Invasive Arten
Nutria-Bestand auf Rekordhoch – Gefahren für Ostfriesland
Nie wurden in Deutschland so viele Nutrias erlegt wie im vergangenen Jahr. In Ostfriesland ist die invasive Art ein Problem für die Landwirtschaft – und für den Hochwasserschutz.
Krummhörn/Ostfriesland - Erstmals wurden in einer Jagdsaison in Deutschland mehr als 100.000 Nutrias von Jägern erlegt. Das geht aus einer Meldung der Deutschen Presseagentur hervor. Mehr als 70 Prozent wurden in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen getötet, die Bereiche um Ems und Weser gehören zu den besonders von der invasiven Art betroffenen Gegenden.
Nutrias, die ähnlich wie Biber aussehen, stammen aus Südamerika und wurden laut dem Deutschen Jagdverband (DJV) ab 1880 in Deutschland wegen ihres Fleisches und ihres Fells in Farmen gehalten. Entkommene Tiere gründeten eigene Populationen und besiedeln seitdem Flüsse, Seen und Teiche. Und genau wegen ihrer Vorliebe für feuchte Gegenden stellen sie in Ostfriesland eine Bedrohung dar, denn auch Deiche und andere Hochwasserschutzanlagen sind vor ihnen nicht geschützt.
Nutria ein Problem für Entwässerungsverband
Wie eine Nachfrage zeigt, beobachtet die Deichacht Krummhörn die Nutrias bislang nur. „Ein wirkliches Problem sind sie für uns nicht“, so Deichacht-Geschäftsführer Frank Rosenberg auf Nachfrage unserer Zeitung. Das liege aber auch daran, dass man „das Thema frühzeitig erkannt hat und schnell die Bekämpfung aufgenommen hat“.
Etwas anders ist die Lage ein paar Türen weiter beim Entwässerungsverband Emden, der im gleichen Gebäude in Pewsum sitzt wie die Deichacht. „Da sie größere Höhlen im Bereich von Gewässern anlegen, unterhöhlen sie Böschungen, Dämme und Deiche“, bringt Verbandsingenieur Jan van Dyk das Problem auf den Punkt. Dies sorge für Böschungsabrisse „und somit für Bodenmaterial in Gewässern, welches den Wasserabfluss behindert“. Beim umfangreichen, aber auch fein abgestimmten Entwässerungssystem für das ostfriesische Binnenland sind solche Störungen natürlich nicht wünschenswert.
Im schlimmsten Fall: Überschwemmungen
Aber es gebe auch andere Probleme: Unterhöhlte Bereiche seien schon unter landwirtschaftlichem Gerät zusammengebrochen, auch Straßen könnten unterhöhlt werden, so van Dyk. „Insbesondere im hiesigen Raum befinden sich häufig beidseitig der Straßenkörper Entwässerungsgräben und somit ein großer möglicher Lebensraum. Aber auch Dämme von Unterschöpfwerksgebieten können durchgraben werden und für Wasserzufluss und Überschwemmungen in Niederungsgebieten sorgen, die sonst durch Pumptechnik trocken gehalten werden“, so der Verbandsingenieur weiter. Der beschriebene Bereich umfasse rund 10.000 Hektar, „in denen zum Teil Wohnbebauung, landwirtschaftliche Hofstellen und Nutzflächen, Gewerbe und touristische Anlagen oder Energieerzeugungsanlagen sich befinden mit entsprechender Infrastruktur“.
Hier liege somit ein hohes Schadenspotential vor. „Man bedenke auch den Ems-Jade-Kanal, dessen Wasserstand rund 2,5 Meter höher ist, wie der des Ersten Entwässerungsverbandes Emden. Entsprechende Nutriagänge mit Wasseraustritt des Kanals in das Umland hätten weitreichende Folgen“, so van Dyk.
Mehr als 40.000 in Niedersachsen erlegt
Aus diesen und anderen Gründen werden Nutrias seit rund zwölf Jahren in Niedersachsen bejagt. Wie dem Jahresbericht der Landwirtschaftskammer für das Jagdjahr 2020/21 zu entnehmen ist, schien sich die jährliche Jagdstrecke zunächst auf 4000 bis 5000 Nutrias einzupendeln. Aber dann kam es zu einem sprunghaften Anstieg der Population und damit auch einem sprunghaften Anstieg der Jagdstrecke im Jahr 2015/16 auf 10.387 Nutrias. Daraufhin wurde eine interministerielle Arbeitsgruppe zur Bekämpfung der invasiven Art gegründet.
Zum Ende des Jagdjahres 2020/21 wurden 5052 Nutrias gefangen, deutlich mehr als bei den „gebietsfremden“ Waschbären (268 Stück) und Marderhunden (einer), so die Landwirtschaftskammer. In dieser Aufstellung enthalten sind aber nicht alle bejagten Nutrias. Laut Landesjagdbericht lag die Zahl der erlegten Nutria im abgelaufenen Jagdjahr bei 43.961 Stück. In Ostfriesland und dem Landkreis Emsland zählt der Jagdbericht inklusive Fallwild 10.395 Stück Nutria, fast 8300 allein im Emsland.
Die Bejagung erfolgt aber nicht nur wegen der beschriebenen Gefahren. Nutrias richten auch hohe Fressschäden in der Landwirtschaft an. Hegeringe, Landwirtschaftskammer, Unterhaltungsverbände und Kommunen arbeiten daher bei der Bekämpfung der Nutrias eng zusammen. Manche Unterhaltungsverbände haben sogar eine Fangprämie auf Nutrias ausgelobt.
Nutrias überall im Verbandsgebiet
Doch gebannt sei die Gefahr damit nicht. Nach den ersten Meldungen von Nutrias im Verbandsgebiet des Entwässerungsverbandes würden die Meldungen weiterhin zunehmen. „Und das aus dem gesamten Verbandsgebiet von der Knock, Twixlum, Uphusen, Suurhusen, Hieve, Grimersum, Visquard, Großes Meer, Forlitz-Blaukirchen bis Osteel oder Hauen“, so van Dyk. Da Nutria frostempfindlich sind, sei es Anfang 2021 zunächst etwas ruhiger geworden. „Inzwischen kommen wieder vermehrt Vorkommensinfos bei uns an. Zuletzt aus Upleward“, so van Dyk. Ein Bereich ohne Nutrias im Verbandsgebiet sei nicht zu erkennen.
Das deckt sich mit den gemeldeten Deutschlandzahlen. Der Deutsche Jagdverband sieht die Ausbreitung der invasiven Art mit Sorge. Die mit 101.108 erlegten Nutrias angegebene Jagdstrecke für das vergangene Jagdjahr ist ein Rekord – laut dem Verband waren es 57 Mal mehr Tiere als noch vor 20 Jahren. Die Jagdstrecke sei ein Anzeichen dafür, dass sich das ursprünglich aus Südamerika stammende Nagetier in den vergangenen Jahren stark vermehrt habe, sagte DJV-Sprecher Torsten Reinwald gegenüber der Deutschen Presseagentur. Als Gründe führen die Jäger mildere Winter durch den Klimawandel und Fütterungen der Tiere an.
Bei anderen invasiven Arten wie dem Waschbär und dem Marderhund ging die Jagdstrecke zum Vorjahreszeitraum zwar geringfügig zurück, über die Jahre sei aber auch bei diesen ein klarer Anstieg zu erkennen. Die Zahlen stagnierten nun auf hohem Niveau, so Reinwald.