Literatur

Canan Topçu: Das ist „Nicht mein Antirassismus“

Joachim Braun
|
Von Joachim Braun
| 30.01.2022 17:39 Uhr | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Canan Topçu kam im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland. Foto: Privat
Canan Topçu kam im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland. Foto: Privat
Artikel teilen:

Immer wieder entfachen neue Debatten um das Thema Rassismus. Die türkischstämmige Canan Topçu will, dass die Menschen mehr miteinander sprechen. Darüber schreibt sie in ihrem Buch.

Leer/Hanau - Unsere Welt ist vielstimmig geworden und wo früher Mehrheiten den gesellschaftlichen Diskurs allein bestimmt haben, fordern nun alle möglichen Gruppen Gehör und Teilhabe. Das ist grundsätzlich gut und richtig. Aber: In Zeiten von sozialen Medien, in denen jeder Empfänger ist, aber auch Sender sein kann, bekommen jene das meiste Gehör, die laut sind und radikale Meinungen vertreten.

Das zeigt sich in der Pandemie, in der clever organisierte Minderheiten versuchen, die Deutungshoheit zu übernehmen (zum Glück meist vergeblich). Das zeigen aber auch Themen wie Gendersprache und der Dialog zwischen Mehrheiten und Minderheiten, die geprägt sind von Vorurteilen und von identitätspolitischen Debatten, deren Auswüchse dann sichtbar werden, wenn ernsthaft gefordert wird, dass die bei der Vereidigung von US-Präsident Joe Biden vorgetragenen Verse der afroamerikanischen Dichterin Amanda Gorman nur von einer ebenfalls schwarzen Übersetzerin übersetzt werden dürfen.

Von Erfahrungen des anderen lernen

Canan Topçu ist kein Teil dieser Überhitzung. Im Gegenteil, die 56-Jährige, die in der Türkei geboren wurde und im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie nach Hannover migriert war, mahnt zu Verständigung und Ausgleich. Sie sucht das Gespräch und das Verbindende, nicht das Trennende. Sie will von den Erfahrungen des anderen lernen. Seit gut einem Jahr macht die Hanauerin dies als Kolumnistin dieser Zeitung und jetzt auch als Autorin eines Buches mit dem Titel „Nicht mein Antirassismus“. Der Appell auf dem Cover: „Warum wir einander zuhören sollten, statt uns gegenseitig den Mund zu verbieten. Eine Ermutigung.“

„Nicht mein Antirassismus“

Das Buch „Nicht mein Antirassismus“ von Canan Topçu erscheint mit 224 Seiten im Quadriga Verlag. Es kostet 16,90 Euro. ISBN: 978-3-86995-115-7

Es ist ein sehr persönliches Buch, das die „Deutsch-Türkin“ geschrieben hat. Sie erzählt viel von ihrer eigenen Geschichte, ihrer glücklichen Kindheit in einem Dorf an der Mittelmeerküste und dem für das Kind so abrupten und schwierigen Wechsel nach Deutschland, wo ihre Eltern versuchten durch Arbeit, Arbeit, Arbeit der Armut der Heimat zu entkommen – offiziell angeworben von der Bundesrepublik und nie wirklich willkommen. Kennengelernt habe ich Canan Topçu vor 15 Jahren bei einer Journalistenreise in die Türkei, organisiert von türkischstämmigen Journalisten für deutsche Journalisten, die uns die ambivalente Situation ihres Landes näherbringen wollten.

Topçu hat es vorgemacht

An einem Tag sprachen wir mit einem türkischen Militär, der prahlte, wie er die kurdische Minderheit klein hält, am anderen Tag mit einer Frauenrechtsaktivistin, die über Unterdrückung und lächerliche Machos publiziert hatte und kurz darauf nur durch eine Flucht nach Deutschland dem Gefängnis entging. Und mittendrin „Mutti“, wie wir Canan nannten, weil sie der Landessprache mächtig all diese Gegensätze verknüpfte und die Gruppe integrierte. Diese Rolle hat sie auch heute noch. Oft war sie die erste. Zum Beispiel, als sie Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau wurde, die erste türkischstämmige Journalistin bei einer überregionalen Zeitung in Deutschland, später, als sie an der Polizei-Hochschule Dozentin war. Viele Landsleute folgten ihr auf ihrem Weg. Diversität ist längst ein identitätsstiftendes Thema in unserer vielgestaltigen Gesellschaft.

In ihrem Buch, das zurückgeht auf einen kontrovers diskutierten gleichnamigen Essay für die Süddeutsche Zeitung, gibt Topçu Privates preis, um deutlich zu machen, dass Zuwanderer ein Gewinn für diese Gesellschaft sind. Voraussetzung ist aber, dass deren Geschichte, deren Leistungen und deren Beitrag für unser aller Land auch anerkannt werden. Und dass sie nicht, wegen ihres Namens und ihrer Hautfarbe, weniger Chancen und Anerkennung haben. Selbst Menschen mit Migrationsgeschichte, die hier geboren wurden, werden bis heute von der Mehrheitsgesellschaft nicht als das anerkannt, was sie sind, nämlich Deutsche, wie Du und ich. Der Anschlag von Hanau vor zwei Jahren war ein weiterer Anlass für die Journalistin, sich öffentlich zu Wort zu melden. Nicht nur, weil sie nur ein paar hundert Meter entfernt wohnt, von den Tatorten, an deren damals neun Menschen von einem rassistisch verblendeten Mörder umgebracht wurden. Damals wunderte sie sich und ärgerte sich bei aller Betroffenheit auch, wie Trauer und Gedenken missbraucht wurden, wie von Erdogans Propaganda motivierte Aktivisten versuchten, die unfassbaren Taten politisch zu instrumentalisieren.

Minderheitenstatus ist keine Waffe

„Nicht mein Antirassismus“ ist kein Buch, das nur Deutsche auffordert, den Dialog zu suchen. Nein, genauso hart nimmt es all jene ran, die in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation versuchen, ihren Minderheitenstatus als Waffe gegen andere zu gebrauchen. Sie appelliert an ein Miteinander in Menschlichkeit und wendet sich gegen eine falsche Täter-Opfer-Spaltung, die aus hier Geborenen Rassisten und aus Migranten grundsätzlich Benachteiligte macht. Warum tut sie das? Weil eine solche Spaltung Konflikte provoziert und den Dialog erschwert.

Ihr geht es um Gelassenheit im Umgang miteinander. Auch etwas, das sich mit ihrer eigenen Geschichte erklären lässt. Ihre Erfahrung als Achtjährige im Turnunterricht, nicht mitmachen zu dürfen, und ihre Erinnerungen an die Nachbarin und „Kriegerwitwe“ Wilhelmine Naujoks, die mit ihr Hausaufgaben machte, ihr die fremde Sprache Deutsch näherbrachte und von der sie lernte „mit spitzer Zunge Eierlikör aus dem feinen Gläschen zu lecken“.

„Nicht mein Antirassismus“ ist ein herzliches Buch, nicht so verbissen, wie viele der Diskussionen dieser Tage. Es ist ein hoffnungsvolles Buch, weil es zeigt, wie man erfolgreich in Deutschland sein kann, ohne seine kulturellen Wurzeln zu verleugnen. Und es ist ein lesenswertes Buch, weil die Autorin einfach ein feiner Mensch ist, jemand, mit dem man über alles reden kann.

Ähnliche Artikel