Serie Watt‘n Meer
Die Ems sucht neues Gleichgewicht
Der Masterplan bringt typische Lebensräume zurück an die Unterems. Andere Regionen sind beim Schutz des Flusses schon viel weiter, stehen aber auch vor geringeren Problemen.
Steinfurt/Emden - „Es ist schon ein wenig erschreckend, wenn man am Ufer der Ems steht und das Wasser des Flusses drei Meter unter dem Geländeniveau liegt“, sagt Maike Wilhelm von der biologischen Station im Kreis Steinfurt. Von der Station in Tecklenburg nahe Münster ist es nicht weit bis zu dem Fluss, der etwa 230 Kilometer weiter nördlich bei Emden in die Nordsee mündet. Hier ist die Ems noch relativ jung, im Vergleich zur trägen Unterems fast noch ein Flüsschen. Aber auch hier machen sich die Veränderungen am Gewässer bemerkbar. Der Fluss wurde in diesem Bereich ebenfalls begradigt. Das heißt: Natürliche Flussschleifen wurden abgetrennt. 70 Kilometer fehlen der Ems auf der gesamten Länge gegenüber dem ursprünglichen Lauf, schätzt man in Steinfurt. Zwischen Herbrum und Emden sind es 5,56 Kilometer.
Die Serie: Watt’n Meer
Ostfriesland ist ohne die Nordsee und das Wattenmeer nicht zu denken. Das Meer mit seinem Küstenbereich prägt die Region: landschaftlich als Naturgebiet, wirtschaftlich als Urlaubsregion, Seeweg und Arbeitsplatz, kulturell als Sehnsuchtsort und Kulisse für Geschichten. In dieser Serie werfen wir einen Blick über den Deich und schauen uns den einzigartigen, erdgeschichtlich noch jungen, sich ständig verändernden Lebensraum und seine Bedeutung für Ostfriesland an.
Nächste Folge: In der nächsten Folge geht es noch einmal um die Ems: Thema ist der Masterplan Ems 2050 und wie er den Fluss wiederbeleben soll.
Kontakt: Haben Sie Fragen oder Anregungen zum Thema? Nicole Böning nimmt sie entgegen und ist erreichbar unter: 04941/6077-519 E-Mail: n.boening@zgo.de
Übrig geblieben sind 371 Kilometer von der Quelle bis zur Mündung. Seitdem frisst sich das dadurch beschleunigte Gewässer ins Gelände. Dadurch ist wie an der Unterems zu viel Sediment im Wasser gelöst. „In der letzten Zeit wurde einiges unternommen, um der Ems ihr natürliches Bett wiederzugeben“, berichtet Maike Wilhelm. In ihrer vorher sorgenvollen Stimme ist die Zuversicht zu hören, als sie erzählt, dass ehemalige Flussschleifen wieder angebunden und Überflutungsflächen geschaffen wurden. „Die nächste Maßnahme steht bereits in den Startlöchern“, so Wilhelm. Das hilft nicht nur dem Fluss selbst, sein Gleichgewicht wiederzufinden, sondern schützt auch die Anwohner vor Hochwasser.
Ökologie und Hochwasserschutz
Fast 200 Flusskilometer weiter im Norden machen sich die Menschen ebenfalls Sorgen um die Ems. Auch hier hat man ein Rettungspaket für das Gewässer geschnürt. Masterplan Ems 2050 heißt es. Die Zahl 2050 zu nennen ist Thorsten Kuchta wichtig. „Man vergisst gerne, dass der Plan auf lange Sicht angelegt ist und sich nicht so schnell umsetzen lässt“, sagt der Sprecher des Großprojekts. Er sitzt mit Heinrich Pegel, Claus Hinz und Felix Närmann im großen Besprechungsraum der Naturschutzstation Ems. Sie alle arbeiten beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) daran, dass es der Ems auch im tidebeeinflussten Bereich einmal besser gehen wird. Denn hier steht es um dem Fluss ökologisch gesehen schlechter als um jeden anderen deutschen Fluss im Tidebereich. Zwischen dem Emssperrwerk und dem Wehr Herbrum ist im Sommer Sauerstoff Mangelware – Fische leben hier dann auch nicht mehr.
Regelmäßig berichtet deshalb die Presse über die Fortschritte des Masterplans Ems 2050. Momentan warten alle sehnsüchtig auf neue Informationen zur Tidesteuerung. Denn die soll Lösungen für ein Problem liefern, das in der küstennahen Ems noch viel größer ist als im Münsterland: die Verschlickung. Der Schlick lagert sich überall ab und selbst im Wasser ist eine unglaubliche Menge unterwegs. Untersuchungen des NLWKN haben ergeben, dass die Schwebstoffkonzentration der Ems 100- bis 1000-fach über der von Elbe und Weser liegt. Kein Wunder also, dass der Fluss an einen flüssigen Schokopudding erinnert. „Das Problem ist, dass sich durch die Begradigung und Vertiefung der Ems das Gleichgewicht von Ebbe und Flut verschoben hat“, so Kuchta. Die Flut läuft in nicht einmal vier Stunden ins Land bis zum Wehr in Herbrum auf. „Der Ebbstrom lässt sich mindestens doppelt so viel Zeit.“ Jede Menge Zeit also für den Schlick, sich im Fluss abzulagern. Kuchta: „Der Transport von Schlick läuft wie auf einem Förderband.“ Eine endgültige Lösung dafür gibt es noch nicht, aber man arbeitet dran.
Der Hindernisse ist der Verkehr
Auch ökologisch soll sich bis 2050 an der Ems einiges tun. So einfach wie an der Oberems lässt sich an der Unterems allerdings nichts ändern. Es gibt ein Hindernis: den Schiffsverkehr. Etwa 70 Schiffe mit einer Länge von mindestens 40 Metern steuern täglich Ems und Dollart an. An ihnen hängen Arbeitsplätze. Deshalb stellt der Masterplan folgende Bedingung: Die ökologischen Maßnahmen dürfen die Nutzung der Ems als Wasserstraße nicht beeinträchtigen.
Trotzdem soll sich etwas tun. 500 Hektar an typischen Lebensräumen sollen entstehen. Die ersten Maßnahmen sind bereits geplant. Claus Hinz bereitet den diesjährigen Baustart beim Tidepolder Coldemüntje vor. Hier lagert sich zwar zukünftig kein Emsschlick ab, aber die Flächen des Polders werden so gestaltet, dass sich unter dem Einfluss der Tide naturnahe Lebensräume entwickeln können. „Davon gibt es nur noch wenige an der Ems“, so Hinz. Coldemüntje ist der ökologische Startschuss des ambitionierten Projektes – die ersten 36 Hektar. 9,5 Millionen Euro kostet die Maßnahme, in der eine vor 100 Jahren abgehängte Emsschleife wieder für die Tide geöffnet wird.
In drei Jahren sollen sich wieder Röhricht und Auwald ansiedeln. Weitere Planungen laufen für einen 20 Hektar großen Polder südlich von Weener bei Stapelmoor. Hier wurde in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eine Flussschleife abgetrennt. Auch der Ledapolder südlich von Leer kommt für den Masterplan infrage. Hier wären es insgesamt 135 Hektar für den Naturschutz. Wenn das klappt, sieht es gut aus mit dem Ziel, 152 Hektar für typische Lebensräume bis zum Jahr 2025 zur bereitzustellen. Aber die Zeit drängt und die Planungszeiten sind lang. Ob sich die Ems dadurch erholt, wird sich zeigen.
Jeder Hektar ist ein Gewinn
Masterplan Beatrice Claus kämpft beim WWF seit 1996 für die Ems – Auf Flächen für den Naturschutz hat sie lange gewartet. Beatrice Claus kennt die Ems seit 1996. Zwei Jahre nach der letzten Ems-Vertiefung hat die Mitarbeiterin des WWF in Hamburg begonnen, sich für den Fluss einzusetzen. Vor allem für den Bereich, in dem die Ems zweimal täglich von Ebbe und Flut beeinflusst wird. „Es ist ein einmaliger Lebensraum. Damals gehörte die Ems auch in diesem Bereich noch zu den fischreichsten Flüssen“, erinnert sich die Referentin für Wattenmeer- und Ästuarschutz: „Die letzte Emsvertiefung hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Innerhalb von nur sieben Jahren ist die Gewässergüte um drei Güteklassen gesunken.“
Vertiefungen hat die Ems viele hinter sich. Angefangen im Jahr 1983 auf zunächst 5,30 Meter bis sie am Ende im Jahr 1994 in mehreren Schritten bei schließlich 7,30 Meter landete. Laut Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Ems-Nordsee würde die natürliche Wassertiefe der Ems bei Hochwasser bei etwa vier Metern liegen. „Wobei einzelne Fehlstellen auch niedriger sein können“, so Amtsleiter Hermann Poppen.
Um jetzt die 7,30 Meter zu halten muss stetig gebaggert werden. Die Hauptbaggerstrecke liegt zwischen Weener und Papenburg. Die weiteren Baggerstellen, zum Beispiel hinter Jemgum, laufen unter dem Begriff Einzeluntiefen. Was diese Eingriffe mit dem Fluss gemacht haben nennt Beatrice Claus „ein Beispiel für ein gekipptes Flusssystem.“ In den Sommermonaten sei kaum noch Leben zwischen dem Wehr bei Herbrum und dem Emssperrwerk bei Emden.
Wenn es im Sommer warm ist, wird das organische Material im Wasser abgebaut und der Sauerstoff knapp. „Eine Schicht aus Flüssigschlick verschiebt sich in diesen Bereich, wenn im Sommer der Wasserstand niedrig ist“, erklärt Claus: „Unter dieser Schicht ist kein Leben mehr möglich.“ Was sie erschreckt hat: Eine Messung aus dem Jahr 2016 bei Weener hat ergeben, dass von sechs Metern Wassertiefe allein vier Meter von der Schicht an Flüssigschlick eingenommen wurden. „Wir gehen davon aus, dass sich die Situation jedes Jahr verschlimmert“, so Claus.
Nicht nur das hat sich über die Jahre verändert, auch der Tidehub – also die Differenz zwischen Ebbe und Flut. „Vor den Vertiefungen lag sie bei einem Meter, inzwischen sind es 2,80 Meter.“ Für den Naturschutz nennt sie den Masterplan Ems 2050 vor diesem Hintergrund einen guten Kompromiss. „Man muss bedenken, dass wir auf dem Klageweg überhaupt nichts erreicht haben. Jetzt stehen sich der Naturschutz und die wirtschaftliche Nutzung wenigsten gleichwertig gegenüber. Außerdem wird mit dem Masterplan Geld dafür bereitgestellt, dass endlich etwas passiert.“
Als Vertreterin des WWF begleitet Beatrice Claus den Fortschritt des Masterplans aktiv in den Arbeitsgruppen und im Lenkungskreis. Dass jetzt wieder ästuartypische Lebensräume geschaffen werden können, hat sie sehnsüchtig erwartet. „Solche Lebensräume sind europaweit vom Aussterben bedroht. Auch an der Ems gibt es nur noch kleine Restbestände, denen es immer schlechter geht“, so Claus. Jetzt setzt sie auf die neuen Polderflächen: Denn aus den Restbeständen können sich die Pflanzen und Tiere diese Lebensräume erobern. Claus: „Jeder Hektar ist ein Gewinn.“
Ein gekipptes Flussystem
Auf Augenhöhe mit der Schifffahrt
Glossar
Ästuar: Ästuare sind die Mündungen großer Flüsse ins Meer. Sie sind der von Ebbe und Flut beeinflusste Übergang vom Süßwasser ins Salzwasser. In Deutschland gibt es das Eider-, Elbe-, Weser- und Emsästuar. Der Tidebereich der Ems ist bei Herbrum durch ein Wehr begrenzt und endet hier nach 100 Kilometern. Durch Ebbe und Flut wechseln zweimal täglich der Salzgehalt und die Wasserstände. So entstehen Lebensräume wie Süß- und Brackwasserwatten, Tideröhrichte und Tideauwälder. An der Unterems fehlen sie weitgehend oder sind bedroht.
Emsschlick: Die Ems wurde stark begradigt und vertieft. Dadurch hat sich das Verhältnis von Ebbe und Flut verändert. Die Folge: Die Ems ist viel stärker mit Schlick belastet als andere Flüsse. Er setzt sich im Flussbett und in den Seitenbereichen ab, zusätzlich gibt es einen sehr hohen Anteil von gelöstem Schlick im Flusswasser. Messungen haben ergeben, dass die Schwebstoffkonzentration der Ems 100- bis 1000-fach über der in Elbe und Weser liegt.
Flussbegradigung: Viele Flüsse wurden für den Schiffsverkehr optimiert. Schleifen (Mäander) wurden abgetrennt oder durchstochen, damit die Wasserstraßen möglichst gerade verlaufen. So fließt das Wasser schneller ab, ohne in den Kurven gebremst zu werden. Werden zusätzlich die Überschwemmungsbereiche durch Deiche abgetrennt und Flachwasserbereiche durch Vertiefung beseitigt, hat die große Masse an schnell fließendem Wasser keinen Rückhalt mehr und kann wie die Ems keinen Schlick ablagern. Das Gleichgewicht des Flusses ist gestört.
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