nest, wenn jemand die Gelege für ihn suchen muss, 50 Euro, wenn er sie selbst absteckt. Auch für eine späte Mahd oder vogelgerechte Mähweisen gibt es Geld. Die Wiesenvögel jetzt auch aktiv auf dieser Schutzfläche zu unterstützen, ist für ihn kein Problem. „Ich habe es mir ja selbst ausgesucht. Es ist etwas anderes, als wenn einem der Naturschutz übergestülpt wird“, so Gloger.
Heinrich Pegel ist zufrieden mit den ersten Ergebnissen seiner Experimente mit dem Wasserstand. Auf seinem Handy kann er genau verfolgen, wie hoch das Wasser auf der Fläche steht – und sogar eingreifen. Noch ein paar Tests, dann heißt es warten. Im April und Mai wird sich zeigen, wie viele getupfte Jungvögel mit langen grauen Beinen hier aufwachsen. Der Erfolg ist nicht nur vom Wasser abhängig, sondern auch davon, ob Küken und Nester von Füchsen und Krähen verschont bleiben. Davor bangen beide – der Naturschützer und der Landwirt.