Osnabrück.
Dmitry Smirnov: Osnabrücks erster „Artist in Residence“
.Beim nächsten Sinfoniekonzert stellt sich Geiger Dmitry Smirnov dem Osnabrücker Publikum vor. Er spielt dann das Violinkonzert von Frank Martin - das zu Unrecht ein Schattendasein führt.
Dmitry Smirnov ist ein Energiebündel. Um einen musikalischen Gedankengang zu illustrieren, steht er auf und geht an den Flügel im Büro von Generalmusikdirektor Andreas Hotz, klappt ihn auf, spielt ein paar Takte aus einem Werk des russischen Komponisten Modest Mussorgsky. Spricht dann weiter über die Besonderheiten der russischen Sprache und wie die in die Musik russischer Komponisten hineinwirken. Und gibt es da nicht auch Verbindungen zum Violinkonzert von Frank Martin mit seinen metrischen Verschiebungen?
Mit diesem Violinkonzert stellt sich Smirnov am Montag im Sinfoniekonzert als Gewinner des Osnabrücker Musikpreises vor. Überzeugt hatte die Jury beim ARD-Wettbewerb in München – dort ermitteln die Juroren des Musikpreises ja immer den Gewinner – seine Interpretation eben jenes Violinkonzerts des Schweizer Komponisten im Finale. Ein Werk, zu dem der 27-jährige russische Geiger ein ganz besonderes Verhältnis hat.
„Ich hätte in München die Wahl gehabt zwischen dem Violinkonzert von Paul Hindemith und dem von Martin“, sagt Smirnov nach der ersten gemeinsamen Probe mit dem Osnabrücker Symphonieorchester und Dirigent Daniel Inbal. Für das Martin-Konzert hat er sich entschieden, weil er ein Faible für Stücke jenseits des gängigen Konzertrepertoires pflegt, einfach, weil sich da großartige, aber halt unentdeckt gebliebene Schätze finden.
Zu Frank Martins Violinkonzert hat er durch einen ausgewiesenen Experten gefunden: „Ich habe einen Meisterkurs bei Hansheinz Schneeberger gemacht“, sagt Smirnov, einen Monat vor Schneebergers Tod im Oktober 2019. Nach dem Tod des Geigers und Pädagogen war Smirnov Teil einer Gruppe von Musikern und Komponisten wie Heinz Holliger und Jean-Jacques Dünki, die Schneebergers Nachlass sichteten und darunter ein handschriftliches Manuskript mit dem Martin-Violinkonzert in einer Studienfassung für vierhändiges Klavier und Sologeige gefunden haben. Das ist kein Zufall: Schneeberger hatte das Konzert 1952 uraufgeführt. Dünki sagte zu Smirnov, „nimm das!“, und das begriff der junge Geiger als Auftrag: „Es war der Hinweis, dass ich das Werk spielen musste.“
Offenbar hat Smirnov die Musik gut verinnerlicht: Beim ARD-Wettbewerb hat er sich damit einen zweiten Preis erspielt – und den Osnabrücker Musikpreis, für den er außerordentlich dankbar ist. Für die Preisverleihung selbst muss er sich allerdings gedulden: Sie wurde Corona-bedingt verschoben. Möglich wird das, weil Smirnov der erste Musikpreisträger ist, der nicht nur sein Preisgeld - immerhin 7500 Euro - einstreicht, sondern in Osnabrück ein „Artist in Residence“ wird: Im April spielt er ein zweites Mal mit dem Osnabrücker Symphonieorchester; dann steht ein Violinkonzert von Joseph Haydn auf dem Programm. Außerdem besuchter dann Schulklassen und spielt beim Festival Classic con brio Kammermusik.
Dabei ist Smirnov gut beschäftigt: Bis Montag fährt er ein paar Mal zwischen Osnabrück und seinem Wohnort Basel hin und her, weil er dort am Sonntag im Konzert Antonín Dvoráks Violinkonzert spielt. Allerdings gibt es auch einen privaten Aspekt bei der ganzen Hin- und Her-Fahrerei: Smirnov lebt in Basel mit der Frau zusammen, die er letzten Monat geheiratet hat.
Die Zeit im Zug sieht er zudem nicht als verloren an: Er nutzt sie zum Partiturstudium, denn er will durchdringen, was er spielt, tief eintauchen in die Musik. Oder er liest: Die Doppelbiografie „Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnany – Keine gewöhnlichen Männer“ von Elisabeth Sifton und Fritz Stern hat er in seinem Rucksack, denn Smirnov ist nicht nur leidenschaftlicher Musiker, sondern begeistert sich auch für Geschichte. Und sollte ihm der Zufall ein leeres Zugabteil bescheren, holt er auch mal seine Geige heraus und übt. Der Mann brennt für die Musik.
Und wie ist es nun mit dem freien Metrum in Martins Violinkonzert und den Verbindungen zu russischen Sprache? Vielleicht ist die Assoziation etwas weit hergeholt. Aber fest steht: Frank Martin geht frei mit seinen musikalischen Einfällen, mit Rhythmus, Melodie und Harmonie um. Vor allem aber schreibt er intensive, leidenschaftliche Musik, Musik, die die Menschen bewegt.