Analyse

Impfung: Welche Patienten werden im Klinikum Leer benachteiligt?

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 30.01.2022 19:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Dr. Hans-Jürgen Wietoska, Ärztlicher Direktor des Klinikums Leer, macht sich um die Zufriedenheit von Privatpatienten verdient, indem er sie bei Corona-Impfungen bevorzugt. Patientinnen, die deshalb länger anstehen mussten, hat er damit verärgert. Foto: Ortgies
Dr. Hans-Jürgen Wietoska, Ärztlicher Direktor des Klinikums Leer, macht sich um die Zufriedenheit von Privatpatienten verdient, indem er sie bei Corona-Impfungen bevorzugt. Patientinnen, die deshalb länger anstehen mussten, hat er damit verärgert. Foto: Ortgies
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Bei Corona-Impfungen im Klinikum Leer wird ein Großteil der Patienten offenbar benachteiligt. Sie müssen länger in der Warteschlange stehen. Wen bevorzugt der Ärztliche Direktor Dr. Hans-Jürgen Wietoska?

Leer - Bei der Corona-Impfaktion am 9. Dezember im Klinikum Leer haben sich zwei Frauen aus Ostfriesland kennengelernt, wie sie erzählen – weil sie das Verhalten des Ärztlichen Klinikum-Direktors Dr. Hans-Jürgen Wietoska entsetzt hat und sie diesbezüglich miteinander ins Gespräch gekommen sind. Der Chef der Krankenhaus-Ärzte habe Personen, die er offensichtlich gekannt habe, aus der Warteschlange der Impfwilligen herausgeholt. Und die Registrierung der anderen Patienten unterbrochen, um die von ihm vorgezogenen Leute erfassen zu lassen. Das klingt nach einem Fall von Ungleichbehandlung und Vorteilsgewährung in einer Klinik, die dem Landkreis Leer gehört und damit der Gemeinschaft aller Kreis-Bürger.

Die beiden Frauen möchten nicht namentlich in der Zeitung genannt werden. Aber sie haben ihre Kritik keineswegs anonym vorgetragen. Sie haben ein Schreiben vorgelegt, dass sie per E-Mail an Wietoska, an Pflegedirektor Dr. Blerim Hetemi, an Geschäftsführer Holger Glienke und an die Ärztekammer gerichtet haben, wie sie weiter berichten.

Was soll bei einer Corona-Impfaktion im Klinikum Leer vorgefallen sein?

Es folgen Auszüge aus der Beschwerde: „Ein Paar war etwas weiter hinten in der Schlange. Nachdem Ihr Ärztlicher Direktor Herr Dr. Wietoska die beiden Personen sah, nahm er Kontakt auf. Die Frau des Pärchens sagte deutlich, dass sie zu früh wären und noch eine Weile warten müssten. Daraufhin nahm Herr Wietoska die Impfpässe und weitere Unterlagen und ging damit an der Warteschlange vorbei zur Anmeldung. Die Hilfe an der Anmeldung unterbrach dann die laufende Erfassung der wartenden Patienten und hat dann die Daten der beiden Personen aufgenommen. Danach konnte das Pärchen direkt in die Räume zum Impfen.“

Eine von ihnen habe sich daher beschwert, schreiben die Frauen. Daraufhin habe sich die Patientin entschuldigt, die mit ihrem Begleiter vorgezogen worden sei. „Herr Wietoska hat das nur belächelt“, sagt diejenige der zwei Frauen, die sich bis dahin noch nicht beschwert hatte. In dem Brief werfen sie dem Ärzte-Chef vor: „Hier ging es ganz klar um Bevorzugung von ihm bekannten Personen.“

Eine der beiden Frauen berichtet auch von der Wartezeit vor den Impfräumen. Da habe „Herr Wietoska ein weiteres Mal eine Person vorgezogen“. Dabei habe er sie als die Frau erkannt, die sich zuvor beschwert hatte. Der vorgezogenen Person habe er dann den Platz hinter ihr angeboten. Zu ihr, also der Beschwerdeführerin, habe der Ärztliche Direktor gesagt, sie komme schon noch rechtzeitig dran. „Dies empfand ich als eine weitere Unverschämtheit“, schreibt die Frau in der Mail ans Klinikum. „Anscheinend hat Herr Wietoska nicht im mindesten eine Sozialkompetenz und Unrechtsempfinden!“

Was antwortete das Klinikum auf die Beschwerde der zwei Patientinnen?

Die Antwort des Klinikums an eine der beiden Frauen, die unserer Redaktion vorliegt, ist von der Assistentin der Geschäftsführung unterzeichnet: Das Schreiben sei „im Auftrag von unserem Geschäftsführer, Herrn Glienke“, verschickt worden. „Dieser hat den Vorfall ausführlich mit dem Ärztlichen Direktor, Herrn Dr. Wietoska, erörtert. Selbstverständlich gehört es nicht zum normalen Vorgehen, Personen bevorzugt zu versorgen. Wir haben Ihren Unmut sehr ernst genommen und möchten uns aufrichtig bei Ihnen entschuldigen – im Namen der Geschäftsleitung und insbesondere im Namen von Herrn Dr. Wietoska.“

Wenn der ärztliche Leiter eines Krankenhauses vor den Augen der Öffentlichkeit ihm bekannte Personen bevorzugt, dann wirft das Fragen auf. Zum Beispiel diese: Welche Vorteile gewährt er womöglich Bekannten, wenn es keine Zeugen gibt? Wer kommt beispielsweise bei Operationen, die im Extremfall überlebenswichtig sein können, wie schnell dran?

Wie hat das Klinikum hingegen die Presse-Anfrage beantwortet?

Unsere Zeitung hat folgende Fragen an das Klinikum gerichtet: „Trifft es zu, dass man bei einer Impfaktion im Klinikum Leer früher drankommen kann, wenn man Herrn Dr. Wietoska kennt? Falls ja: Warum werden Bekannte von einer Führungskraft des Klinikums Leer bevorzugt behandelt – auf welcher Grundlage geschieht das? Sorgt Herr Dr. Wietoska auch in anderen Arbeitsbereichen des Klinikums für eine bevorzugte Behandlung von Personen, die ihm bekannt oder gut bekannt sind? Umgekehrt gefragt: Kann das die Geschäftsführung ausschließen und falls ja, inwiefern kann die Geschäftsführung dies ausschließen? Gibt es weitere Führungskräfte des Klinikums Leer, die Bekannten von sich eine bevorzugte Behandlung zuteilwerden lassen – und gegebenenfalls inwiefern? Welche Kontrollmechanismen und Präventionsmaßnahmen gibt es im Klinikum Leer, um Vorteilsgewährungen und Vorteilsnahmen zu verhindern und auch darüber hinaus Regeltreue (Compliance) zu gewährleisten?“

Die Antwort des Klinikums fällt relativ kurz aus. Ihr vollständiger Inhalt: „Im Dezember sind bei uns im Haus turnusmäßig Mitarbeiter/innen, aber auch klinikfremde Personen, im Rahmen einer Terminvergabe geimpft worden. Herr Dr. Wietoska, der nicht in diesen normalen Impfablauf eingebunden war, hat zusätzlich persönlich Impfungen durchgeführt, die somit unabhängig vom Impfgeschehen stattgefunden haben.“

Das klingt anders als das, was im Namen des Geschäftsführers an eine der Beschwerdeführerinnen geschrieben wurde. Daraus resultierend stellt sich die Frage: Wie „aufrichtig“ war die Entschuldigung gegenüber der Frau?

Unsere Zeitung hat die beiden Patientinnen damit konfrontiert, dass der Ärztliche Direktor an jenem Tag eine eigene Impfaktion realisiert haben soll. Die Reaktion der einen fiel empört aus, die andere musste erstmal lachen. Unabhängig voneinander sagten sie: Dr. Wietoska habe die vorgezogenen Leute (sie berichteten von insgesamt vier Personen) in dieselben zwei Räume zum Impfen gebracht, in denen alle Patienten gespritzt worden seien – von Klinik-Personal. Das Paar, das er zuerst vorgezogen habe, sei von ihm geduzt worden, merkt eine der beiden Frauen an.

Wie hat das Klinikum auf die Nachfragen unserer Zeitung reagiert?

Bereits am Mittwoch vergangener Woche hat unsere Zeitung das Klinikum an die unbeantworteten Fragen aus der ersten Anfrage erinnert. Und Nachfragen gestellt – für den Fall, dass das Klinikum bei seiner Darstellung aus der ersten Antwort bleibe: „Auf welcher Grundlage betreibt Herr Dr. Wietoska eigene Impfaktionen im Klinikum Leer, die von der Impfkampagne des Klinikums getrennt stattfinden? Welcher Personenkreis wurde und wird bei Impfaktionen von Dr. Wietoska im Klinikum geimpft? Wie viele Personen wurden von Dr. Wietoska bisher bei seinen persönlichen Impfaktionen im Klinikum Leer geimpft? Wie viele solcher separaten Impfaktionen hat Dr. Wietoska bisher im Klinikum angeboten? Wie können sich Impfwillige zu den Impfaktionen von Dr. Wietoska im Klinikum anmelden? Wie viele Impfdosen hat das Klinikum bisher für Impfaktionen von Dr. Wietoska bereitgestellt? Wie viele Impfdosen stellt das Klinikum Leer künftig für Impfaktionen von Dr. Wietoska bereit?“

Die Nachfrage hat das Klinikum ignoriert, eine erste Erinnerung auch. Die Antwort vom Freitag, die auf die zweite Erinnerung kam, folgt wiederum vollständig: „Aus unserer Sicht wurde der entsprechende Vorfall in unserer Antwort vom 19. Januar erläutert.“ Es folgte noch eine zweite Mail, deren Inhalt erneut vollständig zitiert wird: „Ergänzend zu Ihrer Anfrage möchten wir klarstellen, dass es sich bei den betreffenden Patienten um Privatpatienten handelte, die Herr Dr. Wietoska im Rahmen des ihm möglichen Zeitkontingentes persönlich behandelt hat. Alle angemeldeten anderen Patienten sind in dem vorgegebenen Zeitrahmen geimpft worden.“

Um was wird es im nächsten Bericht zu diesem Thema gehen?

Was haben Corona-Impfungen mit dem Versichertenstatus zu tun – und das in einem Krankenhaus, das nicht die Privatklinik des Dr. Wietoska ist, sondern der Bürgerschaft gehört? Unter anderem diese Frage hat unsere Zeitung – sinngemäß – am Freitagabend an das niedersächsische Gesundheitsministerium und an das Bundesgesundheitsministerium gerichtet. Über die Antworten werden wir in Kürze berichten.

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