Münster
Afrika und die dunkle Kehrseite der westlichen Avantgarde
Hätte es die Kunst der Moderne ohne den Kolonialismus gegeben? Münsters Picasso-Museum zeigt jetzt, wie viel Kunstheroen wie Pablo Picasso der Kunst aus Afrika verdankten. Ein spannender Beitrag zur Debatte um Kunst und Kolonialismus.
Der zur Seite gelegte Frauenkopf, die aufrechtstehende afrikanische Maske: Man Rays Foto „Noir et Blanche“ von 1926 ist eine Ikone der Moderne. Der Künstler inszeniert den Kontrast zwischen Schwarz und Weiß, Afrika und Europa – und mit Kiki de Montparnasse, Modell, Muse, Sängerin, einen auch heute noch wirkenden erotischen Reiz. Die schwarze Maske erscheint als die verborgene andere Seite der westlichen Kultur. Rund 80 Jahre später antwortet der Afroamerikaner John Edmonds mit einer Fotoserie auf Man Ray. Wieder sehen wir einen Frauenkopf und eine Maske. Auf dem Bild von 2018 hält die Frau ihren Kopf aber aufrecht und schaut den Betrachter fragend an. Ein fragender Blick, den Afrika heute den Europäern sendet, den ehemaligen Kolonisatoren?
„Schwarze Moderne“: Unter diesem programmatischen Titel erzählt das Picasso-Museum in Münster eine komplexe Geschichte, die von Kunst und ästhetischer Faszination erzählt und die zugleich ohne ihre finstere Kehrseite von Kolonialismus, von Gewalt und Raub nicht zu haben ist. Es wäre ein Leichtes gewesen, gerade in einem Picasso-Museum diese Geschichte auf eine bequeme Einbahnstraße zu reduzieren und mit Pablo Picasso noch einmal auf Afrikas Kultur zu schauen. Entwickelte nicht der Jahrhundertkünstler seinen Kubismus wesentlich aus seiner Faszination für die kantigen und reduzierten Formen afrikanischer Masken? Kurator Alexander Gaude aber hat die Optik umgedreht und Afrikas Künstler und ihren Blick auf die europäische Moderne mit ins Spiel gebracht.
Damit hat er die Schau auf die Höhe der aktuellen Debatte um Kolonialismus und Kultur gehoben. Die kolonialen Raubzüge haben Afrikas Kulturgedächtnis nach Europa transferiert. Das ist die Anklage der an Technischen Universität Berlin lehrende Bénédicte Savoy, die für eine systematische Rückgabe afrikanischer Objekte eintritt. Savoy berät nicht nur den französischen Präsidenten Emmanuel Macron in dieser Thematik, sie war auch Mitglied im Expertenbeirat des Berliner Humboldt-Forums, den sie 2017 verließ – wegen fachlicher Differenzen, wie es hieß. Was Savoy fordert, setzt derzeit Barbara Plankensteiner für die berühmten Benin-Bronzen in dem von ihr geleiteten Hamburger Museum am Rothenbaum, Museum für Kulturen und Künste der Welt um. Sie bereitet eine Eigentumsübertragung an den Bronzen vor, die Hamburgs Senat noch in diesem Jahr beschließen will.
Die aktuelle Debatte um die Rückgabe afrikanischer Kunst hat auch den Blick auf die Kunst der klassischen Moderne und damit auf Vorzeigestücke europäischer Kultur gedreht. Ob Picasso, Matisse die Expressionisten der Brücke wie Ernst Ludwig Kirchner – ihre bahnbrechenden Werke verdankten sich dem Kontakt mit afrikanischer Kunst, die damals in den gerade gegründeten Völkerkunde-Museen gezeigt wurden. Picasso etwa war eifriger Besucher des Museums am Pariser Trocadéro. Sein Gemälde „Drei Frauen unter dem Baum“ von 1907 belegt genau, wie afrikanische Masken Impulse lieferten für eine der großen Kunstrevolutionen der Moderne. Das Gemälde aus dem Pariser Picasso-Museum ist nun in Münster zu sehen – im Kontext einer Schau, die afrikanische Kultobjekte, vor allem aus der Sammlung Jean Pigozzi, und europäische Kunstwerke nicht nur konfrontiert, sondern regelrecht miteinander verflechtet. Das Programm der Schau wird für den Besucher so zur Praxis: Ständig wechselt er die Blickrichtung, schaut von der europäischen Moderne nach Afrika – und zurück.
Kurator Alexander Gaude bietet mit Kunst von Picasso, Henri Matisse, Man Ray, Hannah Höch oder Fernand Léger eine achtbare Phalanx berühmter Namen auf. Chéri Samba, Maitre Sims oder Goncalo Mabunba sind ihre Pendants in der Ausstellung, in der allgemeinen Wahrnehmung aber viel weniger bekannt. Der Grund: Sie sind weiter auf das westliche Kunstsystem angewiesen, wenn sie als Künstler reüssieren wollen. Chéri Samba hat dieses Dilemma in großen Bildern auf den Punkt gebracht. „Welche Zukunft hat unsere Kunst?“, fragt er und zeigt sich selbst an der Seite Picassos, afrikanische Künstler vor dem Pariser Centre Pompidou, das ihre Werke nicht ausstellt. Auch viele Jahrzehnte nach dem Ende des Kolonialismus gibt es ihn noch immer nicht – den kulturellen Dialog auf Augenhöhe.
Münster, Kunstmuseum Pablo Picasso: Schwarze Moderne. Afrika und die Avantgarde. 29. Januar bis 1. Mai 2022. Di.-So., 10-18 Uhr.